Christian Kern, Tarek Leitner und die Objektivität

Beginnt man, den Namen „Leitner“ bei Google einzutippen, wird sofort auf „leitner kern urlaub“ ergänzt. Der Moderator des heutigen ORF-Sommergesprächs war mit den Kerns auf Urlaub, als Christian Kern noch nicht Bundeskanzler war. Efgani Dönmez, der für die ÖVP kandidiert, legte nach und behauptete, es habe auch 2016 einen geminsamen Urlaub in Marokko gegeben und präzisierte nach empörten Reaktionen, dass Christian Kern nicht dabei war, wohl aber seine Gattin und die Tochter. Manche sehen Dirty Campaigning, andere sorgen sich um das Privatleben, wenn Thema wird, wer mit wem wohin fährt. Dömnez schreibt in seinem Blog: „Ob die Familien gemeinsam 2015 in Ibiza in San José auf einer Finca waren, ob sie 2016 nochmals waren nur ohne Tarek Leitner, oder in Marokko im Herbst ohne Christian Kern oder sonst irgendwo. Es ist auch nicht ausschlaggebend, wie lange sie sich kennen und ob ihre Kinder gemeinsam in eine Schule gehen. Das ist deshalb unerheblich, weil man niemandem eine Freundschaft vorwerfen kann und auch keinen gemeinsamen Urlaub. Zudem kann man nie wissen, ob jemand irgendwann eine politische Aufgabe übernimmt oder nicht. Niemand kann das einem anderen vorwerfen. Das habe ich bereits in meinem ersten Statement explizit betont.

Außerdem geht es mir nicht darum, die journalistische Integrität von Herrn Leitner in Frage zu stellen, wie einige nun krampfhaft versuchen, darzustellen. Mein Vorwurf ist aber ein anderer. Nämlich einzig und allein, dass Tarek Leitner im Wahlkampf trotz seiner nun bekannten Nähe zu Kern die TV Duelle moderiert.“ Dass man einander in der kleinen österrichischen Szene immer wieder begegnet, ist nicht so sehr das Problem, doch wann wird es privat? Wenn man zur „Book Release Party“ zu Tarek Leitner nach Hause eingeladen wird (übrigens auch jemand, der in diesem Fall eine Rolle spielt)? Unzulässige Vermischung von Beruf und Privatem findet dann statt, wenn es um persönlichen Vorteil oder um fehlende Objektivität geht. Können wir uns ernsthaft vorstellen, dass Leitner Kern nach Gusenbauer oder Silberstein fragt?  Es mag auch (subjektive) Fan-Sache sein, doch wie Leitner mit Sebastian Kurz umging, fanden viele unfair. Gute Journalisten erwecken nich den Eindruck von Parteilichkeit, wenn sie Leute interviewen, mit denn sie sonst per Du sind und auch mal auf einen Kaffee gehen. Man ist auch bei Pressekonferenzen per Sie, mit Ausnahme der NGO-Szene und bei anderen seltenen Gelegenheiten.

Leitners private Buchparty u.a. mit Kern (2015)

Natürlich pocht der ORF-Redakteursrat auf „Unabhängigkeit“ und wittert  Druck auf Journalisten, doch man kann den öffentlich-rechtlichen Sender immer wieder der Propaganda überführen. Was für die SPÖ eine „Sudelkampagne“ ist, sehen andere als Beweis dafür, wie man es wirklich mit dem Programmauftrag hält. Kurz selbst eröffnete übrigens die Botschafterkonferenz am Erste Campus, an der auch der frühere Botschafter in Israel und jetzige Kabinettschef bei Minister Drozda Michael Rendi teilnimmt. Man kann sagen,dass er Dönmez und Co. die Auseinandersetzung mit den Medien überlässt. Doch für objektiven Journalismus wäre dies ein weiteres interessantes Detail zur SPÖ-Israel-Connection inklusive gar nicht privater Unternehmungen von Eveline Steinberger-Kern. Rendis Ehefrau Pamela ist war übrigens als Frauen- und Gesundheitsministerin und Zweite auf der SPÖ-Liste eben bei einer ORF-Im Zentrum-Diskussion. Michael Fleischhacker (Servus TV, Quo Vadis Veritas) zitiert seinen Nachfolger bei der „Presse“ Rainer Nowak: “ Tarek Leitner hätte das Angebot, die ‚Sommergespräche‘ zu führen, nicht annehmen dürfen, und der ORF hätte ihm das Angebot nicht machen dürfen. Denn selbst wenn einmal der Interviewer und einmal der Interviewte die gemeinsamen Familienurlaube ausgelassen hat, ändert das Faktum, dass die Familien in unterschiedlichen Konstellationen gemeinsam auf Urlaub fahren, wohl nichts daran, dass sie eng befreundet sind.

Das ist nicht verboten, auch ein Bundeskanzler und ein ORF-Journalist brauchen Freunde, und wenn man die Kinder in der gleichen Schule hat, ergeben über die Verbindung der Kinder Familienfreundschaften – warum sollten die Kinder für die Berufe der Eltern büßen? Was verboten sein sollte, genauer, was sich verbieten sollte, ist, dass ein Journalist im öffentlich-rechtlichen Rundfunk das wichtigste Interviewformat bestreitet, obwohl er weiß, dass er durch das Faktum, dass seine und die Familie eines Interviewten eng befreundet sind, in ein eigentlich unlösbares Dilemma stürzt. Egal, ob die enge Beziehung bekannt ist oder nicht oder in welchen Schritten sie bekannt wird.“ Und damit ist noch gar nichts über fehlende Objektivität durch Aversionen oder Falscheinschätzung gesagt. Es wird nämlich übersehen, dass fast alle Medienleute zu falschen und unvollständigen Bildern beitragen, wenn sie meinen, man müsse bei eh öffentlich bekannten Personen  nicht genauer hinsehen, Fakten nicht immer wieder neu bewerten und recherchieren…

PS: Es wird nicht verständlicher, wenn Informationen nur allmählich kommen. Man weiss inzwischen, dass bei einem Urlaub 2015 Leitner und Kern dabei waren, dann fehlte einmal der eine und einmal der andere. Ein Urlaub wurde so erwähnt, dass Kern und Strache fast im selben Flugzeug gewesen wären.  Da gab Kern zuerst übrigens Kärnten als Urlaubsziel an: „Die Geheimniskrämerei von SP-Chef Christian Kern um seinen Ibiza-Urlaub ist völlig unverständlich. Noch dazu wäre es gescheit gewesen, gerade die letzten zwei Tage in Österreich im Amt zu sein, angesichts des Hochwassers, des Terrors in Nizza und des Putschversuchs in der Türkei mit tausenden österreichischen Urlaubern“, kritisierte 2016 Thomas Steiner (ÖVP Burgenland). Tarek Leitner kam zuerst in Oberösterreich zum ORF und gilt als eher ÖVP-affin, Detail am Rande.

PPS:  Wie hier beschrieben werde ich von der SPÖ seit Jahren wegen kritischer Berichte fertiggemacht; nun suchen die Kater Baghira und Gandalf und ich (und hoffentlich auch Athos, der seit einigen Tagen verschwunden ist) ein neues Quartier, wo wir uns von alldem erholen können und wo ich dann wieder neue Kräfte schöpfe und aus den bisherigen Erfahrungen etwas Neues entsteht. Vor allem möchte ich die Ruhe haben, einmal um Verlorenes und Vergangenes trauern zu können, denn das war bisher nicht möglich.  Auf den Wunsch vieler treuer Leserinnen und Leser hin ist finanzielle Unterstützung  jederzeit willkommen: Alexandra Bader, Erste Bank BLZ 20111, BIC GIBAATWWXXX, IBAN AT592011100032875894. Ihr erreicht mich unter 06508623555, alexandra(at)ceiberweiber.at und ich bin auf Facebook und Twitter (cw_alexandra)

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7 Gedanken zu “Christian Kern, Tarek Leitner und die Objektivität

  1. Ich sehe noch keine wirkliches Problem in Seilschaften oder Gruppen in denen sich Menschen gegenseitig Rutschen legen.

    So ist ist Realität und gilt für jeden. Es sollten allein die ungeselligen Vergesellschafteten und die ungesellig Vergesellschafteten nicht glauben, dass in einer Gesellschaft eine objektiver Ausgleich zwischen Chance und Talent gewährleistet werden kann.

    Der einzige Garant ist die konsequente Anwendung von Talent auf (gegebenes/gewähltes/selbst gefundenes) Material im Rahmen der erworbenen Fähigkeiten (unter der Anwendung von Werkzeugen), welche Erfolg im Spektrum zwischen Hobby und Arbeit im klassischen Sinne.

    Erst im letzten Schritt der Bewertung des Ergebnisses wir die Verbindung zu sozialen Handlung hergestellt.

    Das Ergebnis just dieser wird in unserer Wirtschaft der Maschine oder dem Unternehmen wird zugesprochen und nie dem Menschen, dem Betrieb oder der Unternehmung. Der Streit der üblich verdächtigen Ideologien geht genau um den Punkt.

    Zwar wirkt es auf den ersten Moment attraktiv zu sagen, ‚Wir weiten die Zuschreibung einer sozialen Handlung dem Menschen zu‘. Das daraus entstandene Chaos können wir heute in der Wirtschaft beobachten resp. beim sog. Arbeitsplatz oder im Job.

    Der Vorteil aus zuerst genannter Zuschreibung ist die liberale Sicht, dass wenn der Mensch, als einfaches Beispiel genannt, mit einer Menge Gut unter dem Arm aus dem Blickfeld der Marktteilnehmer aus dem Lichte der Öffentlichkeit in das Dunkel der Seitengasse entflieht zumindest in der Privatsphäre seinen Frieden hat – losgelöst ob er auf diese Art den seinen findet.

    In der Kostenrechnungliteratur der 80er wurde eben ein Dienstleistungsunternehmen ähnlich dem Industriebetrieb gesehen und aus dem erwuchs die die Ausrichtung des Betriebs nach dem Unternehmensmodell – sonst würde Steuerung nie funktionieren. In der ‚guten alten Zeit‘ war das Verständnis von Unternehmensmodell eher die Abbildung des Betriebs.

    Sie haben recht es ist unerheblich wer mit wem wo Urlaub macht. Es ist die Journaille der heutigen Zeit welche sich stark dem Thema der Gestaltung der Gesellschaft und damit der Steuerung der irdischen Realität hat verschreiben. Der Politiker hätte deren Orchestrationsanspruch zu genügen und wenn er nicht nur genügt sondern vernünftig handelt, dann wird gebashed.

    Ich hätte persönlich nicht mal ein Problem, wenn ein Hawara interviewed. Der Armin Wolf ist eben nicht kritisch bspw.. Der mahnt viel eher die Erläuterung der Differenz zu seiner höchstpersönlich ausgebildeten Ideologie ein, selbst wenn er aus der Perspektive der Ideologie oder zumindest normativen Perspektive des Bild ‚des schön Österreichs‘ im Rahmen eines wie auch immer gearteten Rapports ein. Die Pressestunde war auch nicht viel anders.

    Ist das besser?

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    1. Der Anspruch der Medien des altern Mainstream Menschen aus dem Dritten Reich mit kompatiblen Methoden herauszuführen, was ja verständlich wäre, ermächtigt noch nicht die selben Menschen und deren Nachfahren unter Beibehaltung der selben Methodologie aka. Propaganda in nte Reich hineinzuführen.

      Damit stellt sich die Frage, war das Ziel dann doch hinein und nicht heraus und das nicht schon immer.

      In so einem Umfeld ist es möglw. sogar klug sich seinen Moderator selbst mitzubringen.

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  2. medienkritik und interne kritik:

    oder:

    wenn dir die willkommensklatscher eine klatschen…

    http://derstandard.at/2000063586345/SPOe-interne-Kritik-an-Stammtischvideo

    „Nicht nur bei seinen Facebook-Fans, auch innerhalb der Partei stößt Kern damit auf Kritik. „Wir haben es beschissen gefunden“, sagt Eva Maltschnig, die Vorsitzende der Wiener Sektion 8, die bekannt dafür ist, sich gegenüber der eigenen Partei kein Blatt vor den Mund zu nehmen. Sie habe nichts dagegen, wenn man sich der Auseinandersetzung stelle, dann müsse man diesem Rassismus, der geäußert werde, aber auch etwas entgegenstellen. Und das habe der Kanzler nicht ausreichend getan. „Er wirkt auf mich entschuldigend und defensiv einer Person gegenüber, die etwas gegen Muslime hat“, sagt Maltschnig.“

    ja aber wen interessiert das eigentlich…

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    1. …..und immer dieses „Argument“: Der Islam ist seit 1912 eine anerkannte Religion in Österreich.

      Wird sich auch sonst so vehement um „alte Werte“ gekümmert? Das genaue Gegenteil ist der Fall.

      Außerdem war Österreich damals dezidiert ein Vielvölkerstaat mit einem entsprechend großen Gebiet.

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