Der Fall Relotius: Wenn der Spiegel Fake News eingestehen muss

Die wahrhaft geehrten Journalisten des Jahres sind jene, die keine Auszeichnungen bekamen, denn diese werden für Treue zu etablierten Narrativen in einer bestimmten Blase verliehen. Es hätte nicht besser passen können, dass der „Spiegel“ nun einräumen müsste, dass sein mehrfach preisgekrönter Autor Claas Relotius Geschichten erfunden hat.  Das Magazin muss nun einen Wegweiser online stellen, damit man sich in seinen auch im Kollegenkreis sehr geschätzten Texten zurechtfindet. Um die Peinlichkeit auf die Spitze zu treiben, nahm man eben noch an, Relotius habe wieder einmal eine der besten Stories des Jahres geliefert. Sie passte aber auch zu gut, da es um einen syrischen Jungen ging, und sich die Jury schon z.B. diese Worte zurechtlegte: (sein Bericht sei) „von beispielloser Leichtigkeit, Dichte und Relevanz, der nie offenlässt, auf welchen Quellen er basiert.“ doch nun muss die Redaktion eingestehen, dass sie jedes angebliche Detail in Zweifel zieht. Das hat etwas von Lonely Planet, als aufflog, dass Führer in exotische Länder von Personen verfasst wurden, die noch nie dort waren. Relotius stolperte unmittelbar vor einer Preisverleihung u.a. über die Mail einer Janet aus Arizona, die sich beschwerte, dass er über ihre Bürgerwehr schrieb, ohne je vor Ort gewesen (Jaegers Grenze). Pech war auch, dass sein Co-AutorJuan Moreno den Schwindel nicht mitmachen wollte, dadurch aber zuerst in Verdacht geriet, der eigentliche Betrüger zu sein, da ihm der „Spiegel“ lange nicht glauben wollte.

Der „Spiegel“ steht vor einem Debakel, weil manche von Relotius‘ Geschichte (angeblich) Fake-frei und sauber recherchiert, andere aber faktenfrei sind. Und das mit der Recherche sind wieder nur seine eigenen Angaben, wobei er sich mit Erfolgsdruck rechtfertigt. Man will die Leser nun mit „Qualitätssicherung“ beruhigen, die zwar individuelle Märchen verhindern kann, aber nicht z.B. gegen NATO-Narrative schützt. Nun bittet man all jene Menschen pauschal um Entschuldigung, die durch seine Erfindungen verletzt wurden. Doch wie das Beispiel von Fergus Falls in Minnesota zeigt, wurden Hinweise nicht einmal ignoriert, denn eine Bewohnerin reagierte auf Twitter, als der „Spiegel „die Geschichte im Frühjahr 2017 veröffentlichte. Relotius hielt sich drei Wochen in der 13.000 Einwohner-Stadt auf, um eine „typische“ amerikanische Kleinstadt in der Ära Trump zu porträtieren. Echte Menschen, die keineswegs so provinziell waren, wie er es sich erwartete, gaben aber nichts her, sodass er kaum mit ihnen redete und sich Biografien und Geschehnisse aus den Fingern saugte. Die Leute in Fergus Falls waren fassungslos über die über sie verbreiteten Lügen, aber auch darüber, dass sie mit der Wahrheit keine Chance beim Spiegel hatten.

Diskussion auf Twitter 

Sie recherchierten selbst jedes Detail nach, was bis zu Öffnungszeiten von Lokalen und dem Kinoprogamm und Biografien ging und gerade als sie die elf größten Fakes darstellen wollten, wurde Relotius als Geschichtenerzähler geoutet. Weltoffene Menschen auf dem Land, die ihr eigenes Gemüse anbauen, mit dem Rad fahren, zu Demos nach Washington reisen und vom Zusammenhalt aller schwärmen, passen nicht in die Vorgaben des „Haltungsjournalismus“, sodass sie offenbar verletzt und verleumdet werden mussten. Gerade der Bericht aus Fergus Falls selbst ist eine Ohrfeige für den „Spiegel“, der sich ja einer Dokumentationsabteilung rühmt, die überprüft, ob die groben Züge einer Geschichte, also etwa geografische Angaben korrekt sind. Man muss u.a. zugeben, dass eine als sensationell empfundene Story über einen Guantanamo-Häftling und dessen wundersame Wandlung ein Produkt von Relotius‘ Fantasie war. Hingegen will man eine Reportage über Kinder in Syrien für wahr halten, hat aber doch Zweifel, weil man sie schwer nachrecherchieren kann.

Wie gut er die blendete, die sich gerne blenden ließen, sah man bei den „Löwenjungen„,  zwei Teenager, die der Islamische Staat einer Gehirnwäsche unterzogen haben soll.  Für andere Geschichten erfand er Telefonate etwa mit den Eltern eines Sportlers und sagt, dass er eh wie ein normaler Journalist arbeite, solange die Menschen interessant seien. Es klingt nach Überheblichkeit auch wegen der Stories im Kontext Krieg, da gute Journalisten aus jeder Situation etwas machen, halt ihre Erwartungen anpassen. Dem Spiegel wird jetzt eine gefährliche Art des Geschichtenerzählens vorgeworfen, die dazu verführt, die Grenze zwischen Dichtung und Wahrheit verschwimmen zu lassen. Wo es bei anderen aber Gespräche und Recherchen waren,  ein manchmal mühsames Sammeln von Informationen, traten bei Relotius Funde in den sozialen Medien und Musikstücke an deren Stelle. Bizarr ist die Trauer, in die viele Kollegen verfallen, die es manchmal auch so nennen, denn für sie war Relotius ein Idol und sie brachten auch seine Geschichten unter.

Kein Kommentar 🙂

Abseits des Mainstream ist man nicht vom Hochgefühl der Medienpreise und des Dazugehörens getragen und vielleicht deshalb misstrauischer. Mir sagte der Name Relotius nichts, aber was ich nun an Beispielen für seine „Reportagen“ gelesen habe, lässt meist sofort alle Warnsignale blinken, da es einfach zu dick aufgetragen ist. Guter Journalismus finde grundsätzlich alles und alle interessant und biegt sich die Wirklichkeit nicht so zurecht, wie sie angeblich sein sollte, sondern gibt sie so wieder, wie sie sich erfahren und dokumentieren lässt. Ich vermute mal, dass einer Frau die selbstverliebten Posen nicht oder nicht so lange abgenommen worden wären. Denn Skepsis gab es immer wieder, und auch als Kollege Moreno auf massive Widersprüche stieß, wollte man ihm zunächst nicht glauben. Er ging aber so vor, wie man es machen sollte, wenn Details nicht passen und sich dann immer mehr finden lässt.

Es hat was von Koks oder Größenwahn, dass es nicht z.B. das Cross Border Leasing einer Kleinstadt sein darf oder andere internationale Verwicklungen vor der Haustür, sondern der syrische Bürgerkrieg, Guantanamo und die Todeszelle in den USA sein muss. Und es ist keine Ausrede, dass es Konkurrenzdruck gibt oder dass eine bestimmte Art zu schreiben besonders gut beim Publikum ankommt. Denn hier ist nur ein dreister Fälscher aufgeflogen, der aber eingebettet in „Stoppt Putin jetzt„, Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte, Bana aus Aleppo und Co. seine Wirkung entfaltet entlang der für „Haltungsjournalismus“ typischen Bandbreite. Damit wird nicht berichtet und abgewogen, sondern vorher festgelegte Narrative werden verstärkt und Personen im Visier erhalten neuerlich eine Punze, weil es nur darum geht zu bestätigen, nicht zu differenzieren. Wer in dieser Blase wirkt, scheint auch sein Urteilsvermögen zu verlieren, denn allzu Offensichtliches wird immer öfter hingenommen, ohne Fakes zu bemerken oder biografische Angaben zu überprüfen.

PS: Alle Lügen in einer Satire: „Das ist der wahre Relotius„. Und er schrieb auch für hiesige Medien: „Den österreichischen Zeitschriftenpreis für Jungjournalisten erhielt Relotius für eine profil-Geschichte. Der US-Sender CNN machte ihn zum ‚Journalist of the Year‘, geehrt wurde er auch mit dem Reemtsma Liberty Award, dem European Press Prize und er landete auf der Forbes-Liste der ’30 under 30 – Europe:Media‘.“

PPS: Neu „Warum Relotius kein raffinierter Fälscher war“ und „Wie uns ‚Haltung‘ aufgezwungen wird“ und „Das ist der wahre Relotius“ (Satire) und „Relotius und die Recherche„.

4 Kommentare zu „Der Fall Relotius: Wenn der Spiegel Fake News eingestehen muss

  1. Bravo Spiegel…….

    Ich fing an den Spiegel zu lesen als ich ca. 14 Jahre alt war.
    Ich bin der Sohn eines Bauern und war nie wirklich links, trotzdem bot mir die Zeitung damals viel Information.
    Zu der Zeit waren im Spiegel Fakten noch Fakten und wenn man das Impressum durchlas fand man dort lauter Namen mit Titeln, Hochschulabschlüssen, Professorenposten usw. ……das war Spiegelstandard und gehörte zu dessen Qualität.

    Ich sammelte alle Spiegel, für mich als Jugendlicher waren die teuer, und kramte sie auch öfters wieder hervor …..wenn ich was nachsuchte, mich neu informieren wollte, es gab ja noch keine PCs.

    Aber mit dem immer geübteren Verstand des Viel-Lesers kamen immer wieder Sachen zum Vorschein die mir nicht so ganz einleuchteten.
    Nun ja, der Spiegel war immer Links, aber nun begann man die Geschichten dort nach linken Massstäben zu sortieren, zu prüfen, auf Verstösse gegen die Ideologie zu untersuchen.
    ——————-
    Er färbte sich immer mehr ein, worauf ich dessen Innlandsteil nicht mehr las. Wobei ich ja eh Schweizer bin.
    ——————-
    Den Auslandsteil aber schon noch, der war immer noch Faktenbasiert.
    Dann vor ca. 15 Jahren gab ich auch den auf, denn nun wurde alles durch das Sieb der Linksideologie gefiltert. Was nicht passte wurde passend gemacht und oder weggelassen, es musste nun politisch Korrekt sein.

    Als langjähriger Spiegel Leser vielen mir diese Dinge auf, spürte ich den Wandel sehr gut. Und ich verlor das Vertrauen. Wenn harte Fakten nicht mehr unumstösslich sind……. ist der Lüge Tür und Tor geöffnet.

    Seitdem habe ich keinen Spiegel mehr gelesen. „Die Zeit“ von Gräfin Dönhof habe ich vor 20 Jahren verbannt, vieles andere auch.

    Heute lese ich nur noch die Weltwoche von Roger Köppel und viele Blogs, wie den hier, die „Streitweiber“.
    Die Weltwoche las ich schon als sie noch ein dickes sehr grossen Format von losen Blättern war, die manche Geschichten endlos abhandelte, sie bis ins kleinste Ästchen ausforschte, über Wochen davon schrieb.
    Heute als Magazin unter Köppel ist sie sicher besser, konzentriert sie sich aufs Wesentliche, gemischt mit etwas Unterhaltung, Mode ( Andres Thiel ) usw.
    Die Weltwoche ist für mich das beste was man Momentan haben kann.

    Ich als Konservativer und seit der EWR Abstimmung vom Dezember 1992 auch konsequenter SVP Wähler, lese immer noch Linke Sachen, den man muss den Teufel kennen wenn man ihn besiegen will.

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