Maria Stern und das Patriarchat

Der „Standard“ holt zu seinen Sommerinterviews mit Politikerinnen und Politikern immer jemanden dazu, üblicherweise aus der linksliberalen Blase, was jedoch nichts daran ändert, dass diese Gespräche durchaus interessant sind. Vielleicht war als Unterstützung für die designierte Chefin der Liste Pilz Maria Stern Scheidungsanwältin Helene Klaar gedacht, doch sie könnte sich als Danaergeschenk erweisen. Denn Klaar ist bekannt (und gefürchtet), weil sie Beziehungen zwischen Männern und Frauen sehr nüchtern und ohne romantische Schnörkel sieht. Dazu gehört auch, Realitäten anzuerkennen, die aus einer immer noch ungleichen Verteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit, also einem Machtungleichgewicht zwischen Männern und Frauen resultieren. Sie wägt ab, ob Frauen im individuellen Fall zwar ihren Stolz behalten, dann aber mit wenig dastehen, oder ob eine Trennung finanziell verkraftbar ist. Das passt zu vielen vielleicht unfairen Urteilen über Maria Stern, die sich pragmatisch daran orientiere, den gut und bald noch besser bezahlten Job bei Pilz nicht zu verlieren. Wenn der „Standard“ Klaar zum Interview dazuholt, kann das nichts anderes bedeuten als die Realität der Machtverhältnisse bei Pilz und damit weibliche Abhängigkeit anzuerkennen. 

Viele meinten in den letzten Wochen, sie seien im falschen Film. als Stern den Verzicht aufs Nachrücken ins Parlament als „zutiefst feministischen Akt“ bezeichnete und als Draufgabe verkündete, dass #MeToo nicht bedeuten soll, Namen zu nennen, sondern Grabscher in der Anonymität zu belassen. Oder als sie, was ihren Ex-Kollegen Sebastian Bohrn-Mena besonders befremdete, zu üblem sexistischem Mobbing gegen die Abgeordnete Martha Bißmann (die nicht für Pilz weichen wollte) nur meinte, sie sei daran selbst Schuld. Im „Standard“ gibt es diese Passage zum Thema Mandat: „Stern: Machtvoll habe ich ja bereits gehandelt, indem ich mein Mandat nicht angenommen habe. Denn damit habe ich vollkommen andere Voraussetzungen für den Klub geschaffen – und das zählt auch durchaus zu meinem Stil. Klaar: Da haben Sie schon recht: In dieser heiklen Situation musste ja irgendjemand in Ihrer Partei einlenken. Ich halte es für ein typisch männliches Verhalten, zu sagen: ‚Das ist mein Nationalratsmandat, als Lebender bringt mich hier keiner mehr weg!‘ – wie es die Abgeordneten ja gemacht haben. Doch warum sollten Frauen die schlechten Verhaltensweisen von Männern imitieren? Daher habe ich da durchaus mit Ihnen sympathisiert. Mit Ihrer Entscheidung haben Sie die wirklich an die Substanz gehende Krise beigelegt.“

Helene Klaar und Maria Stern

Man und frau sollte sich andere Klaar-Aussagen vergegenwärtigen wie: „Scheidung ist für Männer ein finanzielles Problem, für Frauen ein existenzielles“ oder auf die Frage, warum sie von Scheidung abrät: „Weil eine nicht mehr sehr glückliche Ehe immer noch besser ist als das Trümmerfeld einer Scheidung.“ Und sie führt als Argument die Lebenshaltungskosten an, außer es geht wirklich überhaupt nicht mehr, also: „Wenn man Magenbeschwerden, Haarausfall und Hautausschlag bekommt, sobald der Ehepartner im gleichen Raum ist, geht es ohnedies nicht mehr. Aber solange dieses Stadium nicht erreicht ist, sehe ich keinen zwingenden Grund für eine Scheidung.“ Ihre Einschätzung von Männern ist ebenso nüchtern wie klischeehaft: „Ganz selten gibt ein Mann die Frau auf, die seine Hemden bügelt und seine Socken wäscht, wenn er keinen Ersatz für sie hat.“ Doch als Linke, die vor dem etwas jüngeren Peter Pilz bei den sozialistischen Studenten war, sieht sie den Kapitalismus und seine Arbeitszeitverteilung als Hauptursache für viele Eheprobleme. Frauen sieht sie dabei meist als die Betrogenen, nicht nur, weil viele Männer sich längst anderwertig umgesehen haben: „Weil sie nicht die Macht haben. Weil sie nicht das Geld haben. Ich kann Ihnen tausend Beispiele nennen. Die Frau, die gekocht und geputzt und die Kinder betreut und gearbeitet und gespart und sich gefreut hat auf die Zeit, in der sie zusammen die Rente genießen, die dann erfährt, dass er sich in eine andere, jüngere verliebt hat.“

Scheidung, weil es keine Liebe mehr gibt, kann sie nur dann vertreten, wenn es sich finanziell ausgeht: „Ja, aber nur, wenn man trotz Scheidung gut leben kann. Wenn man hungert und friert, finde ich nicht so wichtig, ob die Liebe noch so ist wie am ersten Tag. Ich bekenne mich dazu, nicht der Meinung zu sein, dass nur eine Ehe erhaltenswert ist, die perfekt glücklich ist. Ich wehre mehr Scheidungen ab, als ich aktiv betreibe. Viele der Frauen, die zu mir kommen, denken, wenn er mich nicht mehr will, was bleibt mir anderes übrig als die Scheidung? Sie freuen sich, wenn ich sage, sie müssen das nicht wollen.“ Mit anderen Worten betrachtet Helene Klaar, die den Ruf hat, schon vielen Frauen geholfen zu haben, unsere Lebensverhältnisse illusionslos. Es versteht sich von selbst, dass sie wie Maria Stern gegen den 12 Stunden-Tag ist, der ungleiche Arbeitsteilung noch mehr einzementiert (und die Forderung des Frauenvolksbegehrens nach der 30 Stunden-Woche nach einem Schritt in Richtung Gleichberechtigung aussieht). Bereits bisher trugen aber auch Frauen das Ihre bei, etwa indem sie Männer aus der Kinderbetreuung und dem Haushalt von Anfang an ausschließen. Maternal Gatekeeping wird durch unsere Arbeitsbedingungen begünstigt, die Wurzeln dafür sitzen aber auch in der Psyche jener Mütter, die nur mehr Mutter sein wollen.

Der Feminist Robert Franken zur Chancengleichheit

Zugleich steht die Arbeitswelt vor großen Umbrüchen durch die Digitalisierung, betrachtet Frauen aber immer noch als defizitäre Wesen, die lernen müssen, sich besser an Männerverhalten zu orientieren. Dazu der Feminist Robert Franken (Male Feminists Europe): „Männliches Führungsgebaren ist nach wie vor die Norm. Wer dieser Norm nicht entspricht, muss gemäß dieser Logik angepasst werden – es bleiben nicht nur unterschiedliche Fähigkeiten und Fertigkeiten der Geschlechter auf der Strecke, auch für Individualität ist bei so viel Anpassung wenig Raum. Dabei läge viel Potenzial in der komplementären Betrachtung des Miteinanders von Frauen und Männern. Wenn wir weniger Aufmerksamkeit auf die Unterschiede, sondern mehr auf das Miteinander richten würden, läge der Fokus automatisch darauf, optimale Rahmenbedingungen für das gemeinsame Wirken zu schaffen. Doch selbst wenn Frauen sich einbringen: Heute kommt es stark darauf an, wer sich einbringt und auf welche Weise sie oder er das tut. Am Ende ist es immer noch so, dass Männer statusseitig profitieren, wenn sie mit neuen Ideen kommen, Frauen jedoch eher nicht.“ So gesehen hat Helene Klaar Recht, wenn sie Maria Stern beipflichtet, dass Mandat-Haben-Müssen an Männerverhalten erinnert.

Absurderweise tun sich  wertkonservative Männer leichter damit, bei den Kindern zu bleiben, während sie sich auf den Beruf konzentriert; aber Linke sind meistens in der Theorie weit emanzipierter als in der Praxis. Die jüngst verstorbene Autorin Christine Nöstlinger nahm übrigens den Haushalt auf sich, betrachtete sich nie als Feministin, war es aber in ihrem konsequenten Handeln; sie fand Kampagnen wie Halbe-Halbe jedoch ziemlich weltfern. Maria Stern war einige Zeit lang mit Vorhaltungen an die Liste Pilz konfrontiert, die in allererster Linie deren Gründer betrafen, was sie ja nicht unbedingt auf ihre Kappe nehmen muss. Es ist verständlich, dass sie ihre Stellungnahme „Das Drehbuch der anderen“ nennt, wo das Frauenvolksbegehren von einem „Meisterstück des Patriarchats“ spricht. Aber wie kann sie Regie führen in einer potemkinschen Partei, deren fragilen wie seltsamen Charakter Peter Pilz und Sebastian Bohrn-Mena jüngst in Interviews entlarvten? Dass der Feminismus abseits hehrer Überzeugungen bei der eigenen Existenz endet, mag ebenso entschuldbar sein wie bei gefrusteten Frauen, die auf ihr eigenes Leben verzichten, weil sie Scheidung in jeder Hinsicht zu viel kostet. Doch der „Standard“ hat Stern mit der Wahl der Mitinterviewten auch einiges erspart, nämlich mit der anderen Seite der Pilzschen Aufdeckerrolle konfrontiert zu werden, der offenbar auch Klaar etwas abgewinnen kann.

Maria Stern und Christian Kern

Natürlich ist nie alles feministisch, was uns so verkauft wird; man denke etwa an die vermeintliche Punk-Band Pussy Riot oder an Femen. Es wird aber bedenklich, wenn alles auf den Kopf gestellt und nicht eigenständiges Handeln von Frauen ein falsches Etikett bekommt. Wäre Stern mit Interviewpartnern konfrontiert, die nicht die Sorge Alleinerziehender in den Mittelpunkt stellen, sondern Pilz-Desinformationen in der BVT-Affäre oder bei den Eurofightern, würde sie vielleicht erkennen, dass nicht ihr eigenes Drehbuch sie zur Obfrau einer Minipartei macht. Aus ihrer persönlichen Sicht wird sie geehrt und auch geschmeichelt sein, dass sie eine Partei anführen soll, die allen derzeitigen Umfragen zum Trotz eventuell doch noch einmal ins Parlament kommt. Und wenn ihr Sebastian Bohrn-Mena einsame Entscheidungen mit Pilz vorwirft, sieht sie darin dessen Geltungsbedürfnis und zugleich das Vertrauen von Pilz in sie. Es mag auch schmeicheln, dass sie dazu auserkoren wurde, die #MeToo-Wogen zu glätten, nachdem Ermittlungen gegen Pilz wegen sexueller Belästigung eingestellt wurden, dies ihn aber in den Augen vieler nicht freispricht. Sie wird nicht fragen, wo eigentlich der Beitrag der Liste Pilz-Männer inklusive des Gründers ist und warum sich die weiblichen Abgeordneten nicht dazu äußern (wollen?).

„Österreich“ am 22.11.2017

Von außen betrachtet gibt es zwar einen Liste Pilz-Parlamentsklub, aber keine Partei, weil diese ja auch nur formal, nicht aber real existieren sollte.  Daher kann man nur (erstaunt) lauschen, wenn Pilz und Stern von anstrengenden Tätigkeiten sprechen, die damit verbunden sind, der Partei doch Leben einzuhauchen. Dies übrigens auch angesichts einer Anzeige bei der Korruptionsstaatsanwaltschaft, die Mandatskauf und Druck in den Raum stellt. Auch Stern hat zu verantworten, dass sich Pilz im November nach seinem Rücktritt zu einem Abgeordnetengehalt praktisch selbst anstellte, um dann – siehe Zeitungsausschnitt oben – nach ein paar Tagen für einen Monat auf Urlaub zu gehen. Welche arme und wie einst Stern vor der Delogierung stehende Alleinerziehende hat so ein unverschämtes Glück wie Pilz? Immerhin bezieht sie jetzt 5.500 Euro brutto als Bereichssprecherin und wird als Parteiobfrau (soviel Gleichberechtigung muss sein) 8.800 wie Pilz erhalten. Angesichts der noch zu erwartenden Turbulenzen (auch weil Pilz in den U-Ausschüssen versagen wird) wirkt Stern nicht wie die Drehbuchschreiberin ihres eigenen Lebens, sondern wie eine Traumtänzerin. Dazu passt auch, dass sie nicht den Dialog sucht mit denen, die ganz andere Konsequenzen aus #MeToo ziehen, sondern genau das verweigert, was sie einfordert.

PS: Helene Klaar ist übrigens stellvertretende Vorsitzende der SPÖ Wien-Wieden, logischerweise ein Feindbild der „Väter ohne Rechte“ und ihre Wege kreuzten jene von Maria Stern mehrfach. Etwa bei einer Pressekonferenz zum Unterhaltsrecht 2017, an der auch Ex-Frauenministerin Pamela Rendi-Wagner und Peter Pilz teilnahmen. Oder ebenfalls 2017 bei der Ringvorlesung über häusliche Gewalt „Eine von fünf„,  wo Klaar beim Auftakt referierte und Stern als Künstlerin auftrat.

 

 

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