Der Tatort und die „wahren Lügen“

Dann und wann dockt der Tatort bei politischen Ereignissen an und findet gemischte Resonanz beim Publikum. Dies ist auch der Fall bei „Wahre Lügen„, wo eine Journalistin ermordet wird, die den Fall Lütgendorf neu aufrollen will (immerhin sah beinahe eine Million in Österreich zu). 1981 wurde der 1977 zurückgetretene Verteidigungsminister Karl Lütgendorf erschossen aufgefunden; bis heute halten sich Zweifel, ob es Selbstmord war. Die Journalistin scheint die Fährte illegaler Waffendeals von den 1980er Jahren bis in die Gegenwart verfolgt zu haben, aber ob sie deswegen sterben musste? In einem sind sich die Zuseher einig: dass die neuen Verhältnisse mit der türkisblauen Regierung pointiert angesprochen wurden mit einer Generaldirektorin für Innere Sicherheit, deren Sekretär an Sebastian Kurz erinnert und die den Ermittlern mit dem Vorwand „Transparenz“ ins Handwerk pfuscht.

Bezeichnend ist, dass die „Bild“ (Springer bekam in den 1950er Jahren Geld von der CIA) sofort auf die SIRA-Dateien verweist und der Standard 2016 ausgiebig Peter Pilz zitierte. Als Offizier, der Minister wurde, war Lütgendorf kein typischer Politiker, und es waren gerade Kameraden, die von Mord überzeugt waren. Bruno Kreisky soll an den israelischen Geheimdienst gedacht, zugleich aber auch keine Ermittlungen gewünscht haben (er ordnete auch den Untergang der Lucona 1977 so ein). Im Krimi wird ein Auto aus dem Wolfgangsee gefischt, in dem sich die Leiche der deutschen Journalistin Sylvie Wolter (Susanne Gschwendtner) befindet.  Aus Wien reisen die Sonderermittler Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Bibi Fellner (Adele Neuhauser) an, die bald vom pensionierten Kollegen Hans-Werner Kirchweger (Peter Matic) kontaktiert werden, der die Bergung des Autos mit dem Fernglas beobachtet hat. Der Darsteller des Herrn Kirchweger stammt väterlicherseits aus einer Offiziersfamilie, während er mütterlicherseits von Freiherrn aus Lothringen abstammt; „seine Stimme ist vor allem durch die Synchronisierung des britischen Charakterdarstellers Ben Kingsley bekannt.“ verrät uns Wikipedia. Auch der Name Kirchweger kann eine Anspielung sein: „Ernst Kirchweger (* 12. Jänner 1898 in Wien; † 2. April 1965 ebenda) war Straßenbahnschaffner und später Geschäftsführer des Compass-Verlages. Bei einer Demonstration gegen Taras Borodajkewycz von einem rechtsextremen Studenten tödlich verletzt, war er das erste Todesopfer einer politischen Gewalttat in Österreich nach 1945.“

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Der Tatort-Kirchweger war natürlich die Person, zu der Wolter unterwegs war, da man ihm eine Seite aus Lütgendorfs Tagebuch vor die Tür gelegt hatte, aus der hervorgehen soll, dass sich der Ex-Minister vor einem Aufragsmörder gefürchtet habe. Kirchwegers Vater war Jagdgefährte Lütgendorfs, erzählt er den Ermittlern, und nach dessen Tod habe er sich mit „Lü“ angefreundet und dann immer wieder vergeblich versucht, den Fall neu aufzurollen. Wolter wird von einer Frau vermisst, die zur Polizei in Wien geht und sich als ihre Lebensgefährtin Sybille Wildering (Emily Cox) vorstellt. So verzweifelt Wildering auch ist, sie enthält den Ermittlern Informationen vor, weil sie Wolters temporären Schreibtisch beim Boulevardblatt „Aktuell“ ausgeräumt hatte. Es handelt sich um Aufnahmen des Waffenhändlers David Weimann (Robert Hunger-Bühler), der seine Geschäfte selbstverständlich tarnt, und um handschriftliche Notizen dazu. Fellner und Eisner konnten bereits die alten Zeitungsartikel ansehen, die Wolter auf ihrem Smartphone gespeichert hat, zur Affäre Lütgendorf, aber auch zum Rücktritt von Verteidigungsminister Robert Lichal. Als die beiden darüber reden, bezeichnen sie auch den Ankauf der Eurofighter Typhoon als „illegales Waffengeschäft“, was er nun wirklich nicht war. Durchaus Tatort-tauglich wäre es aber, dem nachzugehen, warum die Jets so sehr bekämpft wurden und der Minister offenbar unter Druck steht, der sie abschaffen sollte.

Fellner und Eisner werden von Maria Digruber (Franziska Hackl), der Generaldirektorin für Innere Sicherheit, und ihrem Sekretär Lukas Kragl (Sebastian Wendelin) aufs Glatteis geführt, da man sie bezüglich Weimann getäuscht habe, er wirklich nur im legalen Bereich tätig ist  und das nichts mit Waffen zu tun habe. Es stellt sich später aber heraus, dass Digruber (Vorbild die Generaldirektorin für die öffentliche Sicherheit Michaela Kardeis?) und Kragl (Vorbild Bundeskanzler Sebastian Kurz?) an einer internationalen Operation gegen Weimann beteiligt waren, die Fellner und Eisner versemmelt haben, da sie mit ihm über Wolter sprachen. Ihr Chef Ernst Rauter (Hubert Kramar) ist zwischen den Fronten, weil ihm Digruber nachdrücklich klarmachte, dass er ohne Parteibuch nur deshalb noch auf seinem Posten ist, weil er „gut“ arbeite. Freundschaftlich gemeint rät sie ihm, dass seine Ermitteler doch keinen „alten, modrigen, uninteressanten Staub“ aufwirbeln sollen, der niemanden mehr interessiert. Denn Fellner und Eisner sahen sich im Staatsarchiv Akten zum Fall Lütgendorf an, die es in der Realität dort jedoch nicht gibt, und Rauter möchte von der „Inneren Sicherheit“ mehr wissen.

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Hier sind Anspielungen auf den BVT-U-Ausschuss deutlich, nicht nur wegen Digruber, sndern auch, weil es u.a. um Akten aus dem Staatsarchiv geht. Vielleicht gehen die Hinweise noch tiefer, da der Zeuge Anwalt Gabriel Lansky (bekannt auch durch seine Verbandelung mit Ex-Kanzler Alfred Gusenbauer) einen Sohn mit Namen David hat, was auch für Martin Schlaff gilt, der ebenfalls mit „Gusi“ verhabert ist. Frau Wildering ist inwischen dabei, David Weimann zu verführen, mit dem sie auch Sex auf eine Weise hat, die bei Offizieren beliebt sein soll. Was aber ihren Versuch betrifft, so zu tun, als kenne sie die gerade ermordete Journalistin nicht, durchschaut er sie und erzählt ihr, dass Wolter Wildering verlassen wollte, weil sie sich in ihn verliebt hatte. Das ist vielen Zusehern zu dick aufgetragen; eine Lesbe, die ihrer Partnerin einen viel älteren Waffenhändler vorzieht, über den sie recherchierte? Rauter, Fellner und Eisner erkennen mittlerweile, dass Digruber und Kragl blufften und auf sie losgegangen sind, weil sie Angst hatten, dabei ertappt zu werden, wie sie Waffendeals deckten.  Hier wird der IS erwähnt, wie ja Weimann Wildering auch sagte, dass er Wolter bei einem Empfang der syrischen Botschaft kennengelernt hatte (Lütgendorf hatte gute Beziehungen zu Syrien).

Es ist klar, wie die Story auszugehen hat, denn Wildering war bei Wolter im Auto, die ihr sage, dass sie vorhat, sie zu verlassen und sie aussteigen liess; da griff diese zur Waffe im Handschuhfach, erschoss sie und liess den Wagen in den See rollen.  Wildering ist für Weimann eine Gefahr, tut jedoch so, als sei sie ihm knapp entronnen und wird von Bibi Fellner kurzfristig aufgenommen. Dann aber bringt sie diese unter anderem Namen in einem Hotelzimmer unter; diese Szenen sind im Park Hyatt gedreht worden, das wiederum über Rene Benko einen Konnex zu Gusenbauer hat. Der Sprecher des Signa-Konzerns Robert L. verfasste das berühmte Dossier über die SPÖ und Christian Kern, das an Tal Silberstein geschickt wurde. Der israelische Agentenführer pflegte wiederum bei Wien-Aufenthalten stets in diesem Luxushotel zu übernachten. Schliesslich findet Weimann Wildering, kämpft mit ihr um Leben und Tod, sie erleidet einen Schulterdurchschuss, mit dem sie ihn noch erschiessen konnte, was Gerichtsmedizinern zufolge durchaus möglich ist. Es gibt auch einen weiteren Toten, nämlich Hans-Werner Kirchweger, der Moritz Eisner (der bei Schiessübungen immer „Linksdrall“ hat) gesteht, dass er selbst die Seite aus dem Tagebuch vor die eigene Tür legte. Er wollte so die Journalistin ködern und ist bereit, nach Wien zu kommen, um dem BKA das Tagebuch übergeben.

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Doch er erscheint nicht am vereinbaren Treffpunkt an der Reichsbrücke, sondern wird auf der Höhenstrasse gefunden – auf genau die gleiche Weise erschossen wie einst Lütgendorf (vom Tagebuch natürlich keine Spur). Eine andere Szene an der Donau zeigt übrigens Kurz-Verschnitt Kragl, der von Fellner und Eisner mit der heimlichen Unterstützung von Waffendeals konfrontiert wird. Dies führt dann aber dazu, dass Digruber geht und er ihren Posten übernimmt. Wer weiter über Lütgendorf spekulieren will, findet hier einige interessante Links; es sei erwähnt, dass sein Sohn Philipp sagte, er sei bleich geworden, als er von der Ermordung  des ägyptischen Präsidenten Anwar as-Sadat am 6. Oktober 1981 erfuhr und Angst hatte, er werde der nächste sein („Lü“ starb am 9.10.1981). Die anderen Tatorte mit realem Bezug sind etwa Borowski und der freie Fall (Uwe Barschel, aus Kiel) oder Deckname Kidon (spannend zum iranischen Atomprogramm, aus Wien) oder Die Faust (zu Regime Changes und Otpor, aus Wien) und Der rote Schatten (über die RAF, aus Stuttgart).  Fiktion mit Österreich-Beug und Mossad rund um den ersten Golfkrieg bietet Die Faust Gottes von Frederick Forsyth.

Das Umfeld, in dem der Minister tätig war, wird in einer Analyse zu Bruno Kreiskys Nahost-Friedensbemühungen beschrieben, in der Lütgendorf auf Seite 111 vorkommt. Man darf nicht vergessen, dass es „Wochenpresse“-Recherchen 1977 über Waffendeals waren, die seinem Rücktritt vorangingen; man muss aber „unsere“ Medien und ihre Rolle kritisch sehen, wie hier am Beispiel Alfred Worm gezeigt wird. Nicht online verfügbar ist  Transatlantik  7/81, Arikel „Schiffbruch mit Uran“ von Wolfgang Maier (u.a. „Wiener“ und dann mit Wolfgang Fellner „Basta“-Chefredakteur, heute bei Fellners oe24.tv) über die Lucona-Affäre, wo erwähnt wird, dass Lütgendorf im Oktober vor Gericht aussagen sollte (in Deutschland meiner Erinnerung nach). Es lohnt auch, diverse andere Todesfälle wieder ins Gedächtnis zu rufen; etwa hier ab Seite 21. Und sich mit realen Ereignissen u befassen (Twitter: „Tipp vom #Mossad hat Attentatsplan zunichte gemacht, in den in stationierter iranischer Agent involviert war“), die mit Geheimdiensten zu tun haben. Dazu bietet auch die Eurofighter-Affäre genug Gelegnheit oder auch die Art und  Weise, wie Vorgänge beim Verfassungschutz skandalisiert werden.

PS: Der Bginn spielt auf den Tod der schwedischen Journalistin Cats Falck an, die für die Fernsehsendung „Rapport“ arbeitete und sich mit illegalem Waffenhandel befasst haben soll; sie wurde Monate nach ihrem Verschwinden 1984 im Auto aus einem Kanal gefischt, in dem auch ihre Freundin saß. Siehe Schweden, Österreich und der Waffenhandel.

2 Kommentare zu „Der Tatort und die „wahren Lügen“

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