Warum nicht mal eine Verteidigungsministerin?

Die Koalitionsverhandlungen nähern sich bald dem Ende, wie man daran erkennen kann, dass Ministernamen kolportiert werden. Meist wird mit einem Dementi reagiert, was bedeuten kann, dass etwas aus der Luft gegriffen oder eben noch nicht spruchreif ist. Es blieb der „Presse“ vorbehalten, die niederösterreichische Bauernbunddirektorin Klaudia Tanner als Wunschkandidatin von Sebastian Kurz für das Verteidigungsministerium zu bezeichnen. Tanner gehört dem ÖVP-Verhandlungsteam an, allerdings für den Bereich Familie und Jugend, und war von 2001 bis 2003 im Kabinett von Innenminister Ernst Strasser für Zivildienstangelegenheiten zuständig. Außerdem wurde der Innenminister koalitionsintern als Spiegelminister zum Verteidigungsminister verstanden (und umgekehrt), sodass die jeweils andere Ressortmaterie in Grundzügen geläufig war. Tanners Pressesprecher sagte mir zwar, dass es nur die Spekulation einer Zeitung ist und Kurz dies nun dementiert hat, doch er denkt wie ich daran, dass Tanner als erste Bauernbunddirektorin Pionierin in einer Männerdomäne war.

Von daher wäre auch naheliegend, sich Ursula von der Leyen und andere erste Verteidigungsministerinnen zum Vorbild zu nehmen. Was die Landwirtschaft betrifft, ist aber der Frauenanteil mit 41% weit höher als beim Heer (rund 3%), sodass Tanner ab 2011 daran arbeitete, Frauen besser sichtbar zu machen und ein realistisches Bild vom Bauerndasein zu etablieren.  Das Bundesheer und sein Umfeld sind vielleicht der letzte gesellschaftliche Bereich, der vollkommen von traditionellen Rollenvorstellungen geprägt ist (denn auch die Kirche kann ohne Frauen nicht existieren). Befürworter von Veränderung vergleichen gerne mit Deutschland: die Bundeswehr wurde (aufgrund der erfolgreichen Klage einer Frau beim Bundesverfassungsgericht) wie das Bundesheer 1998 für Frauen geöffnet, weist aber heute einen Frauenanteil von 12% auf. Wie die Bundeswehr mit Gleichberechtigung und Beziehungen umgeht bzw. umgehen soll, zeigt das Magazin „Y“ mit einer durchaus umstrittenen Sondernummer „Soldaten, Sex und Partnerschaft„. Weil auch Homosexualität und Transgender behandelt werden, befürchten manche, dass aus der Bundeswehr eine „Weicheiarmee“ wird.

Diskussion in Deutschland über von der Leyen

Zwar sind wir damit auch schon bei vertraut wirkenden Ängsten, doch in einer Hinsicht sind die Deutschen pragmatisch, denn als die Bundeswehr für Frauen geöffnet wurde, akzeptierte man es und setzte es um. Bei uns wurde auch bei der Polizei lange gejammert,
die 1991 für Frauen allgemein zugänglich wurde und wo 2012 eine Studie ergab, dass Frauenförderung unbeliebt ist und Männerstrukturen dominieren. Eine Statistik von 2015 über den Bundesdienst weist 2,2% Frauen beim Militär und 15,6% bei der Exekutive aus. Klaudia Tanner war also zu einer Zeit im Innenministerium tätig, als der Frauenanteil noch geringer war, wenngleich deutlich höher als beim Bundesheer heute. Auch das würde es nachvollziehbar machen, mit der ersten Ministerin ein deutliches Zeichen zu setzen. Vom Vorgänger würde sie Baustellen erben, die auch mit dessen „Genderblindheit“ zu tun haben, da Hans Peter Doskozil aus dem Polizeiapparat kommt. Er tut sich mit allem leicht, was traditionellem hierarchischem Denken und der Gleichsetzung Dienst mit der Waffe = Soldat = Mann = Mensch entspricht. Wird aber verdeckt agiert oder treffen Rollenklischees nicht zu, spielen zivile und strategische Faktoren eine Rolle, ist er überfordert. Als burgenländischer Polizeichef hatte er es übrigens mit  15% Frauen zu tun.

Doskozils Defizite werden etwa deutlich, wenn er sich in eine Anzeige gegen Airbus hat hetzen lassen und immer noch auf den vermeintlichen Aufdecker Peter Pilz hereinfällt, dem er am 20.11. gemeinsam mit Wolfgang Fellner hinterhertrauerte. Die Basis dafür ist Männerkumpanei, die auch verschleiert, dass Pilz weder mutig ist noch aufdeckt, sondern abtaucht, sobald er Rede und Antwort stehen soll, statt den Inquisitor zu spielen. Es verwundert nicht, dass eine Abkehr von Doskozils Ankündigung, aus dem System Eurofighter auszusteigen, auf der Agenda der kommenden Regierung steht. Sieht man sich Fellners freundschaftliches Gespräch mit Doskozil an, fragt man sich, warum für den künftigen SPÖ-Landesrat im Burgenland das Wort von Pilz wichtiger ist als das seines Parteikollegen und Noch-Landesrats Norbert Darabos. Denn Pilz zeigte ihn wegen des Vergleichs mit EADS / Airbus in seiner Zeit als Verteidigungsminister an, ohne die Rolle von Ex-Bundeskanzler Alfred Gusenbauer zu berücksichtigen. Doskozil blieb auch untätig, als im Sommer 2016 der unter Geheimhaltung stehende Vergleich den Medien via Pilz zugespielt wurde, was die Weichen für den U-Ausschuss 2017 stellte. Der Umgang mit Darabos zeigt, was antiquierte Vorstellungen bedeuten, da er einst Zivildienst leistete und dies dazu diente, ihn als von Natur aus heeresfern darzustellen.

Fellner und Doskozil

Tatsächlich gehörte er als Abgeordneter dem Landesverteidigungsausschuss an und hätte nach einem „Sozialfighter statt Eurofighter“-Wahlkampf 2006 versuchen sollen, das Wahlversprechen Gusenbauers umzusetzen. Man traute ihm wohl nicht allzuviel zu, schottete ihn dann aber mittels Kabinettschef ab, was mit Druck und Überwachung einherging. Nur wenn verstanden wird, was es bedeutet, dass der Minister oder die Ministerin laut Verfassung Befehlshaber des Heeres (= Vorgesetzter mit militärischen Eigenschaften) ist, wird Loyalität nicht vom früheren Dienst mit der Waffe abhängig gemacht. So geschah es, dass Offiziere zugleich klagten, dass es kein Vorbeikommen am Kabinettschef gäbe und nicht realisierten, dass Darabos dies nicht freiwillig zulässt. Dabei gehört der Schutz des eigenen Befehlshabers natürlich zu den Aufgaben des Bundesheers. Auch dem Heer sehr verbundene Journalisten wie der eben verstorbene Willi Theuretsbacher schienen die Situation nur in Ansätzen zu verstehen, da sie Ministern prinzipiell kaum zutrauen, auf der Seite des Militärs zu sein (allerdings galt Theuretsbacher auch als US-affin). Da die Anforderungen an eine Armee längst komplexer sind als nur Dienst mit der Waffe, müssen überkommene Vorstellungen ohnehin über Bord geworfen werden. Es geht dabei nicht nur um Cybersecurity, sondern auch darum, dass Staaten heutzutage z.B. durch Masseneinwanderung und instrumentalisierte NGOs destabilisiert werden. Da werden dann Erfahrungen im Bereich der Zivilgesellschaft wichtig, um militärische Sicherheit gewährleisten zu können.

Doskozil hat Männerstrukturen verinnerlicht, sodass er meint, es genüge, die junge Wachtmeisterin Jasmin Puchwein mit Überlegungen zu beauftragen, wie mehr Frauen zu gewinnen sind. Dabei können Beispiele aus anderen Ländern zeigen, wie der Horizont erweitert wird, um Aufgaben erfüllen zu können. Der israelische Armeegeheimdienst Unit 8200 ist teilweise dem Heeresabwehramt vergleichbar und setzt auf Kreative, die dann in der Start Up- und Smart Technologies-Branche Karriere machen (freilich können manche nicht damit leben, dass sie gegen die Palästinsensergebiete vorgehen sollen). Der zivile Geheimdienst Mossad hielt Frauen früher für Sekretärinnen oder Lockvögel, während heute manche Agentenführer Frauen für geeigneter halten, da sie Situationen besser einschätzen können und mehr an der Sache als an ihrem Ego interessiert sind. Die Frauen selbst schwärmen von ihren Aufgaben, wenn sie seltene Interviews geben, was vielleicht etwas gewöhnungsbedürftig ist. Seit der Wahl 2008 gehören zum Verteidigungsministerium auch die Sport-Agenden, und das macht es angesichts der aktuellen #MeToo-Debatte notwendiger denn je, eine Ministerin zu nominieren.

Fellners „Österreich“ am 21.11. 2017

Denn mit den Erinnerungen von Nicole Werdenigg, die unter ihrem Mädchennamen Spieß Skirennen fuhr, ist die Debatte über sexuelle Übergriffe im Sport eröffnet. Eine weitere Frau, die anonym bleiben will, bestätigt alles: „Sie war nicht die Einzige. Aber es hat sich damals niemand getraut, etwas zu sagen. Es war unmöglich, darüber zu reden. Ich habe wirklich darum kämpfen müssen, dass mir nichts Schlimmeres passiert.“ Hat man etwas von Doskozil gehört? Nö.  Wie zu erwarten tritt auch eine auf, die beschönigt und bestreitet, und zwar Annemarie Moser-Pröll, die als Rennläuferin ein Ausnahmetalent darstellte und am Ende ihrer Laufbahn bereits verheiratet war.  Die Parallelen zwischen Sport und Militär bestehen im weniger ernst Nehmen von Frauen, was man auch im Bereich Medien sieht, da Berichterstatterinnen in beiden Bereichen nicht selbstverständlich sind. Lässt man Aufnahmen von den Auftritten der Verteidigungs- und Sportminister Revue passieren, so sind sie meistens nur von Männern umgeben. Man(n) hat da beispielsweise mit ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel zu tun, der jetzt so zitiert wird: „Ihm sei in seiner Zeit als Präsident ’nie etwas über sexuelle Übergriffe zu Ohren gekommen‘. Er könne nicht ausschließen, ‚dass ab und zu zwischen Trainern und Athletinnen ein rauer Ton herrscht‘. Der ÖSV-Chef will auch ‚das eine oder andere Pantscherl nicht ausschließen. Aber ein Pantscherl ist ja auch kein Übergriff.'“

Nun kann man laut Bundesministeriengesetz natürlich die Zuteilung des Sports an ein anderes Ressort vorsehen, doch Sport und Heer passen gut zusammen, was Männerstrukturen und -Vorstellungen betrifft.  Erst als „unsere“ Damen bei der Fussball-EM ins Halbfinale kamen, wurde ihnen mehr Aufmerksamkeit zuteil; zuvor war Fußball eben ein Männersport, egal wie viele Frauen ihn ausüben (historisch betrachtet galt er als „weibisches Treten„, als man ihn aus England nach Deutschland importierte). Es muss gar nicht um sexuelle Übergriffe gehen, da Frauenverachtung und Sexismus massive Auswirkungen haben können. Dies erlebte auch Ministerin von der Leyen, da sie als Nicht-Soldat es wagte, falschen Korpsgeist anzuprangern. Sie beschrieb ihn so, wie er sich auch bei uns zeigt, als Zusammenhalt, um Fehler und Fehlende zu decken, weil jedes Handeln bedeutet, am bisherigen eigenen Führungsverhalten Kritik zu üben, statt die Gleichung Mann = unfehlbar aufrechtzuhalten. Die doch nicht-Verteidigungsministerin Tanner wird zwar in den  Reigen möglicher Minister aufgenommen, aber ohne spezifisches Ressort.

PS: Wie hier beschrieben werde ich seit Jahren wegen kritischer Berichte attackiert; nun suchen die Kater Baghira und Gandalf und ich ein neues Quartier, bevorzugt in Wien oder Wien-Umgbung. Wer etwas für mich hat oder weiss hilft mir damit sehr. Auf den Wunsch vieler treuer Leserinnen und Leser hin ist finanzielle Unterstützung jederzeit willkommen: Alexandra Bader, Erste Bank BLZ 20111, BIC GIBAATWWXXX, IBAN AT592011100032875894. Ihr erreicht mich unter 06508623555, alexandra(at)ceiberweiber.at und ich bin auf Facebook und Twitter (cw_alexandra)

3 Kommentare zu „Warum nicht mal eine Verteidigungsministerin?

  1. bin erst am beginn des artikels..jedoch machen mich gleich einmal die worte stutzig, diese van der leyen sich zum vorbild zu machen, diese verbrecherin??? werde weiter lesen und hoffe, dass dies im rest des artikels sich relativieren wird…

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  2. Ein Armee funktioniert und arbeitet wie ein Behörde. Deren oberster Leiter ist der Verteidigungsminister. Ist der ungedient, spreche ich ihm jede fachliche Eignung ab, die Armee zu führen oder gar zu reformieren. Ein solche Person wird sich auch niemals den Respekt der Truppe erarbeiten können, weil jeder in der Truppe merkt, dass sie keine Ahnung hat.

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    1. Auf der strat. Ebene geht es um Kosten für die Erreichung eines Ziels usw… Das kann eine Frau genauso entscheiden und allein wird sie es nicht tun. Team = gemeinsam sind wir dumm.

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