Maria Stern und alle Aspekte von #MeToo

Maria Stern von der Liste Pilz versprach uns am 7. Juni eine schriftliche umfassende Stellungnahme zu allen Aspekten von #MeToo, da es auch gegen Parteichef Peter Pilz Vorwürfe sexueller Belästigung gab. Sie sagt, dass Pilz Verantwortung übernommen habe und #MeToo so grauslich und komplex sei, dass wir eine halbe Stunde drüber reden müssten, da drei von vier Frauen belästigt werden. Nun sind bald drei Wochen verstrichen und Stern hat noch nichts vorgelegt, sodass es Sinn macht, ihr eine Meßlatte in der notwendigen Debatte vorzugeben. Begonnen hat es damit, dass Medien recherchierten, was es mit Gerüchten auf sich hatte, dass Pilz gegen eine Mitarbeiterin in den Grünen übergriffig war; als sie dies präzisieren konnten, wollte er dazu nichts sagen. Auf erste Berichte reagierten zwei Männer, die 2013 Zeuge wurden, als Pilz in betrunkenem Zustand eine Besucherin des Forum Alpbach begrabschte; diese Frau schrieb dann an einen der Männer, der sich auf Twitter äußerte: „Lieber Christian, habe gerade gelesen, was du auf Twitter geschrieben hast. Danke! Ich überlege eigentlich schon seit seiner Kandidatur, wie ich damit umgehen soll – mich nie getraut, die Sache aufzubringen, weil ich dachte, ich würde mich damit lächerlich machen. Ich stand ja wie versteinert da und konnte mich nicht mehr bewegen. Danke nochmal, dass ihr mich dann aus der Situation gerettet habt.“

Pilz wollte nach Artikeln in „Presse“ und „profil“ bei einer Pressekonferenz am 4. November eigentlich auf Angriff als beste Verteidigung setzen, wurde jedoch zuvor von Florian Klenk vom „Falter“ mit der Alpbach-Geschichte konfrontiert und trat zurück. Auch da versuchte er jedoch nach vorne zu fliehen, wie man an dieser flapsigen Erklärung sieht, die viele Männer als zu Unrecht mitgemeint verägerte:  „Ich bin einer dieser älteren, mächtigen Männer, die zum Teil noch aus anderen politischen Kulturen kommen.“ Und er führte noch aus: „Wir älteren und in meinem Fall noch – gerade noch – mächtigen Männer müssen bereit sein, auch etwas dazuzulernen. Ich bin dagegen, dass unser ganzes Leben von politischer Korrektheit dominiert wird.“ Er ist aber „sehr dafür, dass wir Männer in solchen Positionen darüber nachdenken …., wie das jene, die für uns arbeiten und in einer schwächeren Position sind, nicht nur, aber insbesondere, wenn es Frauen sind, wie sie das empfinden.“ Man sieht auch sein Kokettieren mit „Macht“, die stets das überschritten hat, was einem von 183 Abgeordneten zusteht, was ganz gut zu allen Aspekten von #MeToo passt. Denn Machtmissbrauch hat viele Gesichter, und bekannte Grabscher fallen auch dadurch auf, mit Männern nicht zimperlich umzugehen. Wie wir nicht nur im „Falter“ nachlesen können, sah sich Pilz als Opfer einer jungen Referentin im Grünen Klub, die im Dezember 2015 sein anlassiges Verhalten nicht mehr aushielt.

Maria Stern in der ZIB 2, 7.6.2018

Auch wenn diese Vorfälle selbst angesichts einer erfolgreichen Gegenkandidatur von Pilz 2017 erst Anfang November ans Licht kamen, fühlte sich Pilz als Getriebener, gegen den Ex-Klubobfrau Eva Glawischnig ein Druckmittel in er Hand habe (sie verabschiedete sich im Mai 2017 noch vor Pilz aus den Grünen). Er sah sich, unterstützt von seinem Freund, Anwalt und nunmehrigen Klubkollegen Alfred Noll einem Tribunal ausgeliefert, bei dem er den genauen Inhalt der Beschuldigungen (einem Schreiben der Gleichbehandlungsanwaltschaft an Glawischnig) nicht kannte. Noll beruhigte seinen Freund, dass die Mitarbeiterin glaubhaft machen müsse, dass sie sich belästigt fühlte; schließlich habe sie bei seinen Witzen mitgelacht. Laut Anwaltschaft war sie jedoch von ihm angewidert, kaum dass sie ihre Stelle im Jänner 2014 angetreten hatte, und sei von ihm wie ein Schatz herumgezeigt bzw. auch herabgewürdigt worden. Wahrscheinlich dachte sie angesichts der medialen Darstellung von Pilz, dass es toll sein muss, für ihn tätig zu sein, und war dann umso mehr ernüchtert von der Realität und befürchtete, dass man ihr keinen Glauben schenken werde (die klassische #MeToo-Situation). „Ein alternder Linker, der sich gerne von jungen Frauen anhimmeln lässt, eine lockere Zunge hat, Zoten erzählt und seine Hände nicht unter Kontrolle hat“, beschreibt es der „Falter“ unter Verweis auch darauf, dass Pilz von Potenzproblemen sprach und mit ihr verreisen wollte. Glawischnig hätte die Vorwürfe gerne offen im Klub geklärt und Pilz aus der Partei ausgeschlossen; er vertraute sich Harald Walser, Bruno Rossmann und Wolfgang Zinggl an; die beiden Letztgenannten folgten ihm zur eigenen Liste. Nach den ersten Veröffentlichungen meldeten sich Frauen, die Opfer von Übergriffen in den Grünen oder bei grünen Festen wurden. Um fair zu sein sei gesagt, dass es natürlich auch Falschbeschuldigungen gibt und zwar sicher mehr dann, wenn das Thema mehr Aufmerksamkeit hat; zugleich werden so aber auch Opfer ermutigt, jahrelanges Schweigen zu brechen.

Ein wichtiger #MeToo-Aspekt ist die Ambivalenz, man kann auch sagen der Opportunismus der Grünen, denn sie boten ihm trotz allem eine Vorzugsstimmenkampagne an, als der Bundeskongress vor einem Jahr Julian Schmid vorzog. Und sie waren bereit, mit ihm gemeinsam den Eurofighter-U-Ausschuss zu beenden, noch zusammen einen Fraktionsbericht zu verfassen. #MeToo spielte weder was das anlassige Verhalten betrifft eine Rolle noch bezüglich all der anderen Aspekte. Denn Pilz spielt mit Machtbegriffen, weil er sich selbst gerne als mächtig betrachtet und hat diebische Freude daran, formal Mächtigere zu demütigen. Dabei ist man in der Politik in Situationen relativer Ohnmacht oft nur Millimeter von Macht entfernt und es ist gerade auch Pilz, der für diesen Unterschied sorgt. Mit seinem nun bekannten Verhalten wäre er vollkommen indiskutabel, würde er keinen mächtigen, sich im Hintergrund haltenden Kreisen nützliche Dienste leisten. Deswegen fällt, wenn wir in die neue „Woman“ (vom 21. Juni) schauen, das Urteil von Maria Rauch-Kallat (ÖVP) über Pilz auch vernichtender aus als jenes von Ulrike Lunacek, der auch dank Pilz gescheiterten grünen Spitzenkandidatin. Aber vielleicht spielt hier eine Rolle, ob frau lesbisch oder heterosexuell ist, denn es gibt auch eine spezifische Verwundbarkeit heterosexueller Frauen nicht immer durch eigenes Erleben, aber durch es sich sehr gut vorstellen können.

Pilz beim grünen Bundeskongress 2017

Ebenso können Schwule jene #MeToo-Berichte sehr gut nachvollziehen, die von den Übergriffen homo- oder bisexueller Prominenter handeln. In Maria Sterns Statement werden wir wahrscheinlich lesen, dass Naming Names gar nicht so gut ist, weil sich Täter am besten in der anonymen Masse genieren, als zur Verantwortung gezogen zu werden. Nicht nur bei der Pressekonferenz am 7. Juni 2018 mit Pilz stellte Stern ihn geradezu als Opfer dar, weil über ihn nun mal mit Namen berichtet wird und so viele andere nicht öffentlich bekannt sind. Beim Klub der Liste Pilz, der aus Kandidatenreihungen hervorgegangen ist, irritierte von Anfang an das höhere Durchschnittsalter der Männer und das deutlich geringere der Frauen. Es erweckte den Anschein, dass hier die im grünen Klub geächtete (aber dennoch auf verquere Weise geduldete) Situation legitim ist, als eine Art Gentlemen’s Agreement. Ohne Akteuren Handlungen zu unterstellen, signalisiert dies doch ein ziemliches Machtgefälle, das wir u.a. daran erkennen, dass weibliche Abgeordnete kaum an die Öffentlichkeit treten und sich klaglos von Pilz aus den U-Ausschüssen verdrängen lassen. Und die meisten Frauen kennen Vermeidungsverhalten unterschiedlichster Art, wenn es keinen gleichberechtigten Umgang mangels gleichberechtigter Positionen gibt. Denn jede Frau weist Übergriffe zurück, wenn sie es kann oder sich selbst dazu ermächtigt – das muss nicht immer mit der objektiven Situation korrelieren, in der sie sind, da auch „machtlose“ Frauen tough sein können (was wir z.B. vom schwarzen Feminismus lernen können).

Bezeichnend an der Wahl jüngerer Kolleginnen ist ja, dass diesen „Potenzial“ zugebilligt wird, dass sie also unter den Fittichen der älteren Männer wachsen und sich entfalten können, diese aber wegen ihrer Überlegenheit erstmal alle Positionen für sich reklamieren. Es mag Maria Sterns feministischem Auge entgehen, weil sie vielleicht von ihrer zukünftigen Rolle als Parteiobfrau geblendet ist, aber es ist, wie wenn Harvey Weinstein eine neue Firma gründet, in der ältere Herren über die Chancen jüngerer Frauen entscheiden. Die Konsequenz aus #MeToo ist also mehr davon, zurückgedrängte und instrumentalisierte junge Frauen, die ein bisschen in Betroffenheit schwelgen dürfen (wie Alma Zadic von „Rassismus und Sexismus“), wenn es Peter Pilz nützt. Es muss auch der sexistische, Frauen ausziehende Blick sein, wenn dieser Mini-Klub und nur er so ein deutliches Männer-Frauen-Gefälle aufweist. Gegen etwas ältere Frauen spricht natürlich nicht nur, dass sie nicht wie 25 oder 30 aussehen, sondern dass sie mehr wissen, mehr Erfahrung haben und einem Grabscher eines auf die Pfoten geben. Dass Maria Stern lange braucht für ihre Stellungnahme, kann für sie sprechen, denn angesichts auch nur dessen, was über Pilz‘ Verhalten bekannt wurde, lässt sich schwer etwas positiv argumentieren. Und wenn wir den Bereich des Sexismus verlassen und generell seinen Umgang mit anderen Menschen betrachten, passt es ausgezeichnet zur geschilderten Selbstherrlichkeit von #MeToo-bekannten Studiobossen, Regisseuren, anderen Politikern usw.

Pilz am 6.11.2017

Es hat bis letzten November gedauert, dass Pilz-Tagebücher uns lächerlich vorkommen, denn da versuchte er, sich als Opfer einer kaltblütigen, berechnenden jungen grünen Mitarbeiterin hinzustellen. Lange führte er ein politisches Tagebuch im Netz, das auch oft lächerlich war, aber von vielen für bare Münze genommen wurde und dazu beitrug, auch von der Justiz ernstgenommene Narrative zu schaffen. Es muss ein Martyrium gewesen sein, dem der „Star“ der U-Ausschüsse ausgesetzt war, weil ihn eine unerfahrene, aber ehrgeizige Mitarbeiterin mobbte, wie sein privates Tagebuch belegen soll, das er bei einem HIntergrundgespräch nach seinem Rücktritt verteilte. Es waren seine Tagebücher, die öffentlichen, beispielsweise zu den Eurofightern, die Bilder etwa von Maria Rauch-Kallat und Alfons Mensdorff-Pouilly, aber auch von Norbert Darabos zeichneten, die viele Menschen für real hielten.  Das funktionierte, weil Pilz wie Weinstein und Co. von der Boys‘ Club-Mentalität z.B. in der Medienszene profitierte. Doch er wurde auch verdeckt unterstützt, was daran deutlich wird, dass er meint, der amerikanische Anbieter Lockheed hätte statt EADS zum Zug kommen müssen.

Ein weiterer Aspekt von #MeToo sind jene Frauen, die sicher auch in gutem Glauben oder weil sie sich anpassen und sich Vorteile versprechen, Täter in Schutz nehmen und Taten bagatellisieren. Kann frau Maria Stern so einordnen oder täte ihr das Unrecht? Wir werden nie ganz die Beweggründe anderer erahnen oder verstehen können; es sieht jedenfalls aus, als habe Stern nach ihrem „zutiefst feministischen Akt“ des Verzichts für Peter Pilz weniger Spielraum als vorher. Sie antwortet nicht, sie blockiert Menschen in den sozialen Medien, die ihr Verhalten kritisch sehen, aber mit ihr in Dialog treten wollen. #MeToo gäbe es auch ohne Frauen, die es kleinreden oder bei anderen Frauen Schuld oder zumindest Mitwirkung sehen, die so von Rahmenbedingungen ablenken. Es ist jedoch ein wesentlicher Faktor, dass immer wieder Frauen dort ausscheren, wo es einen Grundkonsens geben sollte – nämlich den, dass Frauen in jeder Lebenslage selbst bestimmen können. Da müssen, was Übergriffe betrifft, die Jungen am Beginn ihrer Karriere ebenso in Sicherheit sein wie bereits Ältere, Erfahrenere, die sagen sollen, was sie auch früher erlebten, ohne dass ihnen vorgeworfen wird, etwas nach Jahren wieder aufzukochen. Bei Unterstützung eines Mannes muss nicht unbedingt Feminismus ins Treffen geführt werden, weil dies leicht Alibicharakter hat, doch es sollte nachvollziehbar sein. Hier scheint eine Feministin indiskutables männliches Verhalten gegenüber Frauen in die Waagschale zu werfen und Aufdeckereien gegenzurechnen, die selbst in Wahrheit indiskutabel sind.

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