Bleibt Christian Kern SPÖ-Chef?

Laut dem vorläufigen Endergebnis der Nationalratswahl noch ohne die Briefwahlstimmen liegt die SPÖ an dritter Stelle hinter der FPÖ. Unumstrittener Sieger ist die ÖVP, die damit die SPÖ vom ersten Platz verdrängt hat. Zwar dürfte die Sozialdemokratie am Ergebnis von 2013 vorbeischrammen, doch Christian Kern löste Werner Faymann letztes Jahr in der Erwartung ab, bei Wahlen in Zukunft besser abzuschneiden. Dabei bekam die Partei von Anfang an wieder Alfred Gusenbauer, zu dessen Netzwerk Christian Kern gehört. Was dies konkret bedeutet, merkte man nach der Verhaftung des von Gusenbauer empfohlenen Beraters Tal Silberstein. Doch die SPÖ reagiert auf eigene Fehler mit Realitätsverlust, wie man besonders bei den Wiener Genossen merken kann.  Ein ORF-Liveeinstieg ins Festzelt vor der Löwelstrasse  gestaltete sich geradezu bizarr, da die Reporterin mit fanatischen „Yes We Kern!“-Rufen überschrieen wurde. Daran beteiligten sich auch Stadträtinnen, die so wohl auch ihr Leiberl sichern wollen. Als Ex-Landesgeschäftsführer Christian Deutsch diese Szene auf Twitter kritisch kommentierte, wurde  ihm Defätismus vorgeworfen.

Es gäbe nichts daran zu feiern, dass die SPÖ das Kanzleramt verloren hat, wagte er einzuwenden. Und viele sehen SPÖ-Gewinne in Wien auf Kosten der Grünen sehr zwiespältig, auch weil beide Parteien in der Stadtregierung koalieren. Offenbar hat der Schmäh (ein letztes Mal) funktioniert, vor Schwarzblau zu warnen und damit das eigene Versagen zuzudecken.  Manche Genossen gefallen sich darin, wie Kern „Gegenwind“ zu beschwören, dem man angeblich standgehalten habe, ganz als ob die ÖVP und nicht die SPÖ einen für seine Skrupellosigkeit bekannten Mossad-Mann als „Berater“ engagierte. Was für Kern, der in fünf Jahren die absolute Mehrheit für die SPÖ holen will, „brutaler Gegenwind“ ist, besteht schlicht darin, dass Dirty Tricks öffentlich wurden und so nach hinten losgingen. Vor der Wahl meinte der Noch-Kanzler in einem Interview, es sei eine Ehre, kein Politiker zu sein, wohl auch weil er als Quereinsteiger gilt. Danach gefragt, wieso er sich mit „Gossenjungs“ wie Silberstein, Gusenbauer oder Rudi Fußi umgibt, verwies er auf seine Herkunft aus dem Arbeiterbezirk Simmering, wo auch nicht jeder „im Nadelstreif“ herumrenne wie er selbst. Und Gusenbauer verdient schon deswegen Respekt, weil er einmal Bundeskanzler war; über kritische Berichte sieht Kern einfach hinweg.

 

 Christian Deutsch auf Twitter

 Seine Connection zu Gusenbauer betrachtet er als „sehr hochgespielt“, da er viel mehr Kontakt zu Heinz Fischer oder Franz Vranitzky habe. Es ist für einige Genossen auch praktisch, der ÖVP und gewissen Medien die Schuld daran zu geben, dass der Einsatz von Silberstein so stark Thema in der Öffentlichkeit war. Was so bloßgelegt wurde, ist aber auch nicht angenehm, geht es doch um die Unterwanderung von Kanzleramt und Parteizentrale und darum, dass Ex-Minister Darabos, der 2006 der offizielle Wahlkampfmanager war, unter Druck geriet, als ihn der „katsa“ des Mossad (Silberstein) an die Wand drängte. Dies hat Auswirkungen bis heute, da man ihm nach wie vor zusetzt und Gusenbauer beim Eurofighter-Vergleich außen vor bleibt. Die SPÖ Burgenland, in der ihn Minister Doskozil als „Kronprinz“ von Landeshauptmann Niessl verdrängte, hat bei der Wahl Stimmen verloren und könnte noch hinter der ÖVP landen. Auf Bundesebene ist inzwischen die FPÖ doch noch vor der SPÖ gelandet, allerdings ohne Wahlkarten, die das noch drehen können. Die Grünen wurden pulverisiert nicht nur wegen der SPÖ, sondern auch durch die Gegenkandidatur ihres Ex-Abgeordneten Peter Pilz,  hoffen aber auf die  Wahlkarten.

Dass die Zeichen auf Schwarz(türkis)blau stehen, lässt manche Rote auf starken Widerstand gegen den „Rechtsrutsch“ hoffen, während andere dafür sind, Juniorpartner in einer Koalition mit der ÖVP zu werden. Nüchtern betrachtet kann man es auch als Angst vor Machtverlust und davor sehen, dass korrupte Rote vor Gericht stehen könnten. Kern ist zwar vorläufig noch Parteichef, schwankt aber zwischen Kämpferpose im Festzelt und leerem Blick bei TV-Runden am Wahlabend. Es ist sofort deutlich, dass sich nun alles auf den Wahlsieger Sebastian Kurz konzentriert, der auf den Regierungsbildungsauftrag des Bundespräsidenten wartet. Als die SPÖ 1999 mit Verlusten an erster Stelle lag, bildeten dennoch ÖVP und FPÖ eine Koalition, sodass Parteichef und Spitzenkandidat Viktor Klima die Politik verließ. Sein Nachfolger war Alfred Gusenbauer als scheinbarer Kompromiss zwischen Caspar Einem und Karl Schlögl, die für unterschiedliche Flügel in der Partei standen. Noch wird Kern gefeiert, da es ja auch (noch) schlimmer hätte kommen können…

PS: Ohne Wahlkarten sieht es so aus: SPÖ 26,8 % (-0,1 %), ÖVP 31,4 % (+7,4 %), FPÖ 27,4 % (+6,8 %), GRÜNE 3,3 % (-9,1 %), NEOS 5,0 % (-0,0 %), PILZ 4,1 %.

PPS: Wie hier beschrieben werde ich seit Jahren wegen kritischer Berichte attackiert; nun suchen die Kater Baghira und Gandalf und ich ein neues Quartier, bevorzugt in Wien oder Wien-Umgbung. Wer etwas für mich hat oder weiss hilft mir damit sehr. Auf den Wunsch vieler treuer Leserinnen und Leser hin ist finanzielle Unterstützung jederzeit willkommen: Alexandra Bader, Erste Bank BLZ 20111, BIC GIBAATWWXXX, IBAN AT592011100032875894. Ihr erreicht mich unter 06508623555, alexandra(at)ceiberweiber.at und ich bin auf Facebook und Twitter (cw_alexandra)

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20 Gedanken zu “Bleibt Christian Kern SPÖ-Chef?

  1. Für mich erschütternd ist, dass der gesamte Skandal um Silberstein und die Facebook-Seiten am Wiener Wahlvolk spurlos vorüber gegangen ist (nach der Devise: einmal SPÖ – immer SPÖ). Anscheinend heiligt der Zweck doch die Mittel – insofern war der Einsatz von Silberstein nachträglich doch noch ein Erfolg – hat er doch den Absturz in die totale Bedeutungslosigkeit verhindert.

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      1. Seit der Reaktion auf die Pizza ist klar, dass sich der Österreicher eher wieder ins humorlose rechtskonservative Eck hat zurückgezogen. In dem Sinn hat Kern in einem ganz anderen Punkt mit Bezug auf die Medienschelte zumindest nicht unrecht.

        Das Bewahren der alten Pfründe wird keinen weiterbringen. Es wird auch immer mehr Unsinn wie bspw. das Bargeldverbot an die Grenzen Österreichs herangetragen.

        Ich denke den Journalisten im Mainstream ist nicht klar, dass sie mit dem ‚Weltkommunismus‘ und dem permanenten Einfordern von Korrektheit dieser Entwicklung Türe und Tore haben geöffnet, oder der eine oder andere wollte es so.

        Sagen wir mal höflich, die österr. Medien haben den trend die Engstirnigkeit zu fördern herbeigeschrieben, wobei ich das Phänomen eher dem Informationsfluss aus Deutschland kommend zuschreibe. Ein Informationsüberfluss führt halt auch zu selektiver Wahrnehmung und bestärkt auch das Hervorkehren von schlummernder Voreingenommenheit.

        Wir sind in einer ähnlichen Konstellation wie in der Zwischenkriegszeit. Es treffen die ‚falschen‘ Technologien (Wiener wäre besser bei seinen Leisten geblieben) und alles was dazu gehört auf die ‚richtigen‘ Leute die noch nicht relaxed genug sind.

        Die Mainstreammedien alle zusammen haben vermutlich unbewusst eine neue Form von ‚Nazi‘ herbeigeschrieben oder -gesendet.

        In Amerika wird selten etwas so heiß gegessen wie bei uns aufgewärmt.

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  2. Werte Frau Bader,

    ich gehe davon aus, daß Kern bleiben wird. Wer soll es denn sonst machen? Doskozil? Schieder? Brauner? Bader?

    Keiner von den genannten wird die SPÖ – eine schwarz-blaue Koalition vorausgesetzt – über 25% bringen.

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  3. Die Organisation „Black Cube“ hat die „Israelische Eisenbahn“ bei Projekt-Ausschreibungen ausspioniert und erpresst.

    Eventuell auch die gleiche Vorgangsweise bei der ÖBB ?

    Link:

    http://www.globes.co.il/en/article-black-cube-the-mossad-style-business-intelligence-company-1001183611

    Text:

    „District Court Judge Michal Agmon-Gonen was not impressed and she rejected the appeal, which was later filed with the Supreme Court. She wrote, “This appeal began with great fanfare, like a chapter taken from a thriller or spy novel, and included surveillance and undercover investigations by Black Cube of senior members of the Israel Railways tender evaluation team and senior officials in the companies that won the tender … the appeal ended in a whimper, and ultimately nothing remains of the grave allegations that were made.”

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  4. Wobei. Ich möchte noch ergänzen. Die Medien sind nicht schuld, im Sinne von Kern wäre ein ‚Opfer‘. Das ist er nicht. Ich hatte in dem Wahlkampf schon den Eindruck, dass ganz bewusst schwarz/blau wurde forciert.

    Wäre ich jetzt böse würde ich sagen, ‚Schwarz und Blau in Koalition hat den Vorteil, dass die ÖVP unter den Fittichen von Burschenschaftern ganz gut aufgehoben ist. Denn die haben über Jahrzehnte bewiesen, dass sie Menschen dieses Schlages durchaus erfolgreich können managen‘. In dem Punkt hat die SPÖ schon immer kläglich versagt.

    Ich zähle zwar nicht gleich jeden der die Leistungsgesellschaft betont zur Totenkopf SS, aber weit davon entfernt sind solche Menschen für mich auch nicht, insbesondere ob der Kurzsichtigkeit solch eine Strategie in die Breite zu treiben. Blond und blauäugig.

    Irgendwann kulminiert diese und die Bevölkerung sitzt mit gewaschenem Hals da.

    Die meisten ÖVP Wähler werden sich noch in den Allerwertesten beißen, wenn die Schwarzen mal loslegen. Die ÖVP muss eher flink in der Umsetzung sein, da ihre Reformen nicht unbedingt auf Gegenliebe stoßen sobald sich die Ergebnisse bemerkbar machen. Hat aber die SPÖ noch nie davon abgehalten solche Reform zurückzunehmen. ‚Es ist Zeit‘ 🙂

    Blond wie die Semmel und blauäugig wie der Optimist nun mal ist. Das gilt für Christian Kern auch. Er läuft heute schon wieder herum wie Napoleon nach dem Ritt in Richtung Waterloo und bei verbindet das A-Leiden.

    Ich persönlich gebe Herrn Kern nicht mehr lange als SPÖ Chef. Er muss sich vermutlich auch fragen was von der SPÖ blieb, denn die SPÖ hat doch bereits vom Sparbuch ‚Grün‘ abgehoben. 4% kommen bestimmt von den Grünen. Von dem Sparbuch hat ganz offensichtlich nicht nur der Herr Häupl abgehoben. Stellt sich die Frage, ob die Grünen sich nicht vorsätzlich demontiert haben.

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    1. bloss dass ich kein auto habe… aber im ernst, das trifft es ganz gut: „Es sind diese großen Beispiele straflos bleibender ‚Kumpanei‘ von Politik und Kapital, die dazu ermuntern, den Bogen weiter zu spannen und die Grenzen des willkürlich für legal Erklärten leichtfüßig zu überschreiten. Es wird Zeit für den Aufstand der Aufrichtigen und Ehrlichen, es wird wieder Zeit für einen wahrhaft investigativen Journalismus! Wo Whistleblower – und Daphne Caruana Galizia darf wohl dazu gezählt werden – ihres Lebens nicht mehr sicher sind und die Frage unbeantwortet im Raum steht, ob es nicht der Staat selbst ist, oder ob es möglich ist, dass sich einzelne Staatsorgane die Freiheit nehmen, ihnen unangenehme Wahrheiten durch Mord unter dem Teppich zu halten, kann von Demokratie keine Rede mehr sein! Und das ist keine maltesische Besonderheit!“ siehe http://www.egon-w-kreutzer.de/004/tk171017.html – das ist ihr blog: https://daphnecaruanagalizia.com/

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