Kern, Van der Bellen und die Frauen

Die Politik scheint im 21. Jahrhundert angekommen zu sein: die Gattin des neuen Kanzlers ist Unternehmerin und legt Wert darauf, sich nicht als Kanzlergattin zu betrachten; die Ehefrau des zukünftigen Bundespräsidenten ist Geschäftsführerin des grünen Parlamentsklubs und hat vor, dies auch zu bleiben. Doch da Mainstream-Medien darauf bedacht sind, entsprechende Bilder von Eveline Steinberger-Kern und Doris Schmidauer zu schaffen, ist Skepsis angebracht.

Bisher spielten Ehefrauen nur dann in der Berichterstattung eine Rolle, wenn sie ihre Männer begleiteten oder wenn es um die Frage ging, wie sie mit Belastungen umgehen, die der Job des Mannes mit sich bringt. Martina Faymann war manchmal selbst in den Medien, jedoch weniger als Landtagsabgeordnete der SPÖ in Wien denn als Vorsitzende des Vereins Wiener Frauenhäuser (eine Aufgabe übrigens, der sie sich mit Engagement widmete). Sie stand am inzwischen negativ berühmten 1. Mai 2016 auf der Bühne vor dem Rathaus, als Werner Faymann während seiner Rede mittels organisiertem Protest ausgebuht wurde.

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„Österreich“ am 15. Mai 2016 nach Faymanns Rücktritt (am 9.Mai)

Man kann natürlich sagen, dass Frau Faymann bei immerhin schon 20jähriger Zugehörigkeit zum Wiener Gemeinderat (und 19 Jahren mit Werner Faymann) eher wenig Spuren hinterlassen hat. Als sich die „Presse“ vor der Wiener Wahl 2015 mit den Machtverhältnissen in der Wiener SPÖ befasst hat, hiess es, Faymann selbst habe eine Hausmacht im Bezirk Liesing, während die Ehefrau de facto den Ton in Favoriten angibt. In einem Interview 2013 gab es diese Passage:

Frau Faymann, von welcher politischen Persönlichkeit, die Sie in den letzten Jahren kennengelernt haben, waren Sie am meisten beeindruckt?
Martina Faymann:
Ein Termin, an dem ich oft noch denke, war sicherlich das 20-Jahr-Jubiläum zum Berliner Mauerfall. Da hatte ich  kurz die Gelegenheit, mit Hillary Clinton zu plaudern.
Wie läuft ein Smalltalk mit Hillary Clinton ab?
Martina Faymann: Wir haben über ihr Bild von Österreich gesprochen.  Interessant war, dass sie Österreich als ein Land ohne Probleme bezeichnet hat – zumindest aus amerikanischer Sicht. Obwohl sie als harte Politikerin dargestellt wird, hatte sie eine unheimlich sympathische und menschliche Ausstrahlung. Mit dieser Begegnung hat sich ein Traum erfüllt.

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Eveline Steinberger-Kern in „Woman“ vom 25.Mai 2016

Sie habe „schon Karriere genug gemacht“, meinte Frau Faymann damals und wolle nicht zum Beispiel Stadträtin werden. Ihre Biografie war für Medien besonders 2008 interessant, als der damalige Infrastrukturminister Werner Faymann Bundeskanzler wurde. Da hiess es etwa in „Woman„, dass  „alles auf eine fundierte Polit-Karriere hinzudeuten“ schien. „Denn schon mit 14 Jahren arbeitete Martina Ludwig bei der Sozialistischen Jugend in Favoriten mit. So engagiert, dass dafür sogar die Schule ziemlich auf der Strecke blieb. Die Matura machte sie erst mit 21, mittels Externistenprüfung. Nach zwei Jahren als Landessekretärin der SJ Wien arbeitete sie einige Zeit als Journalistin und Pressesprecherin. 1994 avancierte sie zur Landesfrauensekretärin Wiens und zwei Jahre später zur Gemeiderätin. Zu ihren langjährigen Mitstreitern seit SJ-Zeiten zählte auch ein Werner Faymann.“

Auch früher liebten es die Medien, Ehefrauen von Politikern zu „starken Frauen“ an seiner Seite zu machen. Und sie verkauf(t)en auch Frauen als stark und eigenständig, die sich tatsächlich auf das antiquierte „Frau an seiner Seite“-Modell beschränken wie Margit Fischer, die Gattin des scheidenden Bundespräsidenten. Sie erregte Unmut, als sie Chauffeur und Sommersitz in Mürzsteg mit Personal hinterher trauerte. Mit einem Buch in den Beststellerlisten vertreten zu sein, dass frau gar nicht selbst verfasst hat, muss einer auch erstmal gelingen. Als sie Michelle Obama begegnete, fiel ihr vor allem deren Outfit auf:  „Ich denke mir, die arme Frau muss frieren, weil sie immer so dünn gekleidet geht und ‚die Kühlung‘ in Amerika so stark ist.“

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„Österreich“ am 22.Mai 2016, Van der Bellen und Hofer privat

Frauenpolitisch gibt es sicher einiges zu kritisieren an Norbert Hofer, der als Präsidentschaftskandidat Alexander Van der Bellen knapp unterlegen ist. Doch es ist unsachlich, seine Vorbehalte gegen Doris Schmidauers Berufstätigkeit so einzuordnen, da es hier schlicht um Interessenskonflikte geht. Und wenn Verena Hofer, von Beruf Altenpflegerin, ihren Job aufgegeben hätte, um mit der Tochter nach Wien zu ziehen, ist das nicht „vorgestriger“ als das Rollenmodell der Fischers. Die Hofers haben früher zuhause nicht politisiert, sagen sie, doch Frau Hofer hat ihren Mann im Wahlkampf unterstützt.

War Van der Bellen privat vor der Wahl kaum ein Thema, gab es danach etwa in „News“ „Die Van der Bellens im Interview“, so der Titel der Internet-Seite. Der Artikel selbst hiess „Gestatten, Doris Schmidauer, die neue First Lady“. Abgrenzung ist aber auch jetzt spürbar, etwa in dieser ersten Aussage des designierten Präsidenten: „Ein gewisses Interesse der Öffentlichkeit ist legitim. Ich lege aber schon großen Wert auf den Rest an Privatsphäre, den wir noch haben können. Und in der Bundesverfassung steht nichts von einer ‚First Lady‘. Andererseits gibt es nichts zu verstecken: Ich habe eine moderne, selbstbewusste Frau an meiner Seite. Also, wir sind bereit, ein bisserl Auskunft zu geben über unser gemeinsames Leben.“

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„look!“ Juni 2016: „Neues First Couple“

Laut Bellen war Frau Schmidauer bei den ersten Überlegungen zu einer Kandidatur vor eineinhalb Jahren dagegen, dass er es versucht. Sie selbst sagt heute: „Für mich ist das natürlich eine Umstellung, ich hatte bisher nie eine öffentliche Rolle. Ich versuche, mich schrittweise an die neuen Herausforderungen anzunähern.“ Und warum war sie dann doch dafür? „Ja, aber in Anbetracht der politischen Entwicklung im Land dachte ich dann, es ist richtig, ein Zeichen zu setzen. Ich hatte ja mitbekommen, wie viele Menschen dir gegenüber die Hoffnung äußerten, dass du antrittst.“

Hinter den Kulissen wirkte Frau Schmidauer aber durchaus intrigant, wie ich sie in Erinnerung habe, als sie die Umsetzung grüner Bundeskongressbeschlüsse zur EU sabotiert hat. Für sie war ich ein Feindbild, weil ich dieses Unterlaufen so gut es ging unterlaufen und selbst recherchiert habe, da die ReferentInnen im Parlamentsklub praktisch nichts lieferten. Am liebsten befasste ich mich auch damals mit Sicherheitspolitik und thematisierte, dass die EU der europäische Pfeiler der NATO werden sollte, was auch aus einer Erklärung im Anhang zum Unionsvertrag hervorging. Dass die CIA grosses Interesse an der Erweiterung und Vertiefung der EU hatte, wusste ich damals bereits, weil ich Querschüsse in den Grünen und das Unterstützen von US-Militärinterventionen, gegen die ich und andere waren, so einordnete.

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Eveline Steinberger-Kern in „Madonna„, 21. Mai 2016

Spätestens seit Köln und fehlenden bzw. seltsamen Reaktionen ist klar, dass auch der Feminismus für imperialistische Interessen gekapert wurde. Daher ist nicht verwunderlich, dass „Feministinnen“ jetzt für Islam(ismus) und Sexkauf sein sollen, statt weibliche Selbstbestimmung und Frauenrechte zu verteidigen. So gesehen passt auch ins Bild, dass die Entscheidung der Hofers, dass im Fall des Falles Frau Hofer ihren Job aufgibt und nach Wien zieht, nicht als privat betrachtet wurde, hingegen aber sehr wohl das Bellen-Modell der eine Generation jüngeren zweiten Ehefrau.

Während Frau Schmidauer aber bislang im Hintergrund werkte und Frau Hofer Politik nicht kommentierte, stand Eveline Steinberger-Kern auch selbst schon im Focus der Medien. Als Managerin und dann Unternehmerin war sie bislang mit der in diesem Bereich üblichen freundlichen Berichterstattung konfrontiert und kam auch in Frauenmagazinen wie „Woman“ vor. Man findet sie im Aufsichtsrat der Energie Burgenland und sie hält laut Curriculum auf der Webseite ihrer Blue Minds Company diverse Aufsichtsrats- und Verwaltungsratsmandate. In neueren Interviews und Porträts betont sie einerseits, „mein Mann kann Kanzler“, andererseits sieht sie sich nicht als „Mrs. Kanzler“.

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„look!“ Juni 2016

Wenn sie über Christian Kern spricht, der an Faymanns plötzlichem Abgang mitwirkte oder auch nicht, klingt das etwa so: „Ich werde ihn als Kanzler genauso schätzen und lieben wie zuvor als Manager. Ich definiere mich nicht über den Beruf meines Mannes.“ Oder schlicht: „Er kann Top-Management, also kann er Kanzler“, wobei sie beteuert, dass sie beide „nicht mehr oder weniger als das ­übrige Österreich“ von Faymanns Rücktritt überrascht waren. Sich selbst beschreibt Frau Steinberger-Kern als „weniger im klassisch parteipolitisch geprägten Sinn, aber hoch interessiert, Zukunftsthemen voranzubringen, insbesondere was eine wettbewerbsbasierte, wissensbasierte und dynamische Wirtschaft anlangt.“ Liest man mehrere Artikel über sie und vergleicht dies mit seinen bisherigen Auftritten, entsteht der Eindruck, dass beide über Schlagworte nicht hinauskommen.

Was Frau Kern wohl zu Aussagen wie dieser sagt: „Er hat Charisma und ist ein attraktiver Mann, der bei Frauen gut ankommt“, die man in der „Ganzen Woche“ nachlesen kann, die u.a. mit den Betreibern eines Hotels am Millstädter See gesprochen hat, die „von Christian Kern schwärmen“?! Eine ihrer Freundinnen ist übrigens die Journalistin Barbara Toth, die gerade vom Bundespräsidenten mit einem Medienpreis ausgezeichnet wurde, den unter anderem der frühere Arbeitgeber der Kerns, der Verbund unterstützt:“Kurt-Vorhofer- sowie Robert-Hochner-Preis werden von der Journalistengewerkschaft in Kooperation mit der Kleinen Zeitung und dem Energiekonzern Verbund für Printmedien bzw. elektronische Medien vergeben.“ Erstmals dabei bei der Preisverleihung im Bundeskanzleramt: ein gewisser Christian Kern. Es trifft sich auch gut, dass Frau Toth das Buch von Frau Fischer verfasst hat.

Zufällig arbeitete für Kern als ÖBB-Chef auch Stefan Pöttler, der ins Kanzleramt gefolgt ist und dessen Bruder Christian das Echo-Medienhaus (zuvor in SPÖ-Besitz) leitet, das Uschi Fellner-Pöttlers „look!“ herausgibt. Anfang 2015 richtete die FPÖ eine Anfrage an den damaligen Infrastrukturminister Alois Stöger (heute Sozialminister), in der sie darauf hinwies, dass Kern zu Christian Pöttlers „engerem Umfeld“ gehört und dieser ihm medial Rosen streut, während Bruder Stefan als Kerns „rechte Hand“ gilt. Frau Kern gründete mit Niko Pelinka (Sohn von Peter Pelinka, lange „News“-Chefredakteur und Neffe von Anton Pelinka von der Soros-Universität Budapest) und Markus Wagner (Lebensgefährte von Ex-SPÖ-Bundesgeschäftsführerin Laura Rudas, die für die u.a. von der CIA gegründete Firma Palantir arbeitet) den „Innovation Club„, den sie kürzlich bei der Amerikanischen Handelskammer in Wien vorstellte („AmCham Talk: Lernpotenzial im transatlantischen Austausch“). Wie Steinberger-Kern spricht auch der Bundeskanzler dauernd von „Start-Ups“, die ein schwacher Trost sind für eine halbe Million Arbeitslose.

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„Österreich“ am 22.5. Zusammenfassung des „Madonna“-Interviews

„Prinzgemahlinnen sehen anders aus“, beginnt Uschi Fellner-Pöttler ihr Loblied auf Steinberger-Kern in „look!“, und zwar „nicht unbedingt optisch“, da ihr Auftritt „durchaus der einer attraktiven Blondine“ sei. Aber ihre Haltung verändert sich, wenn man sie auf die „Kanzlergattin“ anspricht, weil sie keine „Frau von“ ist. „Ich  definiere mich nicht über den Beruf meines Mannes. Ich bin Unternehmerin und in meinem Leben wird sich durch die neue Funktion meines Mannes nicht viel ändern“, sagt sie. Und sie habe es sich sicher nicht gewünscht, dass er Kanzler wird, denn „in die Politik zu gehen war ursprünglich kein Lebensentwurf von uns beiden“. Sie selbst will „Top-Leute mit Top-Projekten vernetzen“, also  einen „effizienten Marktplatz“ anbieten und „Werte für die Zukunft schaffen“. Als Fellner-Pöttler noch Ehefrau von Wolfgang Fellner war, gründete sie „Woman“ und dann „Madonna“, die Beilage zu „Österreich“ jeden Samstag, stets nach dem Strickmuster, das jetzt als „look!“ daher kommt.

In „Woman“ (25. Mai 2016) sagt Frau Steinberger-Kern, dass sie sicher nicht „in das Genre Kanzlergattin“ wechselt. Zu Klischees, denen sie begegnet, meint sie „Wir leben und lieben Gleichberechtigung und Emanzipation. Für eine Jobentscheidung zählt in erster Linie mal das jeweilige eigene Urteil. Und dann vertrauen wir einander, dass dieses auch für den Partner passt. Ich freue mich also für meinen Mann, dass er diese nicht sehr einfache Entscheidung getroffen hat.“ Zwar tauscht er beruflich bloss „Sraatsmanagement gegen Unternehmensmanagement“, doch das bedeutet für sie in erster Linie: „Vermutlich müssen wir noch mehr darauf achten, unsere Privatsphäre zu achten.“ Ihren Recherchen zufolge ist sie „die erste Selfmade-Unternehmerin an der Seite eines Kanzlers in der Geschichte der Zweiten Republik. Das zeigt, dass sich Rollenbilder auch ändern.“

Sie ist für Frauenquoten und diskutiert gerne mit Monika Langthaler, die nach ihrer Zeit als grüne Abgeordnete als Aushängeschild von Brainbows fungiert. Wie Frau Schmidauer konterkarierte Langthaler, die sich stets dem Mainstream (oder genauer: transatlantischen „Wünschen“) anpasste, grüne Beschlüsse etwa zur EU. Steinberger-Kern und Langthaler wurden einmal unter „Österreichs mächtigste Frauen“ geführt, wobei sich aber fragt, ob Geschäftstätigkeit im Bereich „Nachhaltigkeit“ nicht auch zu jener Blase gehört, in der man „Vielfalt“ huldigt und so lange für „offene Grenzen“ ist, bis es das eigene Land nicht mehr gibt. Und wenn Schmidauer und Steinberger-Kern moderne Partnerschaften verkörpern sollen, bleibt doch gewisse Ambivalenz, weil sie sich so gut ins Bild fügen und keineswegs eigenständig politisch agieren. Medien vermitteln aber den Eindruck, dass so „moderne“ Frauen durch nichts zu toppen wären…

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