Schweden, Österreich und der Waffenhandel

Der schwedische Premierminister Olof Palme wurde 1986 ermordet und seitdem ranken sich Gerüchte über mögliche Täter. Zuvor verschwand eine Journalistin, die über illegalen Waffenhandel recherchiert haben soll, um Monate später tot geborgen zu werden. In Österreich, das über die Sozialdemokratie immer gute Kontakte zu Schweden hatte, gab es ungeklärte Todesfälle infolge von Verstrickungen in die Irangate-Affäre, da die USA den ersten Golfkrieg (1980 bis 1988) am Laufen halten wollten. Der nunmehrige Abgeordnete Peter Pilz betrat 1985 die politische Bühne mit einer umstrittenen Rüstungskonversionsstudie, über die die späteren Bundespräsidenten Heinz Fischer und Alexander Van der Bellen ihre schützende Hand hielten. Als Folge der Noricum-Affäre, die zu Irangate gehört, gab es tatsächlich so etwas wie Rüstungskonversion, weil Produktionen eingestellt wurden; dies wiederum schwächte das vermehrt auf das Ausland angewiesene Bundesheer. Schweden ist in einer scheinbar besseren Position, jedoch in die NATO eingebunden bis zur Stationierung mehrerer hundert Soldaten in Afghanistan (Viggen-, Draken- und Gripen-Jets sind voll mit amerikanischer Elektronik).

In beiden formal neutralen Staaten wurden Stay Behind-Strukturen (Gladio) errichtet, die bei der Ermordung Palmes eine Rolle gespielt haben sollen. Beim Tatort „Wahre Lügen„, der damit beginnt, dass eine Journalistin ermordet wird, die den Tod von Ex-Verteidigungsminister Karl Lütgendorf (1981) neu aufrollen will, gab es einige interessante Hinweise. Nicht nur, dass der pensionierte Ermittler, zu dem sie unterwegs war, am Ende selbst ermordet wird, sondern auch, wie dieJournalistin Sylvie Wolter gefunden wurde. Denn dies war Zufall, weil Taucher einen Lehrgang machten und sie in ihrem Auto in. 40 Metern Tiefe im Wolfgangsee entdeckten. Das spielt auf den Tod der schwedischen Journalistin Cats Falck an, die für die Fernsehsendung „Rapport“ arbeitete und sich mit illegalem Waffenhandel befasst haben soll. Nach einem Restaurantbesuch am 19. November 1984 waren sie und ihre Freundin Lena Gräns spurlos verschwunden. Am 29. Mai 1985 wurde das auf Gräns zugelassene Auto in einem Kanal in Stockholm gefunden; die Behörden gingen von einem Unfall aus. Das Buch „Im Spinnennetz der Geheimdienste„, das den Mord an Olof Palme, Uwe Barschel und Ex-CIA-Chef William Colby untersucht, geht auch auf Cats Falck ein.

Wer erschoss Olof Palme?

 

Sie und Gräns seien wohl im Restaurant vergiftet worden, man schob dann das Auto in den Kanal, machte aber den Fehler, Falck, die keinen Führerschein hatte, auf dem Fahrersitz zu platzieren. Falck soll sich mit Lieferungen der Firma Bofors nach Ostdeutschland befasst haben. Darauf wies auch ein anonymes Schreiben hin, in dem außerdem auf den Tod von Carl Frederick Algernon eingegangen wird, der als Leiter der für Waffenexporte zuständigen Stelle Bofors-Schmiergeldzahlungen untersuchte und sich am 15.Jänner 1987 in Stockholm vor die U-Bahn geworfen haben soll. Bei Palme gab es auch Vermutungen, die DDR könnte ihre Finger im Spiel gehabt haben, außerdem das südafrikanische Apartheid-Regime, dessen erklärter Gegner er war; bei möglichen Motiven traf sich jedoch die Weltpolitik. Doch es ist plausibel, dass eine geheime Einheit der CIA ihre Finger im Spiel hatte, was zu Aussagen des Ex-Agenten Gene Tatum passt, der sie „Pegasus“ nannte. Sie wurde in den 1950er Jahren gegründet, als Dwight D. Eisenhower (zuvor erster Oberbefehlshaber der neuen NATO in Europa) Präsident war. Hier geht es auch um die Iran-Contra-Affäre, deren Knackpunkt einwandfreie Enduserzertifikate für Waffenlieferungen waren. Diese erforderten politische Kooperation, zu der Palme nicht bereit war; all das weist Parallelen zu Vorgängen in Österreich auf, zumal es in der Noricum-Affäre wie in Schweden um Haubitzen ging (GHN-45 in unserem Fall).

Man diffamierte Palme auch als angeblichen Kreml-Handlanger, weil er ein neutrales Skandinavien und eine atomwaffenfreie Zone in Mitteleuropa wollte, dies sollte bei Gesprächen mit Michail Gorbatschow in Moskau thematisiert werden, zu denen es nicht mehr kam. Um Palme zu diskreditieren, wurde vorgetäuscht, dass russische U-Boote in schwedischen Gewässern kreuzen können, ohne von der Marine behelligt zu werden (siehe „The Secret War Against Sweden“ von Ola Tunander und Film „Täuschung – Die Methode Reagan“ von Dirk Pohlmann, hier als Video). Es erinnert an die jetzt aufgedeckte „Integrity Initiative“, die u.a. Labour-Chef Jeremy Corbyn desavouiert; man hatte es aber in den Zeiten von Internet und Social Media einfacher, da man keine getarnten NATO-U-Boote einsetzen muss. Auch die Stay Behind-Strukturen der NATO (Gladio) hatten Palme auf ihrem Radar, der am Abend des 28. Februar 1986 ohne Personenschutz ins Kino ging und in der Nähe der Skandia-Versicherung erschossen wurde. Dort befand sich der Sitz der schwedischen Stay Behind-Strukturen mit Versicherungsdirektor Alvar Lindencrona als Chef. In Schweden baute der spätere CIA-Chef William Colby das Stay Behind-Netzwerk auf bzw. reorganisierte es, in Österreich waren Spitzengewerkschafter daran beteiligt. Gladio wurde vom Allied Clandestine Committee/Special Operations Planning Staff im NATO-Hauptquartier aus koordiniert (geht Gladio weiter?). Ein SOPS-Protokoll befasste sich u.a. damit, dass Olof Palme dem indischen Premier Rajiv Gandhi eine getarnte falsch deklarierte Lieferung von Uran 235 für sein Atomprogramm schickte und dieser dafür auch Haubitzen bei Bofors kauft. Im Dokument, das nach Ansicht von Experten echt ist, geht es auch einen „Yggdrasil“ genannten Zusammenschluss von Rüstungskonzernen, welche die Kriegsparteien Iran und Irak beliefern.

Patrick Baab („Im Spinnennetz…“) 

Mit „nass Beirut“ wurde der Auftragsmord umschrieben, der Palme aus dem Weg räumen sollte (siehe fiktive Seite aus dem Lütgendorf-Tagebuch in „Wahre Lügen„, wo sich Luetgendorf davor fürchtet, dass ein „AM“ geschickt wird, um ihn zu beseitigen). Als der ägyptische Präsident Anwar as-Sadat am 6. Oktober 1981 ermordet wurde, erbleichte Lütgendorf angesichts der Nachrichten und meinte, er werde der nächste sein; am 9. Oktober war er tot. Das Palme-Problem sollte durch einen „selbständigen Subunternehmer“ gelöst werden, damit man eine Beteiligung jederzeit abstreiten kann. Es sollten aber „Techniker“ vor Ort sein, um Spuren zu verwischen, wie man es auch bei Kidon-Operationen des Mossad kennt (siehe auch Tatort-Folge „Deckname Kidon„). Palme verzichtete oft auf Bewachung, aber da seine Wohnung nicht verwanzt war, konnte nicht nachvollzogen werden, wie festgestellt wurde, dass er am 28. Februar ungeschützt war, zumal der Kinobesuch erst gegen Abend fixiert wurde. Palme war in den 1950er Jahren Mitarbeiter der Verteidigungsministeriums und erhielt Einblick in die Stay Behind-Strukturen, an denen Rechtsextreme mitwirkten; siehe die Affäre 1952 um die Organisation Sveaborg unter Otto Hallberg. Sveaborg („Schwedenburg“) und andere Rechtsextremisten waren aus der Sicht der CIA eine logische Wahl, weil sie stramm antikommunistisch waren. Allen Dulles kam 1953 nach Sweden und sah sich auch das Stay Behind-Netzwerk an; mit Österreich war er über seinen zeitweiligen Schwiegersohn Fritz Molden verbunden. Frank Wisner schickte dann den jungen William Colby nach Schweden;  Thede Palm, seit 1946 Chef der schwedischen Militärgeheimdienste, widersetzte sich Dulles‘ „Wunsch“, dass die schwedischen Dienste unter das Dach der CIA kommen und blieb nicht lange auf seinem Posten.

Nach Colbys Rückkehr in die USA wurde Alvar Lindencrona Stay Behind-Chef (unter Kontrolle der CIA) und war nach außen hin erfolgreicher Manager u.a. bei Saab-Scania. Auch Sozialdemokraten wie Tage Erlander (Premierminister von 1946 bis 1969) und Offiziere waren bei Stay Behind; als Palme Erlander nachfolgte, hatte er das Interesse daran verloren und wollte die Strukturen wohl auflösen. Zuvor vertrat er den Premier bei Besprechungen zu Gladio im Skandia-Haus, heißt es. Anspielungen auf Palme und Gladio finden sich übrigens beim verstorbenen Autor Stig Larsson, der sich auch mit dem Palme-Mord und einer Spur nach Südafrika befasste. Im Band „Vergebung“ der Millennium-Trilogie kommen Parallelstrukturen beim Geheimdienst Säpo vor der in Gladio involviert war; einer der Protagonisten heißt Otto Hallberg. Im ersten Teil „Verdammnis“ gibt es einen korrupten Unternehmer Stig Wennerström, was auf einen enttarnten Doppelagenten gleichen Namens anspielt, der für Russland arbeitete. Wie in Schweden waren in Deutschland an den Parallelstrukturen anfangs Nazis beteiligt, wie man an der Affäre um die Geheimarmee Schnez sieht, die von Offizieren ab 1949 aufgebaut wurde und sich, an der Waffen-SS orientierte. Viele fragen sich, ob auch die RAF Stay Behind ist, siehe z.B. Attentat auf Alfred Herrhausen 1989 (empfehlenswert ist der Film Black Box BRD).

„Spy Wars“ reißerisch über Gerald Bull

In Österreich wurde Stay Behind in Zusammenarbeit mit Gewerkschaftern aufgebaut (ÖGB-Präsident Johann Böhm, dem späteren Innenminister Franz Olah, auch Karl Flöttl. Dessen Enkel Wolfgang in der BAWAG-Affäre ungeschoren davonkam und mit Eisenhowers Enkelin Ann verheiratet war). Erst dann kam das Bundesheer, das aus der 1950 errichteten B-Gendarmerie hervorging, die ebenfalls Gladio-Bezug hatte. Wie in Schweden soll die Koordination direkt über die CIA gelaufen sein und nicht über das ACC im NATO-Hauptquartier. Die Noricum-Affäre hat auch mit der von kanadischen Ingenieur Gerald Bull entwickelten Haubitze GHN-45 zu tun, die dem von den USA unterstützten Irak zur Überlegenheit gegenüber dem Iran verhelfen sollte (man bedenke, dass der Shah von Persien bei den Amerikanern Asyl fand). Bull war davon überzeugt, dass man mit einer entsprechenden Kanone auch Satelliten ins All schießen konnte. Er sollte für Saddam Hussein im Projekt Babylon freilich vor allem Abschussvorrichtungen für Raketen entwickeln, was den Staaten zu weit ging, die diese Kooperation zunächst förderten. Bull wurde im Jahr 1990 in Brüssel erschossen; eine Möglichkeit ist, dass er von einem Kidon-Team des Mossad beseitigt wurde.

Als im Jahr 1985 der österreichische Botschafter in Athen Herbert Amry von illegalen Waffendeals der VÖEST erfuhr und die Bundesregierung informieren wollte, erlitt er einen Herzinfarkt. Zuvor war er in Beirut stationiert, wo er 1981 Zulagen erstritt, weil er immer in akuter Lebensgefahr sei. Er starb am 12. Juli 1985 und hätte sich tags darauf mit dem Waffenhändler treffen wollen, der ihn auf Lieferungen an Kriegsgebiete hinwies (Irak via Jordanien, Iran über Libyen) das Magazin „Basta“ fotografierte im August 1985 die Verschiffung von Waffen in Jugoslawien. Manager Heribert Apfalter versprach sich dann Entlastung durch einen Informanten, den er an einer Autobahnraststätte traf, doch wenige Stunden danach versagte auch sein Herz (Uwe Barschel hoffte ebenfalls auf hilfreiche Beweise, als er jemanden vor seiner Aussage im U-Ausschuss des schleswig-holsteinischen Landtags in Genf treffen wollte). Im Gladio-Dokument, das sich auch mit dem Problem Palme befasst, ist ja vom Rüstungskartell „Yggdrasil“ die Rede;  Medienberichte sprachen davon, dass Tarngeschäfte auch über Österreich via „Pulverclub“ eingefädelt wurden. In einer Publikation von Lyndon LaRouche, der den Spagat vom Trotzkisten zum Vertreter teilweise rechtsextremen Gedankenguts schaffte, werden die Österreicher als Opfer des Waffenhandels mit dem Iran angeführt. Bei LaRouche fällt auf, dass sich in seiner Organisation in Deutschland auch Anno Hellenbroich engagiert, dessen Bruder Heribert Hellenbroich 1983-85 Verfassungsschutzchef und im August 1985 BND-Chef war.

Über Gerald Bull

Zur Noricum-Affäre gab es 1989 einen U-Ausschuss, in dem deutlich wurde, dass immer wieder Hinweise aus den USA kamen, wo man ja zuerst wollte, dass beide Kriegsparteien unterstützt werden (man findet sie auch indirekt in den Panama Papers). Wegen der Debatte über Panzerexporte nach Chile 1982 stellten Heinz Fischer (damals geschäftsführender SPÖ-Klubobmann) und Genossen den Antrag, das Kriegsmaterialgesetz zu ändern; dies fiel ein paar Jahre danach der VÖEST auf den Kopf. In den U-Ausschuss wurden u.a. Innenminister Karl Blecha, sein Sprecher Andreas Rudas, Verteidigungsminister Friedhelm Frischenschlager, Aussenminister Leopold Gratz und der österreichische Botschafter in den USA Thomas Klestil geladen. Mit dem Einsetzen von U-Ausschüssen befasste sich auch Stefan Hirsch während seines Studiums, der heute SPÖ-Kommunikationschef ist, als „Aufpasser“ für Ex-Verteidigungsminister Norbert Darabos fungierte und später bei Minister Hans Peter Doskozil arbeitete; er wird 2017 in einem Dossier für den Mossad-Mann Silberstein sehr gelobt. Beim Thema Noricum wird auch auf die Affäre um das 1977 im Indischen Ozean gesunkene Schiff Lucona verwiesen, das von der Reederei August Bolten bei der Büsumer Werft GesmbH in Auftrag gegeben  wurde. Sie ist ein Massengutfrachter, hiess zuerst Steinberg und hatte ihren Stapellauf am 15.10. 1966. Ihre Eckdaten bietet Wikipedia, weil sie auf unrühmliche Weise bekannt wurde; Udo Proksch, der schuldig befunden wurde, sie vorsätzlich versenkt zu haben, was sechs Menschen das Leben kostete, sprach einmal von einem baugleichen Schwesterschiff.

Gemeint ist die Scheersberg, manchmal auch Scheersburg A, die jedoch bereits 1955 vom Stapel lief und deren Länge, Breite und Bruttoregistertonnen der Steinberg ähnlich sind, aber eben nicht identisch. Sie gehörte ebenfalls der Reederei August Bolten, wurde aber von der Kröger-Werft gebaut; als ihr Konstrukteur wird Peter Kröger angegeben, während es bei der Lucona der Schiffbauingenieur und Generalkonsul Bernhard Maier-Thurnwald ist. Er wurde im Oktober 1986 unter einer Autobahnbrücke zwischen Lausanne und Genf tot aufgefunden (siehe Fußnoten hier).  Ex-Kanzler Bruno Kreisky, der nicht im Club 45 verkehrte, meinte, die Lucona sei „vom Mossad versenkt“ worden. Dies spielt auf die Scheersberg/-burg an und die Operation Plumbat, mit der das israelische Atomprogramm in die Gänge kam. Unter dem Decknamen Dan Ert wurde nämlich Dan Aerbel für den israelischen Geheimdienst Eigentümer der Scheersberg. Euratom stand Israel im Weg, als es Uran beschaffen wollte, und Dan Aerbel war 1964 in Wiesbaden stationiert, wo er praktisch im Umfeld einer US-Kaserne (und der CIA) Personen rekrutierte. In der Nähe war die Firma Asmara Chemie, die dann (angeblich) einen Deal mit einem italienischen Unternehmen abwickelte, dem sie in Belgien gekauftes Uran schickte. Israel konnte nicht offen agieren, da es nach dem Sechstagekrieg 1967 unter internationaler Beobachtung stand (es war jedoch vor dem Inkrafttreten des  Atomwaffensperrvertrags; In den USA verschwand übrigens Uran; man denke auch an den lange inhaftierten Whistlelblower Mordechai Vannunu und diverse Tote).

Iran-Contra 

Ein Berater des US-Senats namens Paul Leventhal wurde neugierig und sprach 1976 offen an, was zuvor nur von norwegischen Sicherheitsdiensten an „Partner“ weitergegeben wurde; er war auch 1977 bei einer Konferenz in Österreich. Dan Aerbel wurde nämlich 1973  im Zuge der Lillehammer-Affäre verhaftet, als der Mossad bei seiner Rache für den Terror bei den Olymischen Spielen in München 1972 einen Unschuldigen erschossen hatte. Weil er unter Klaustrophobie litt, hielt er das Eingesperrtsein nicht aus und gab einiges preis; unter anderem eben die Operation Plumbat, bei der die Ladung der Scheersberg auf offener See von einem israelischen Schiff übernommen wurde. Später wurde die Operation in einem Buch beschrieben, aus dem der „Spiegel“ Auszüge veröffentlichte: Teil 1, Teil 2, Teil 3 (Sommer 1978). Damals hiess die Kidon-Einheit des Mossad noch Caesarea und ihr erster Kommandant war Ehud Barak, später Premierminister (bei dem Tal Silberstein 1999 sein Wahkampfdebut hatte), auch Yonni Netanjahu, Bruder des jetzigen Premiers, gehörte ihr an. Es ist naheliegend, dass Plumbat einen Rettungsanker für Udo Proksch darstellte, nachdem die Lucona am 23. Jänner 1977 versunken war (Zeitzünder konnte man damals noch nicht so viele Tage im Vorhinein einstellen, by the way). Er verließ sich lange auf einflussreiche Freunde, etwa als Anwalt Gabriel Lansky 1987 versuchte, das Buch von Hans Pretterebner „Der Fall Lucona“ beschlagnahmen zu lassen.

Solange das Wrack nicht gefunden wurde (was eine aufwändige Aktion erforderte, die das Gericht in Wien dann doch bewilligte), konne man darauf spielen, dass ja schon mal ein Schiff samt Ladung verschwunden ist. Als 1990 behauptet wurde, die (zum Teil getötete) Besatzung lebe ja noch, war der Journalist Bernd Stracke, der Proksch auch schon begegnet ist, gerade in der Karibik, wo er bei den Hinterbliebenen von zwei der Männer recherchieren konnte. Die Scheersberg tauchte übrigens nach einigen Tagen wieder auf und war dann als Kerkya im Dienst. Proksch wurde auch zum Verhängnis, dass er zwar sofort die Versicherungssumme haben wollte, die vorhandenen Papiere aber wie hastig zusammengestellte Kopien von Bauzeichungen einer ganz anderen als der verschifften Anlage wirkten. Als Parallele zu Plumbat kann vielleicht gelten, dass es bei Logbuch und Papieren der Besatzung Merkwürdigkeiten gab und dass man angeblich nicht wusste, was die Lucona (die im Dezember 1976 in Deutschland ankerte) tat, ehe sie im italienischen Hafen Chioggia beladen wurde. Haben Udo Procksch und Hans Peter Daimler also Anleihen bei Plumbat genommen, jedoch um Schiff samt Besatzung wegen einer Versicherungssumme verschwinden zu lassen, oder ist etwas schiefgegangen?

Über Proksch 

Udo Proksch ist in Haft verstorben, Daimler schweigt und auch seine Ex-Frau Renate lässt nicht viel heraus, wenn sie autobiografisch schreibt. Beim Club 45 ist von einem „Séparée für die erotischen Bedürfnisse“ der Gäste die Rede; man spricht auch von Fotos, die Proksch heimlich aufnehmen liess und die eine seiner Partnerinnen vernichtete, als sie eine Schachtel damit fand. Erklärt dies auch, dass er so lange verteidigt wurde oder sind ihm alle auf den Leim gegangen? Wir dürfen uns die Nähe zu ihm vielleicht nicht so vorstellen, wie es Dialoge im Pretterebner-Buch nahelegen, der ja nirgendwo live dabei war. Was Irangate betrifft, das ja zu Proksch-Freunden wie den Ministern Blecha und Gratz verweist, die nicht auf Amry reagierten, so versuchte der Iran weiterhin, an Waffen (und Nuklearmaterial) zu gelangen (zu den Beziehungen zwischen dem Iran und Österreich siehe diese Diplomarbeit). Beim sogenannten Vela Incident 1979 wurde der dritte israelisch-südafrikanischer Atomwaffentest im Indischen Ozean von einem Vela-Satelliten der USA entdeckt, was uns wieder zur Haltung Palmes zurückführt. Dem israelischen Atomprogramm (mit Südafrika) stand gegenüber, dass Schweden Indien unterstützte und auch heute Rüstungsdeals macht, bei denen übrigens Saab mit von der Partie ist.

1980 starben zwei Politiker in Portugal, weil sie Waffendeals für den Golfkrieg nicht dulden wollten. Der Sozialdemokrat Francisco Sá Carneiro war Ministerpräsident, Adelino Amaro da Costa war von Jänner 1980 an der erste zivile Verteidigungsminister seit der Revolution 1974; er entdeckte, dass hochrangige Militärs in illegalen Waffenhandel verwickelt waren. Die Waffen wurden über den Hafen Setubal verschifft. Ihre Cessna stürzte im Dezember 1980 ab; damit konnten die Deals dann ungehindert weitergehen; an Bord war auch Carneiros Lebensgefährtin Snu Abecassis, eine dänische Autorin. Nicht vergessen werden darf, dass es damals Wahlen in den USA gab und Ronald Reagan Jimmy Carter ablöste, Irangate damit begann, dass die Freilassung von Geiseln in der US-Botschaft in Teheran verzögert wurde (heute ist eine der damalige Schlüsselfiguren an der Spitze der US-Waffenlobby). Stay Behind lief über Aginter Press, dem Schein nach eine Nachrichtenagentur, die aber wegen der Kolonien der Diktatur (bis 1974) sehr konkret mit Kämpfern agierte und nicht nur trainierte.

U.a. über Cats Falck

Was bleibt, sind einige weitere Links: der Film Doomsday Gun nimmt Anleihen bei der Geschichte von Gerald Bull; Iran-Contra wird in zahlreichen Dokumentationen beleuchtet; Ein Clip auf Youtube mit Untertiteln zeigt  Palmes letztes Interview am  26.2.1986; Ivan van Birchen behauptet, er sei von der CIA gefragt worden, ob er Palme erschießt (ein mögcher Attentäter wurde selbst getötet). Hier wurde eine Analyse von Trowbridge H. Ford gepostet, einem in Schweden lebenden ehemaligen Agenten der Defense Intelligence Agency. Cats Falck kommt in einigen Thrillern vor, u.a. in „Korrupt“ von Robert Kviby und in „Der Flügelschlag des Zitronenfalters“ von Martin Scheil. Detail am Rande: Daniel Ellsberg, bekannt u.a. wegen Watergate, erhält den Palme-Preis. Wir sollten alles auch unter dem Aspekt sehen, dass (illegaler) Waffenhandel  gewollt ist. Inzwischen sehen viele Peter Pilz als Märchenerzähler, doch in den Zeiten der U- Ausschüsse zu Noricum und Lucona war dies anders; gleich bleibt seine Agitation gegen Kampfjets (siehe Draken als fliegender Sonderabfall 1988). Gladio ist immer wieder Thema, nicht nur wegen Palme; was den Mord betrifft, so sorgt das neue Buch natürlich für Gesprächsstoff.

Die LaRouche-Organisation befasste sich auch mit dem Waffenhändler Monzer Al Kassar, der zweimal im Noricum-Ausschuss als Vermittler genannt wird. Auch Adnan Kashoggi, dessen Neffe Jamal 2018 ermordet wurde, war in diesem Business tätig (sein anderer Neffe Dodi Al Fayed starb 1997 mit Prinzessin Diana). LaRouches Executive Intelligence Review schrieb auch über eine „klassische KGB-Desinformationskampagne“ zum Palme-Mord, was wir interessanterweise in der CIA Library finden. Autoren sind u.a. William F. Engdahl, Herausgeber ist u.a. Anno Hellenbroich; auch Webster Tarpley schrieb einmal für die EIR, etwa zum Mord an Aldo Moro. Eine der ersten Publikationen über George Soros erschien 1997 mit Jeffrey Steinberg und Hellenbroich als Verfasser. In den 1980er Jahren recherchierten deutsche Journalisten über LaRouches Aktivitäten, was in das Buch Deckname Schiller (vollständig im Netz) mündete. Weil die LaRouche-Anhänger Grünen und da insbesondere Petra Kelly zusetzten, gab es auch eine Anfrage im Bundestag. Viele sahen es als unvereinbar für der Bruder Heribert Hellenbroich beim Verfassungsschutz, dass Anno auf derarige Abwege geraten ist. „Verschwörungstheoretisch“ kommt jedoch nicht nur die EIR daher, denn laut Veterans Today regiert der Mossad in Ägypten dank Premier Mohammed Al Sisi, der Jude sei; der Mord an Palme war übrigens der gefährlichste Augenblick des Kalten Krieges. Ein Dauerbrenner ist natürlich die angeblich immer so erfolgreiche russische Spionage, was wiederum zu Atomwaffen zurückführt.

5 Kommentare zu „Schweden, Österreich und der Waffenhandel

  1. Zunächst einmal vielen Dank für ihren erneut gut recherchierten Artikel zum Thema Nachrichtendienste.
    Während ich bei manch anderen Berichterstattern zur Szene oftmals Eigenproduktion der Branche zum Thema vermute, unterstelle ich Ihnen tatsächlich eine eigene Meinung. 😉

    Bei LaRouche dürfte allerdings das Links-Rechts-Schema nicht wirklich ziehen, weil ich dessen Publikation „Neue Solidarität“ seit 20 Jahren abonniert habe und dort immer wieder interessante Infos zum Thema Geopolitik finde, die es anderswo nicht gibt.
    Ich vermute hier eher eine progressive Freimaurer-Bewegung, die beste Kontakte zu Geheimdiensten hat und frühzeitig Infos durchstechen kann.
    Die Seidenstraße war dort schon vor 15 Jahren ein Thema, ebenso die Unterwanderung der Grünen durch den CIA. Ich halte das nicht für Zufall, sondern hier wird im Hintergrund aktiv Politik gemacht.
    Die Bewegung begleitet auch sehr positiv die Trump-Regierung und sucht weltweite Verständigung mit Russland und China.
    Das so etwas einer Fake-News Agentur wie der Bundeszentrale für politische Bildung negativ aufstößt, dürfte einleuchten.
    Zwar nerven die ewig gleichen Mantras der Kommentatoren schon, aber ich habe bis heute jedes Mal von einer Kündigung des Abos abgesehen, weil ich die frühzeitigen Hinweise auf Klimaänderungen in der Weltpolitik nicht missen möchte.

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  2. Vielen Dank Frau Bader.

    Ich kann dazu nur sagen: Ihr hervorragend recherchierte Artikel liest sich wie ein Thriller und aus meiner Erinnerung taucht viel davon auf, was mir früher als ein Rätzel erschien und erst jetzt ein schlüssiges Bild ergibt.

    Liebe Grüße Karl

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