Fake News über investigativen Journalismus

Die journalistische Erzählung zur Wahl am 15.Oktober 2017  sieht zwei Höhepunkte investigativer Arbeit, die beide Rücktritte zur Folge hatten: am 30.9. die Geschichte über Tal Silbersteins Dirty Campaigning-Facebook-Seiten und am 3./4.11. Enthüllungen über Vorwürfe sexueller Belästigung gegen den Abgeordneten Peter Pilz. In beiden Fällen wurde Anna Thalhammer bei der „Presse“ eine wichtige Rolle zugedacht, die erst seit Mitte September (als Ersatz für Karl Ettinger, der in Pension ging) innenpolitisch berichtet. Dies legt zusätzlich nahe, dass weit mehr zu- als aufgedeckt wurde, was widersprüchlich wirkt, wenn es um Enthüllungen geht. Thalhammer war zuvor im Bereich Chronik tätig, das natürlich Überschneidungen mit Innenpolitik (Bundesebene) hat, doch in den genannten Fällen geht es um einen Parlamentarier bzw.  eine Wahlkampagne. Thalhammer ist nicht die Einzige, die nur Fragmente thematisiert und kein Gesamtbild zeichnet, doch mit ihr wird das Narrativ einer jungen Journalistin geschaffen, die auf Anhieb zwei politische Hits landet (und am 30.9. auch ein positives Bild von Frauenministerin Pamela Rendi-Wagner zeichnete, deren Gatte Botschafter in Israel war).

Interviews mit ihr und andere Beiträge von „Kollegen“ suggerieren, dass es nichts mehr herauszufinden gibt, sondern bei SPÖ und Liste Pilz (bzw. Grüne) bereits alles bekannt ist, was man wissen muss. Ausgeblendet wird dabei u.a. die Geheimdienstkomponente, die das Wirken sowohl von Silberstein als auch von Pilz, aber ebenso des Mainstream beeinflusst. Dieser Aspekt mag paradox sein, weil ja doch berichtet wurde und Pilz und SPÖ-Bundesgeschäftsführer Georg Niedermühlbichler zurückgetreten sind. Doch warum wurde beides via „Presse“ und „profil“ in Gang gesetzt; am 30.9. per Kooperation und am 3.11. recherchierte man zufällig in der gleichen Sache, wie Thalhammer erklärt?! Die 32jährige war zuvor u.a. bei „Heute“ und sagt über sich, dass sie Germanistik und Judaistik studiert hat; letzteres schließt Hebräisch lernen ein. Offenbar haben wir, wie im SPÖ-Wahlkampf so oft, wieder einmal Israel-Bezug und zudem eine mutige Journalistin, die Beschattung durch die Mossad-Firma Black Cube so locker wegsteckt, dass sie dieses Kapitel gar nicht mehr erwähnt. Andererseits geht sie auch mit keiner Silbe darauf ein, dass Berater Silberstein ebenfalls dem israelischen Geheimdienst zugeordnet wird.

Twitterfund

Wir werden Zeugen einer Dekontextualisierung, wenn darauf verzichtet wird, Silbersteins Wirken in der SPÖ (möglichst auch in früheren Wahlkämpfen) zu untersuchen. Thalhammer war selbst überrascht, was ihre Geschichte auslöste, denn sie rechnete mit nichts Besonderem, sondern nahm mit ihrem Freund an der Weinwanderung teil, als –  an einem Samstag – eine SPÖ-Pressekonferenz angekündigt wurde. Auch als sie dauernd am Telefon hing, um Gerüchte über einen anlassigen Pilz zu verifizieren, verblüffte der Effekt, zu dem eines ihrer journalistischen Vorbilder, Florian Klenk vom „Falter“ beitrug. Wie sehr bei Pilz der Kontext fehlt, sieht man auch an zahlreichen Statements, die ihn als „Aufdecker“ loben, aber sein Verhalten Frauen gegenüber bedauern. Die Causa Silberstein ist für Thalhammer „unglaublich komplex und verstrickt“, doch sie will sie lieber nicht so genau darstellen oder kann / darf dies nicht tun. Denn eigentlich muss man zum Wahlkampf 2002 zurückgehen, als manche in der SPÖ bereits wussten, dass Silberstein Mossad-Background hat. Damals war die Partei gegen die von Schwarzblau beschlossene Anschaffung der Eurofighter, was auch auf Pilz und den früheren Aktivisten Rudi Fussi zutraf; diese Konstellation fanden wir auch 2006 und 2017.

Thalhammer, die „unvorbereitet“ in der Innenpolitik landete, wird in einem ORF-Podcast so beschrieben: „Die ‚Presse‘-Journalistin hat mit ihren Artikeln zu der Affäre rund um die SPÖ und den Politikberater Silberstein den Wahlkampf entscheidend geprägt. Wenige Wochen darauf hat sie eine Geschichte über Peter Pilz und Vorwürfe der sexuellen Belästigung veröffentlicht – und damit eine Reihe an Ereignissen ausgelöst, die zum Rücktritt von Peter Pilz führte.“ Ihren O-Tönen zufolge hat sie „nicht gedacht, dass es so groß wird“, da es bei der SPÖ ja nur um zwei Facebook-Seiten ging; sie verstand nicht, warum es zu Rücktritten kam. Noch-Bundeskanzler Christian Kern hat sie am 1.10. erstmals live gesehen, nämlich als dann auch er eine PK gab. Das „Prinzessinnen“-Dossier über Kern, das auch Schlagzeilen machte (vor dem 30.9.), habe ganz andere Beteiligte als die FB-Gruppen, erklärt sie, denn es war „Teil der offiziellen Kampagne“, und sie selbst hat es auch nie erhalten. Nun werden ihr andere Infos über FB gegeben haben, aber der Konnex ist stets der Mossad-„katsa“ Tal Silberstein, wie sie geflissentlich ausblendet. Aus positiven Postings auf Kerns FB-Seite zieht sie wie Meinungsforscher den Schluss, dass die Affäre der SPÖ sogar genützt habe (allerdings: wer darf posten und welche Statements werden nicht zensiert?).

„Krone“ zu Black Cube

Thalhammer spricht von einer veränderten Demokratie und Parteienlandschaft“ und meint auch, dass sie „neu in diesem Politikding“ sei und daher auf „fachlich gute Kollegen“ vertraue,  die schauen, was stimmt und was nicht. Sie scheint sich der Gefahr bewusst, einmal daneben zu greifen, ist aber zugleich schon halb in der Falle, da das Lob von allen Seiten natürlich schmeichelt. Sie verwendet ernsthaft Formulierungen wie: „die Mächtigen, die am Schalthebel sitzen“ und „man soll Respekt haben vor Politikern“, die sie dann als Menschen erlebte,  „die mehr Eigeninteresse als Interesse am Land haben“.  Dies macht auch klar, womit man sie ködern kann -zeige ihr jemanden sozusagen mit heruntergelassenen Hosen und sie vergisst, sich anzusehen, wie das schnell nochmal mit dem Land war. Deshalb wurde bei Pilz auch nie beanstandet, dass er militärische Geheimdokumente veröffentlicht und sein Wirken auf US-Nähe schließen lässt. Thalhammer kann sich auch ein bisschen in Kritik sonnen, da manche meinen, Pilz‘ Verhalten Frauen gegenüber müsse sakrosankt sein, weil er doch angeblich so ein toller Aufdecker ist.

Unter Bezugnahme auf die APA berichtete auch die „Presse“ vor ein paar Wochen, dass Hollywood-Mogul Harvey Weinstein auf Empfehlung von Ex-Premier Ehud Barak (für den auch Silberstein arbeitete) Black Cube zur Einschüchterung und Irreführung seiner Gegner anheuerte. Es wurde nicht erwähnt, dass sich diese Firma für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von „Presse“ und „profil“ interessierte, obwohl es Parallelen auch zu Rumänien gibt, wo die Gusenbauer-Geschäftspartner Silberstein und Steinmetz aktiv sind. Geht es nach Thalhammer, baut man sich journalistische Kontakte auf, indem man langweilige Veranstaltungen über sich ergehen lässt, um am Rande mit Leuten zu reden. Nun mögen sich Standpunkte zwar wiederholen, aber fad ist es nur selten, wenn Redner und Diskutanten auf unterschiedliche Themen eingehen. Thalhammer beschreibt die zweite und dritte Reihe in der Politik als auskunftsfreudig („die wissen alles“), weil diese angeblich frei von der Leber weg sprechen kann. Das mag auch der Fall sein, wenn es darum geht, Stimmungen einzufangen, was aber nicht zwingend mit konkreten Informationen verbunden ist. Sobald man an Tabus rührt, wird jedoch gemauert – das wird auch Thalhammer noch erleben, wenn sie einmal verbotene Bereiche ausfindig macht.

PS: Wie hier beschrieben werde ich seit Jahren wegen kritischer Berichte attackiert; nun suchen die Kater Baghira und Gandalf und ich ein neues Quartier, bevorzugt in Wien oder Wien-Umgbung. Wer etwas für mich hat oder weiss hilft mir damit sehr. Auf den Wunsch vieler treuer Leserinnen und Leser hin ist finanzielle Unterstützung jederzeit willkommen: Alexandra Bader, Erste Bank BLZ 20111, BIC GIBAATWWXXX, IBAN AT592011100032875894. Ihr erreicht mich unter 06508623555, alexandra(at)ceiberweiber.at und ich bin auf Facebook und Twitter (cw_alexandra)

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10 Gedanken zu “Fake News über investigativen Journalismus

    1. Werte Raindancer,

      sehe ich genauso. Kurz hat sich massiv auf das FPÖ-Narrativ draufgesetzt (und recht geschickt noch dazu), welches nun einmal für eine Mehrheit der Bevölkerung der Realität am nächsten kommt. Der „Beitrag“ von Silberstein war eher, daß die Stimmung unter den SP-Funktionären bis ca. 1 Woche vor dem Wahltermin unterirdisch schlecht war, ehe Kern durch Kaperung der Grünstimmen dann doch noch ein akzeptables Ergebnis zusammengebracht hat.

      In diesem Zusammenhang kann ich auch das Buch „Die letzte Ausfahrt“ von Markus Huber und Ingo Pertramer empfehlen (die Kern-Lobhudeleien kann man getrost übergehen, ich denke, das ist dem ÖGB-Verlag geschuldet), das – für mich – streckenweise äußerst erheiternd ist.

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      1. ja, das buch ist streckenweise sehr interessant und die thematik ist schon so wie du sagst. interessant ist aber bei enthüllungen das agenda-setting durch relativ neue journalistin.

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