Relotiuspresse: Jetzt fälschen sie auch noch Beziehungen!

Alles ist im Mainstream möglich, doch meistens gibt es Fakten, anhand derer man Märchen widerlegen kann. Vieles ist gerade im auch internationalen politischen Kontext entweder so oder so, auch wenn man interviewte Gefangene und geflüchtete Kinder siehe Claas Relotius erfinden kann. Dabei gibt es zwar Kontrollmechanismen, letztlich aber müssen sich die Redaktionen (und die Leser und Zuseher) darauf verlassen, dass ihnen keine Bären aufgebunden werden. Beim Spiegel waren die Überprüfungen eher lasch, wie man am Beispiel Fergus Falls sah oder wenn Relotius das Zuhause von Traute Lafrenz in South Carolina an den 600 km entfernten Mississippi verlegte. Nun sind besonders perfide Fälschungen des WDR aufgeflogen, nämlich mit dramatischen Beziehungsgeschichten. Fies ist das deshalb, weil man Fakes schwer überprüfen kann, es sich um nicht dokumentierte Innenansichten einer angeblichen Privatsphäre handelt. Es blieb daher aufmerksamen Zusehern vorbehalten, die merkten, dass ihnen die gleichen Darsteller jeweils anders verkauft wurden. Mit „Menschen hautnah“ wollte der öffentlich-rechtliche Sender bei scripted Reality-Formaten von RTL und Co. andocken und sich doch davon unterscheiden.

Dabei wählte man aber eine geradezu abenteuerliche Vorgangsweise: „In einer Folge der Reihe aus dem Januar wird ein Ehepaar − es heißt hier Manuela und Oli − als Beispiel für eine Vernunftehe begleitet. Die beiden, so heißt es, lebten auch deshalb zusammen, weil sie Geld für eine zweite Wohnung sparen wollten. Allerdings sagt Manuela in dem Film auch, ihre Beziehung gehe über reine Freundschaft hinaus. In einer früheren Folge war das Paar hingegen als Manuela und Sven aufgetreten. Dort hatten beide versichert, sich nach einer Trennung wieder gut zu verstehen. Manuela versicherte, dass sie Sven ‚auf eine gewisse Art liebe‘.“ Aus „redaktionellen Gründen“ steht diese Episode auf der Webseite des WDR nicht mehr zur Verfügung. Was kann man bei den anderen Sendungen noch glauben, fragt man sich:  „Jetzt kam durch Twittermeldungen heraus: Mit der journalistischen Sorgfalt nahmen es die WDR-Macher nicht so genau. In einem Fall handelt es sich laut einem Bericht der Süddeutschen Zeitung um ein Paar, das in drei verschiedenen Dokumentationen unter wechselnden Namen und Altersangaben mit jeweils leicht abweichenden Beziehungsgeschichten präsentiert wurde.

Sendung vom 10.1.2019 (noch im Google-Cache)

Dabei ging es laut SZ etwa um ein Paar, das aus rein wirtschaftlichen Erwägungen zusammenlebt, oder ein Paar, das sich nach einer Trennung wieder liebt. Die Widersprüche in den Dokus waren durch Hinweise eines Twitter-Nutzers bekanntgeworden. Alle drei Dokumentationen stammen von einer freien Autorin des Senders.  Ganz heftig treibt es eine gewisse Manuela, die sich in mehreren Folgen exhibitionieren darf. In einer Folge heißt ihr Ehemann Olli, in einer anderen Folge derselbe Ehemann Sven. Natürlich heißt Manuela in Wirklichkeit auch nicht Manuela, sondern Martina Selke und tritt beim WDR unter Alias-Namen auf. Was der Sender natürlich unterschlägt.“ Die Sendungsautorin wurde nun gefeuert, erleidet also ein Relotius-Schicksal; die Serie wurde mehrfach mit Medienpreisen ausgezeichnet (auch das verbindet mit ihm), Und wie bei seinen Rührstücken gilt, dass ein wenig Recherche die nunmehrige Blamage bereits verbindert hätte: „Ob die Inhalte der geschilderten Lebensgeschichten und -brüche denn auch exakt so stimmen, muss man glauben oder kann es lassen. Für ihre Beispiele ehelicher Irrungen und Wirrungen besorgten sich die WDR-Macher immerhin Komparsen, vom WDR großspurig ‚Protagonisten‘ genannt. Das sind mitunter Kleindarsteller, meistens aber begnadete Selbstdarsteller. Manuela alias Martina kam schon in der BILD als Schönheitskönigin groß raus.

Hier hätte der WDR nur zu googeln brauchen. Ebenso bei einem Menschen-hautnah-Protagonisten‘ namens Sascha Mahlberg, der in der WDR-Doku  ‚Ehe aus Vernunft‘ seine private Geschichte vom charakterlich anständigen und treusorgenden Ehemann ablässt. Der Müllmann mit Pferdeschwanz und Ohrsticker tauchte bereits in der RTL-Doku  Reich trifft arm  und in der ZEIT auf. Dort steht: Seit seinem Debüt im Jahr 2007 hat er 169 mal vor der Kamera gestanden. In der Notiz-App seines Mobiltelefons hat er alle Auftritte aufgelistet: Es sind bislang 43 Serien, 22 Dokumentationen, sechs Spiel-Shows, zwölf Abendfilme, acht Kinofilme, acht Musikvideos, fünf Werbefilme. Bei den Quoten hat er bei 200 Millionen Zuschauern aufgehört mitzuzählen.“ Dies erinnert auch Familientausch-Formate mit echten Familien, wo aber darauf geachtet wird, dass sich die Beteiligten stark unterscheiden und möglichst krass äußern. Es scheint ein Minderheitenprogramm zu sein, normale Konflikte zu haben, nicht jedes Klischee zu erfüllen und konstruktive Lösungen zu finden.  Wobei öffentlich-rechtlich siehe Kika auch dafür steht, Beziehungen von Mädchen zu „Schutzsuchenden“ zu propagieren. Das Echte, Unverfälschte und Unbequeme ist immer mit Mühen, Schwiergkeiten und Anstrengung verbunden.

„Menschen hautnah – Schwarzes Glück“ (mit echten Darstellern)

 Auf der Ebene der Geopolitik darf US-Botschafter Richard Grenell Gegenstand von Fake News sein, was bei einer Präsidentin Hillary Clinton Tabu gewesen wäre. Wenn Kurden (mit linker Unterstützung) den WDR stürmen, ist es kein Angriff auf Pressefreiheit und Demokratie, anders als die „Attacke“ der Identitären, Plakate mit Fotos des verletzten AfD-Politikers Frank Magnitz auf Redaktionsgebäude und Parteizentralen zu kleben. Doch man recherchierte ja auch über Buhmann Grenell unter gefährlichen bzw. schwierigen Bedingungen: „Da der Botschafter zu einem Gespräch  ’nicht bereit‘ war, konzentrierte sich ‚die Recherche auf Interviews mit mehr als 30 Informanten, die Grenell in den vergangenen Monaten erlebt und getroffen haben‘, unter ihnen ‚viele amerikanische und deutsche Diplomaten, Kabinettsmitglieder, Abgeordnete, hohe Beamte, Lobbyisten und Angehörige von Thinktanks‘. Sie alle waren ‚bereit, offen zu reden‘, wollten sich ‚aber nicht zitieren lassen‘, schreibt Konstantin von Hammerstein.“ (im Spiegel übrigens)

In diesem Video der Identitären sehen wir einige der heroischen Tweets aus dem Mainstream und Aufnahmen von einer tapferen taz-Jounalistin, die ihren armen Hund an der Leine herumzerrt bei ihrem Versuch, Demonstranten handgreiflich zu vertreiben. Wir haben also falsche Geschichten in der Presse, die unsere Emotionen gewinnen sollen, falsche Beziehungen und falsche Helden, die nichts anderes als ihr „Recht“ zu fälschen und ihre Deutungshoheit verteidigen. Deshalb sehe man sich, Stichwort Proteste, das brutale Vorgehen gegen die Gilets Jaunes an, das an Paris 1968 erinnert. Und man rede mit denen, die wirklich gegen Widerstände und Hürden recherchieren, die Schikanen ausgesetzt sind und nicht mal Hashtag-Solidarität erleben. Und man sei sich dessen bewusst, dass Widerstand gegen Kriege und soziale Ungerechtigkeit eine zähe Sache ist, die Ausdauer und individuelles Wissen verlangt (das man sich nur mit breitem Horizont aneignet). Auch Zwischenmenschliches ist fordernd, wenn es ohne Dramaqueens und -Kings aus der Scheinrealität des Fernsehens auskommt.

Ein Kommentar zu „Relotiuspresse: Jetzt fälschen sie auch noch Beziehungen!

  1. Ja stimmt wir werden alle verarscht und unterhalten und von den wahren Problemen abgelenkt.
    Freie Presse gibt es im Mainstream nicht mehr die schreiben alle voneinander ab.
    Die wollen verhindern dass wir uns zusammen tun und wie die Gelbwesten in Frankreich demonstrieren. In Deutschland ist es besonders arg da wird jede regierungskritische Demo defamiert und als rechts abgestempelt. Wie praktisch. Aber lange denke ich kommt die Merkelregierumg damit nicht mehr durch.

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