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Die Grünen und #MeToo

Viele sind überrascht oder enttäuscht, dass #MeToo auch bei den Grünen Thema ist und übergriffiges Verhalten bislang heruntergespielt wurde. Doch die Grünen sind Teil unserer Gesellschaft, in der weitgehend geduldet wird, was die Grenzen von Frauen überschreitet. Daher steht der Ex-Grüne Peter Pilz mit Vorwürfen sexueller Belästigung für viele Geschlechtsgenossen, wie auch Mesut Onay typisch ist, da er ein Nein in einer Bekanntschaft nicht akzeptieren wollte. Dieser Fall wurde schon vor Jahren öffentlich erörtert, spielt aber jetzt wieder eine Rolle und führte nun zum Ausschluss aus dem Innsbrucker Gemeinderatsklub. Bei Pilz war seit Jahren Gesprächsthema, wie aggressiv und zu Frauen anhaberig er zu später Stunde unter Alkoholeinfluss war, doch erst vor wenigen Tagen fand dies auch den Weg in die Medien.

Auch wenn die Grünen in den letzten Jahren als Frauenpartei galten, „tolerierte“ man (Frau) die Eigenheiten von Pilz und machte ihm auch „seine“ Themen nicht streitig. Und Onay wurde in vollem Wissen um den „Vorfall“ wiedergewählt, mit dem Kalkül, dass er Migrantenstimmen bringt. Früher war es bei den Grünen normal, dass jene Frauen, die sich gut verstanden, miteinander über Gewalterfahrungen sprachen. Dies beeinflusste zwar frauenpolitische Forderungen, es gab aber nie gemischte Runden, in denen es als wichtig erachtet wurde. Es wäre ein „Willkommen in der Wirklichkeit“ gewesen, einmal der Frau zu lauschen, die in den 1950er Jahren als Lehrling vom Chef sexuell belästigt wurde und damit selbst zurande kommen, Vermeidungsstrategien entwickeln müsste, aber die  Lehre nicht hinschmeißen konnte, weil das Geld sehr knapp war. Oder der Tochter einer Gastwirtsfamilie, die im Alter von 13 Jahren auf dem Nachhauseweg vergewaltigt wurde und Jahre später andere Frauen nach Sitzungen mit dem Auto heimbrachte aus Angst, dass ihnen etwas passiert.

Rainer Nowak interviewt Peter Pilz

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Old Boys Networks als Stolpersteine für Frauen

Oft haben Frauen kein Problem damit,  sich selbst etwas zuzutrauen und selbstbewusst aufzutreten. Doch es sind die Old Boys Networks, die unter sich bleiben wollen und die gegen Frauen zusammenhalten. Und es sind Old Boys jeden Alters, die Frauen als Objekte betrachten, ihre Leistungen übersehen und Fehltritte anderer Boys beschönigen. Deutlich wird dies bei @boyfromcountry, wie sich Ex-„Wiener Zeitung“-Chefredakteur Reinhard Göweil auf Twitter nennt, der gefeuert wurde, weil er einer jungen freien Mitarbeiterin eine feste Anstellung gegen Sex in Aussicht stellte. Er tat dies in einem Facebook-Chat, den die Journalistin der Gleichbehandlungsanwaltschaft vorlegte. Da es freie Journalisten nicht gerade leicht haben, ist verständlich, dass sie zögerte, sich gegen den gut vernetzten Old Boy zu wehren. Reaktionen anderer Old Boys geben ihr diesbezüglich recht, wobei einige in der Medienszene es vorzogen, geradezu ohrenbetäubend zu schweigen. Bezeichnend ist, dass die Boys so tun, als sei Göweils Verhalten rein „privat„, als ob er „privat“ Jobs vergeben kann (gegen sexuelle Zugänglichkeit natürlich).

Sofort dachten einige, Göweils Abgang sei ein Vorbote von Schwarzblau, da die „Wiener Zeitung“ im Eigentum der Republik steht und derzeit SPÖ-Kanzleramtsminister Thomas Drozda zuständig ist. Er selbst leistete dem Vorschub, indem er von „Intrigen“ sprach und ankündigte, sich beim Arbeits- und Sozialgericht zu wehren. Dann aber ruderte er zurück und gestand ein, dass er sich auf Facebook zum Narren gemacht hat, doch dies tat den Solidaritätsbekundungen seiner Fans keinen Abbruch. Nur sehr selten verhalten sich Personen,  die in einem bekannt gewordenen Fall so agieren, ansonsten vollkommen untadelig, was auch für Göweil gilt. Es ist aber immer noch ein Unterschied, ob man(n) z.B. für kritische Berichte über die Wiener Linien in die Sportredaktion versetzt wird oder ob frau in ihrer Intimsphäre verletzt wird. Auch Berichte über die „Besetzungscouch“ in Film und Theater thematisieren das Verhalten von bestimmten Männern gegenüber Frauen, die mit Konsequenzen rechnen müssen, wenn sie nicht mitspielen. Immer braucht es Zeit, bis eine Betroffene das Wort ergreift und dann andere in das #MeToo einstimmen. Da es um männliche Hegemonie geht, stehen Frauen unter Rechtfertigungsdruck, die diese in Frage stellen. Selbst wenn hier das Opfer anonym bleiben kann und andere es verteidigen, muss es schlimm sein, all die Verhöhnungen und Verharmlosungen im Netz zu lesen.

Diskussion auf Twitter

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