Machtverhältnisse und Politikerinnen

Beate Meinl-Reisinger ist zur Chefin der NEOS gewählt worden, Maria Stern soll in Zukunft die Liste Pilz anführen, und Politiktweets von Männern verbreiten vor allem die Tweets anderer Männer: diese Eckpunkte zeigen, dass es kein einheitliches Bild von Frauen in der Politik und in der Berichterstattung darüber gibt. Nur selten werden Machtverhältnisse von Frauen eingehend analysiert und kritisiert, obwohl sie ihnen zum Nachteil gereichen. Doch da mag auch der Zugang unterschiedlich sein, denn während Männer befürchten müssen,. dass andere Männer sie verraten, haben Frauen Angst, dass andere Frauen sie nicht verstehen, eben weil sie mit Hintergründen weniger vertraut sind. Man weiß nie ganz genau, wie ehrlich jemand in Interviews Auskunft gibt, doch bei Frauen stellt sich oft die Frage, ob sie nicht mehr wissen, nicht mehr durchschauen, wieweit sie daher überhaupt strategisch agieren. Oft entsteht der Eindruck, dass sie tatsächlich eine etwas oberflächliche und naive Sichtweise haben und noch nicht soweit gekommen sind, ihre Kraft zu erproben. Und es ist möglich, dass sie Grenzen spüren und zurückzucken, dies aber mit selbstbewussten Tönen kaschieren, was wieder an die Liste Pilz denken lässt. 

Meinl-Reisinger arbeitete einmal im Kabinett von ÖVP-Familienstaatssekretärin Christine Marek und kam 2015 mit dem umstrittenen Berater Tal Silberstein in den Wiener Gemeinderat; anders als viele andere soll sie sich mit ihm sogar sehr gut verstanden haben. Seit damals wird übrigen auch wegen diverser Querverbindungen zwischen SPÖ und NEOS vermutet, dass es sich um verdeckte rote Schützenhilfe handelte. In einem aktuellen Porträt schreibt der „Standard„: „Heute wie damals ist Meinl-Reisinger eine Macherin mit hohem Arbeitspensum. ‚Sie mischt immer mit, bringt sich bei Strategien und Kampagnen ein‘, erzählt Abgeordnete Claudia Gamon. Es ärgert die Jungpolitikerin, dass ihrer ‚inoffiziellen Mentorin‘ von Kritikern häufig Charisma und Lockerheit abgesprochen werden: ‚Frauen müssen immer erst den Gegenbeweis antreten.'“ Das ist schon richtig beobachtet, zugleich aber wirkt Meinl-Reisinger oft hektisch, was „typisch Frau“ ist dort, wo Gefahr besteht, nicht gleichermaßen Gehör zu finden. Anders als Maria Stern wirkt sie jedoch wie eine echte Parteichefin, da sie ja auch auf das parlamentarische Geschehen einwirken wird, wie sie es die letzten Jahre in Wien getan hat.

Maria Stern am 7. Juni in der ZIB 2

Liegt es daran, dass Meinl-Reisinger als ehemalige Mitarbeiterin eines Regierungsmitgliedes und mit nunmehr fünf Jahren parlamentarischer Erfahrung mehr politischen Einblick hat als Maria Stern? Viele empfinden deren Auftritte eher verwirrend bis verstörend, etwa wenn sie statt #MeToo anonyme Selbsterkenntnis auf Täterseite propagiert oder meint, die Liste Pilz breche ein Wahlversprechen, wenn Menschen, die für sie Wahlkampf machten, auch mitbestimmen dürfen. Wer hat da wem was versprochen, sollte man/frau fragen, denn da geht es darum, was hinter den Kulissen geschieht. Sterns Verzicht aufs Nachrücken ins Parlament wurde uns am 7. Juni als „zutiefst feministischer Akt“ verkauft, oder als siehe oben im ORF „die Möglichkeit, dem Wählerwillen gerecht zu werden, was sehr lange gedauert hat“. Dies mag kryptisch klingen, meint aber, dass Pilz nach dem Bekanntwerden von Vorwürfen sexueller Belästigung am 4. November 2017 zurücktrat und seit dem Einstellen der Ermittlungen per 22. Mai 2018 zurück in den Nationalrat wollte. Stern sagt, sie möchte ins Parlament, aber sie habe „das große Ganze“ gesehen und da entschied die stellvertretende Parteiobfrau, während die Frauensprecherin gerne Mandatarin wäre gerade angesichts dieser Regierung.

Wenn Lou Lorenz nach den Vorwürfen gegen Pilz fragt, verspricht Stern auch hier eine „lange schriftliche Stellungnahmen in den kommenden Tagen“, in denen sie dann „alle Aspekte beleuchten“ wird, da sexuelle Belästigung, von der drei von vier Frauen betroffen seien, „dermaßen komplex und dermaßen grauslich“ ist, dass sie sonst eine halbe Stunde Sendezeit brauche. Nun sind einige Tage verstrichen und von einer Stellungnahme ist weit und breit nichts zu bemerken; eher schon mauert Stern gegenüber den Frauen, die an ihrem Agieren beim besten Willen nichts „Feministisches“ erkennen wollen. Dabei ist Kritik meist differenziert, sodass Stern, hätte sie Handlungsspielraum, darauf auch eingehen und ihre Beweggründe erklären könnte. „Wir haben, Peter Pilz und ich, bis zur letzten Sekunde darum gekämpft, dass wir gemeinsam in den Nationalrat einziehen, es ist uns nicht geglückt“, ist eine Aussage, die seltsam und vielleicht auch wie Wunschdenken erscheinen mag, doch Berichten zufolge ist das auch Pilz‘ eigener Wunsch gewesen. Als Frauensprecherin ist sie wie Sebastian Bohrn Mena, der aus der SPÖ kommt, bei der Liste PIlz beschäftigt; sie arbeitet dem Parlamentsklub zu, betont aber stereotyp, dass sie in diesem nichts mitzureden habe.

Neues Meinl-Reisinger-Video

Bohrn Mena wurde zeitweise medial gepusht, weil er Ex-Parteichef Werner Faymann kritisierte; nach dessen Ablöse durch Christian Kern bestand kein Bedarf mehr danach, sodass er schließlich zur Liste Pilz wechselte. Jetzt bezeichnet er seine neue politische Heimat als autoritär, da am 28. Mai die Statuten geändert wurden, er davon jedoch nur durch Tweets des Politologen Hubert Sickinger erfahren hat („Eine sich selbst rekrutierende winzige Clique kann alles entscheiden.“ ). Dieser bemängelte, dass die Rolle der Abgeordneten gestrichen wurde und der Vorstand der Mini-Partei mit einfacher Mehrheit Mitglieder ausschließen kann. Gedeichselt hat dies Gründer Peter Pilz gemeinsam mit Maria Stern und Martin Gruber; insbesondere Pilz und Stern wirft Bohrn Mena autoritäres Verhalten vor. Für Bohrn Mena, dessen Mutter nach dem CIA-unterstützten Putsch 1973 aus Chile nach Österreich floh,  sind die Erfahrungen in der Liste Pilz „schockierend“ und er meint: „Als Parteimitglied habe ich bei der Liste Pilz keine Möglichkeit zur Mitbestimmung. Da hatte ich bei der SPÖ mit 250.000 Mitgliedern mehr Mitbestimmungsrechte und mehr Einblick.“ Es werde in der Liste kaum noch miteinander geredet, deshalb spricht er nun mit dem „Standard“ (der 2016 den Fluchthintergrund seiner Familie etwas aufgebauscht hat, da sein Vater aus Wien ist).

Das Publikum fragt sich da wohl, von welcher potemkinschen Partei Maria Stern so begeistert spricht; auch dies im Vergleich zu den NEOS; die nie sonderlich viel Basis hatten, aber doch weitaus normaler sind als die Liste Pilz (die sehr an einstige Pläne für die Grünen erinnert). Wäre Stern mit mehr politischer Erfahrung besser davor gewappnet, auf eine Täuschung hereinzufallen? Oder half Bohrn Mena bei der (späten) Erkenntnis, dass er eine traditionelle Partei von innen kannte, also Vergleichsmöglichkeiten hatte? Doch wenn wir uns ansehen, was er über die SPÖ angenommen hat (bzw. worüber er nicht reden wollte), dann war er geneigt zu glauben, was er glauben sollte. Wenn wir die Berichterstattung analysieren, fällt auf, dass Pilz‘ alter Freund Wolfgang Fellner diesen und auch Stern pusht; wie Fellner arbeitet, hielt eben ein Gerichtsurteil wegen einer Klage des „Kurier“ fest. Jeden Samstag liegt seinem „Österreich“ die Frauenzeitschrift „Madonna“ bei, in der am 23. Juni ein Interview mit der SPÖ-Frauenvorsitzenden Gabriele Heinisch-Hosek und Alma Zadic von der Liste Pilz zu finden ist. Da redet Heinisch-Hosek mehr Frauen in der Politik das Wort, denn: „Das mit der kritischen Masse stimmt einfach: Je mehr wir sind, desto weniger kann uns jemand ein G’schichtl erzählen.“

Maria Stern am 7. Juni bei Fellner

Es ist demokratiepolitisch richtig, dass Frauen und Männer ausgewogen vertreten sind und bringt sicher auch Veränderungen im Umgang mit sich. Doch Heinisch-Hosek wird, obwohl Abgeordnete wie Pilz, also auf der gleichen Ebene, anders wahrgenommen als er. Sucht man bei Google News nach ihrem Namen und dann nach jenem von Pilz, fällt auf, dass bei ihr die meisten Resultate Presseaussendungen sind, bei ihm jedoch Erwähnungen in Medien. Was wem erzählt werden kann, wer womit abgespeist wird (und oft weiß, dass es falsch und verlogen ist), gehört jedoch zu den Machtfragen. Auf diesem Gebiet mischen Frauen nur selten mit, da sie sich meist mit ihnen zugewiesenen Bereichen zufriedengeben. Alma Zadic pocht zwar auf Erfahrungen in Männerdomänen, zuerst als Wirtschaftsanwältin, dann als Sicherheitssprecherin, lässt sich jedoch klaglos von Pilz verdrängen. Denn es fand kaum Beachtung, dass Peter Pilz statt Alma Zadic im BVT-U-Ausschuss sitzt und statt Daniela Holzinger in jenem zu den Eurofightern. Für Montag, den 25. Juni war eine Liste Pilz-Verbraucherschutz-Pressekonferenz geplant, die nun abgesagt wird, und zwar für eine gemeinsame PK von Peter Pilz, Jan Krainer (SPÖ) und Stephanie Krisper (NEOS) zum Thema BVT-Auschuss.

Formal sind Politikerinnen oft schon qualifizierter als Politiker, müssen jedoch merken, dass das nicht zählt, sondern es auf Macht, Strategien, Netzwerke und Machenschaften im Hintergrund ankommt. Pilz etabliert nicht nur Narrative, die sich in den Köpfen festsetzen, sondern profitiert auch davon, dass Männer anderen Männern z.B. auf Twitter mehr Aufmerksamkeit schenken. Frauen könnten gegensteuern, indem sie sich auf andere Frauen beziehen, wollen jedoch nur zu oft selbst erwähnt, verbreitet und gelobt werden von denen, deren Postings offenkundig wichtiger sind. Zwar gab es am 11. Juni, als Peter Pilz wieder angelobt wurde, mit dem Auszug fast aller Frauen ein Signal über Parteigrenzen hinweg, doch ansonsten stellen Frauen vermeintliche Parteiräson oft über alles. Am 21. Juni veröffentlichte „Woman“ die Stimmen prominenter Frauen zu Pilz, die sein Verhalten gegenüber Frauen ablehnen, ihn aber teilweise noch für einen guten Aufdecker halten. Am deutlichsten positioniert sich Ex-Frauenministerin Maria Rauch-Kallat (ÖVP), die immer als geschickte Netzwerkerin galt, deren „Club Alpha“ in Wien viel offener war als das „ega“ der SPÖ-Frauen.  Sie erinnert Pilz daran, dass er vor mehr als 30 Jahren gegen das „Establishment“ und die „Sesselkleber“ im Parlament antrat, „um dann selbst 30 Jahre lang mit Halbwahrheiten und Unwahrheiten andere ‚anzupatzen‘ und der nach 30 Jahren eigenen ‚Sesselklebens‘ nicht davor zurückgeschreckt ist, mit Streit und einer eigenen Kandidatur seiner Partei und deren Spitzenkandidatin massiven Schaden zuzufügen“.

Pilz auf Facebook gegen Rauch-Kallat

Er habe längst jede Glaubwürdigkeit verloren und will „mit aller Macht und allen Mitteln“ zurück ins Parlament, auch nach allen bekannt gewordenen Entgleisungen. Daran erkennt man seinen wahren Charakter als „selbst ernannter Aufdecker“ und „Saubermann“. Es wäre, meint Rauch-Kallat, ein Gewinn für Österreich und das Parlament, wenn er endgültig zurücktritt. Ulrike Lunacek, die auch wegen Pilz 2017 vergeblich kandidierte, befasst sich in ihrem Statement vergleichsweise milde nur mit besseren Bedingungen für Frauen in der Politik und mit Sexismus. Rauch-Kallat unterscheidet von den meisten Frauen in der Politik (Ausnahmen sind z.B. ehemalige Innenministerinnen), dass sie Pilz‘ Wirken sehr gut beurteilen kann, weil es immer wieder auch gegen sie gerichtet war. So schrieb er etwa 2002 zur vorverlegten Nationalratswahl in seinem politischen Tagebuch:  „Die ‚Presse‘ zitiert den Lockheed-Manager Alain Bonderud: Die Konkurrenten seiner F-16 hätten ‚Kommissionen‘ gezahlt – Schmiergelder, wie man bei uns sagt. Seltsame Inserate in freiheitlichen Publikationen belegen das. Gestern hat jetzt auch noch die eiserne Maria Rauch-Kallat die Nerven weggeschmissen. Ein Innenminister Pilz – und sie sieht sich schon auf dem Weg nach Stadlau oder Sibirien. Ich will Gutes tun, schreibe Helmut Zilk einen Brief, und nehme der Armen die Angst. Der Brief, den Zilk heute kriegt, lautet: Sehr geehrter Herr Altbürgermeister, lieber Helmut! ERKLÄRUNG Ich will nicht Innenminister werden ! Bitte hebe diese Erklärung für den Fall der Fälle für mich auf. Mit besten Grüßen, Dein Peter“ (26.9.2002)

Davor machte er sich (20.9.) darüber lustig, dass der „Standard“ titelte: „Abfangjäger: Akt weg, Pilz unter Verdacht“: „Ich rufe einen Standard-Chef an. Er beteuert, den Fehler auch erst heute früh gesehen zu haben. Mein guter Ruf werde natürlich wiederhergestellt. So ein Glück. Scheibner weigert sich, Anzeige zu erstatten. Langsam wird das spannend. Jeder Minister ist verpflichtet, jeden Verdacht auf eine strafbare Handlung sofort der Staatsanwaltschaft mitzuteilen. Der Minister weiß das und drückt sich. Was hat Scheibner vom Staatsanwalt zu befürchten?“ Sein Verhalten, das ohne Geheimnisverrat und Amtsmissbrauch anderer unmöglich wäre (siehe auch 2. Eurofighter-Ausschuss), begründete er zuvor so (18.9.): „Wenn der Akt aus dem Verteidigungsministerium bei mir landet, fühle ich mich verpflichtet, ihn öffentlich zu machen. Das tue ich heute in der Pressekonferenz. Der Akt belegt, dass die Goldhaube nicht mehr funktioniert. Ein tschechischer Mobilfunkbetreiber hat eine Frequenz gekauft, auf der bisher österreichischer Luftraum überwacht wurde. Am 1. Jänner 2002 musste unser Heer abschalten. Seit diesem Tag können unsere Abfangjäger nicht mehr zum unbekannten Flugobjekt geleitet werden. Die UFOs haben jetzt freie Bahn. Wenn ein Blinder ein Auto kaufen geht, greift er klarerweise zum Ferrari. Wenn Scheibner Österreich schützt, greift er zum Eurofighter – blind und teuer. So schaut es aus.“

Fellners „Österreich“ am 8. Juni 2018

In seinem Tagebuch befasste sich Pilz oft mit Maria Rauch Kallats Ehemann Alfons Mensdorff-Pouilly, etwa am 20. September 2011, als er schrieb: „Nur Lockheed hatte mit F-16 alle MUSS-Forderungen erfüllt“, bezogen auf jene Ausschreibung, bei der dann EADS zum Zug kam. Dies wirft natürlich die Frage auf, ob er als eine Art Lobbyist für Lockheed operiert und mit dem Deal in irgendeiner Form verbundene Personen deshalb so heftig ins Visier nahm, was sich auch auf Rauch-Kallat erstreckte. Fellners „Madonna“ schrieb einmal, dass eine Welt für die Politikerin zusammenbrach, als Mensdorff 2009 erstmals verhaftet wurde, und zwar wegen Geldwäsche- und Bestechungsverdacht: „Maria Rauch-Kallat (60) dürfte tatsächlich nichts davon geahnt haben, dass dem seit Monaten von der Justiz ins Visier genommene Waffenlobbyisten eine Untersuchungshaft blüht. Freunde der ÖVP-Politikerin bestätigen gegenüber MADONNA: ‚Maria war in den letzten Tagen in Wien, ihr Mann in seinem Schloss Luising im Südburgenland. Er dürfte sie nicht vorgewarnt haben, dass so eine drastische Maßnahme folgen könnte – vermutlich, um sie nicht zu beunruhigen.'“  Es fragt sich, ob sie als Mitglied der Bundesregierung bzw. ÖVP-Generalsekretärin zur Zeit des Zustandekommens des Eurofighter-Vertrags und ohnehin auch selbst im Visier von Pilz wirklich so ahnungslos war oder es nicht für möglich gehalten hat.

„Mit der Ruhe dürfte jedenfalls zunächst einmal Schluss sein für Maria Rauch-Kallat, der der Graf erst Ende Februar ein großes Fest zu ihrem 60. Geburtstag bescherte. Nicht nur wegen des medialen enormen Interesses, sondern auch emotional – gilt die Ehe Rauch-Kallats doch seit über 14 Jahren als äußerst glücklich. ‚Er ist die große Liebe meines Lebens‘, verriet die Ex-Ministerin, die sich sonst eher selten von ihrer sanften Seite zeigt, einmal in einem Interview. ‚In ihn war ich wirklich verliebt, in meinen ersten Mann nicht.‘ 22 Jahre hatte Maria Rauch-Kallat an der Seite des Vaters ihrer beiden Töchter Ulrike und Claudia durchgehalten“, schrieb „Madonna“. Mensdorff dürfte mit seiner pointierten Art auch ein gutes Kontrastprogramm zur Selbstkontrolle gewesen sein, die man/frau der erfolgreichen Netzwerkerin Rauch-Kallat, die stets Frauen fördern wollte, immer auch anmerkte. Manche seiner unbekümmerten Interviewaussagen bereiteten ihr Kopfzerbrechen, als sie beide immer stärker im Focus des Pilzschen Narrativs standen, den Medien begierig aufgriffen. Es gab von Pilz auch, siehe 2014, Attacken auf Richter, die Mensdorff nicht dingfest machen wollten, und vom Betroffenen Medienkritik per Interview wie 2011 im „trend„, wo er den Unterschied zwischen Berater (was er für BAE Systems war) und Lobbyist erklärte: „Wenn ich dem Management rate, was es tun soll, dann berate ich es. Aber ich rede nie mit denen, die etwas kaufen wollen.“

Bildsprache bei Fellner: Pilz mit Handy, Stern auf Schaukel

Er rät, nach Politikern oder Generälen zu suchen, mit denen er darüber sprach, welcher Kampfjet gekauft werden soll, und wird natürlich auf Pilz angesprochen: „Der Herr Doktor Pilz, der dauernd behauptet, ich wäre ein Waffenhändler, ist entweder taub oder blind. Er sitzt, wie auch der Bundeskanzler und der Vizekanzler, der Verteidigungs- und der Außenminister und alle möglichen Generäle, im nationalen Sicherheitsrat. Dort müssen alle Käufe und Verkäufe oder Vermittlungen von Waffen genehmigt werden. Und der Herr Pilz müsste meinen Namen dort irgendwann gehört haben, wenn ich mit Waffenhandel zu tun hätte. Das hab ich aber nicht. Selbst wenn es einmal einen Antrag gegeben hätte, dass der Herr Mensdorff gerne eine Gummischleuder verkaufen möchte, hätte der Herr Doktor Pilz ‚Nein‘ sagen können. Das ist ein bewiesener Blödsinn, den er da erzählt.“ Auch für den konservativen Publizisten Andreas Unterberger ist die unendliche Geschichte um die Eurofighter (bzw. dass diese Entscheidung zu einer solchen gemacht wurde) manchmal verwirrend. So argumentiert er 2010 damit, dass der britische BAE-Konzern ja sowohl an EADS und damit am Eurofighter als auch an den schwedischen Gripen (Saab) beteiligt war, doch der Knackpunkt ist das Ausscheiden der Amerikaner, also von Lockheed.

Mensdorff wurde zu einem der Lieblingsfeinde von Pilz mit Behauptungen wie jener, dass über den „Lobbyisten“ Gelder von EADS geflossen seien. In der Zeit, als sich die Regierung gegen ein Produkt des seit den 1950er Jahren mit der CIA verbandelten US-Konzerns entschied, unterstellte Pilz auch, Schwarzblau finanziere Rechtsextremismus und schüchtere Beamte im Innenministerium ein (2002). Das erinnert doch sehr daran, wie jetzt von manchen aus dem Vorgehen gegen Amtsmissbrauch im BVT ebenfalls eine Vertuschungsaffäre konstruiert wird, wiederum unter Beteiligung von Pilz. Mit Geldwäschevorwürfen u.a. wie hier 2009 gegen Mensdorff konnte sich Pilz als vermeintlicher „Aufdecker“ positionieren und dann z.B. im Wiener Volkstheater auftreten: „Ein bunter musikalischer Korruptionsabend mit dem Protagonisten der Aufdeckung: Peter Pilz, begleitet von seiner Band Die Staatssekretäre.“ Freilich ist derlei schon deshalb pure Desinformation, weil Pilz‘ Tätigkeit für einen fremden Staat immer durchsichtiger wird, wobei sie manche auch früher in den Grünen erkannt haben (ich etwa 1992). Und es ist auch mit Vorsicht zu genießen, wenn unterstellt wird, andere wollten das Gleiche wie er, etwa der abgeschottete, überwachte, unter Druck gesetzte Ex-Verteidigungsminister Nobert Darabos (2010).

Ablenkungsmanöver bei Fellner

Denn es war immer Pilz, der Interessen der US-Rüstungsindustrie gegen Europa vertrat, während Darabos gar nicht durchschauen sollte, dass er als Verteidigungsminister ab 2007 nur Statist sein sollte, was er nicht wollte. Man sieht hier bei diesem Tagebucheintrag von 2010, wie die Menschen Pilz-Bewertungen u.a. über Mensdorff übernehmen und sich zu eigen machen. Auf flapsige Art – „der Ruf ist eh im Arsch“ – versuchte dieser, damit klarzukommen, doch Maria Rauch-Kallat belastete, dass einige in der ÖVP auf Distanz zu ihr gingen. Bereits 2005 war von Trennungsgerüchten die Rede, was aber damit zu tun haben kann, dass Rauch-Kattat ihr Eigenleben nie aufgab und von Emanzipation nicht bloß sprach. Zehn Jahre später war eine Trennung, nicht jedoch Scheidung offiziell, die „Graf Ali“ aber so kommentierte, dass „alles in bester Ordnung“ sei zwischen ihnen: „Wer sagt, dass wir getrennt leben?“ Rauch-Kallat setzte wohl zu, dass sie ein Fall für den ÖVP-Ethik-Rat sein sollte oder dass ihr Mann sich dauernd gegen Korruptionsvorwürfe verteidigen musste, auch dass er nicht in einem U-Ausschuss 2012 aussagte, als ein Verfahren gegen ihn lief (siehe Interview mit seinem Anwalt Harald Schuster). All dies zeigt, dass auch eine geschickte Netzwerkerin wie Rauch-Kallat, die möglichst viele Kontakte pflegt und anderen Politikerinnen damit zeigt, wie frau es machen kann, an ihre Grenzen stößt.

Und dass diese mit einem Mann zu tun haben, ist zum Teil persönlich und privat, zum Teil aber hochpolitisch, weil sie damit einen Einblick in Machtverhältnisse  bekommen hat, der sich ihr auf andere Weise nicht eröffnet hätte. Es entbehrt nicht der Ironie, dass die Liste Pilz mal eben zwei Frauen aufs Abstellgleis geschoben hat, damit der Gründer seine übliche Rolle im U-Ausschuss einnehmen kann, während Frauen wie Rauch-Kallat, aber auch Maria Fekter, die im 1. Eurofighter-Ausschuss eine gute Figur machte, anderen wertvolle Anregungen geben könnten. Maria Sterns „großes Ganzes“ in Form eines Zurücksteckens für Pilz wird auch dann zur Farce, wenn wir Maria Rauch-Kallats gerechten Zorn auf Pilz gegenüber stellen, der viel mit PIlz‘ Aktionen gegen ihren Mann zu tun hat. Es kommt nämlich nur teilweise darauf an, in welche Funktionen Frauen gelangen, auf welchen Schauplätzen sie zugegen sind. Denn es ist andererseits auch notwendig, Dynamiken und verborgene Abläufe zu verstehen und sich mit Themenbereichen siehe eben z.B. Eurofighter eigenständig auseinanderźusetzen. Je mehr Frauen dies tun – auch in den Medien – desto eher kann es Netzwerken in dem Sinn  geben, dass Frauen davon ausgehen, dass andere Frauen sie verstehen.

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