Herrenprogramm bei der Liste Pilz

Die Liste Pilz basiert auf Verrat an den Grünen, die wiederum selbst Verrat den eigentlichen Grünen sind. Daher amüsiert es auch viele, wenn sie nun sozusagen erste Reihe fußpilzfrei verfolgen können, wie sich die Pilze selbst demontieren. Peter Pilz habe nun einmal „ein tolles Image als Aufdecker“ sagt unten Politikberater Thomas Hofer in Männersolidarität und geblendet vom künstlichen Glanz. Es müssten Pilz nun schon „tolle Aufdeckungen gelingen und unglaubliche Skandalgeschichten in die Hände fallen“, meint Moser, damit das derzeitige  Chaos wieder wettgemacht wird. Für Peter Pelinka ist er nun ein Narzißt, der zum Scheitern verurteilt ist, wobei er den Bogen bis zu Donald Trump spannt. Man könne sich von ihm „gute oppositionelle Arbeit erwarten“, obwohl er alles sehr auf sich fokussiert hat; es war immer nur „er der Aufdecker, obwohl ihm viele zugearbeitet haben“. Jetzt ist „ein großes politisches Talent am Absterben“, stellt Pelinka fest, und der Ex-BZÖ-Politiker Peter Westenthaler „versteht überhaupt nicht, wieso er täglich mit so einer Brutalität versucht, sein Mandat zurückzubekommen“.  Die kolportierte Vereinbarung mit diversen Rollen für die derzeitige Abgeordnete Martha Bißmann wertet Westenthaler als „Mandatskauf“, was auch strafrechtlich relevant sein kann. „Wieso macht ein Vollprofi wie der Peter Pilz das?“ fragt Westenthaler, der darüber auch lange nachdachte.

Freilich ist auch ihm klar, dass Pilz verzweifelt um Immunität ringt, da einige Gerichtsverfahren anstehen. Man bedenke hier einmal, dass Regierungsmitglieder nicht immun sind und er mit Anzeigen gegen sie um sich wirft. Georg Hoffmann-Ostenhof vom „profil“ meint hingegen, das Parlament sei nun mal sein Forum. „Er ist ein wirklich guter Parlamentarier gewesen“, und zwar „einer der wenigen wirklichen Vollprofis“ (nur Josef Cap war länger Abgeordneter). „Sein Forum sind die Medien“, widerspricht aber Pelinka halb, denn er kann ja so auch Pressekonferenzen geben etc. Hofer beschwört ein „Vakuum“ im Bereich Korruptionsaufklärung in Pilz‘ Abwesenheit in der Opposition herauf. Bei so viel Pilz-Lob von Geschlechtsgenossen kann es nicht ausbleiben, dass die Liste eine Pressekonferenz für den Feiertag, den 31. Mai angekündigt hat. Sie haben immerhin bekanntgegeben, dass sie bis Ende Mai eine neue Klubführung finden und dachten, dies gehe sich locker aus, da Klubobmann Peter Kolba zurücklegen, aber Abgeordneter bleiben will. Wenn Hofer beklagt, dass das Image der Politik beschädigt wird, wirkt das unfreiwillig ironisch, wenn es an einem Agenten festgemacht wird. Manche trauern den Grünen nach und werfen Pilz vor, dass er vorgeblich aus gekränkter Eitelkeit eine erfolgreiche Gegenkandidatur startete.

 

Als Peter Pilz im November 2017 wegen Anschuldigungen im Bereich sexueller Belästigung zurücktrat, rückte für ihn die Steirerin Martha Bißmann nach. Ihr sollte nun angeboten werden, dass sie wieder einen sicheren Listenplatz bekommt, dass sie stellvertretende und geschäftsführende Parteiobfrau wird usw. Sie war mit einem der Punkte nicht einverstanden und entschloß sich, im Parlament zu bleiben, sodass die vorbereitete Vereinbarung nicht unterzeichnet wurde. Prompt machte Peter Kolba diese öffentlich und tat so, als habe sich Bißmann dies ausgedacht und ihnen vorgelegt. Sofort teilten viele seine Empörung und da vor allem Männer, während manche Frauen meinten, dass unbescheidenes Auftreten einmal etwas anderes ist. Doch in Wahrheit stammt der Vorschlag von Pilz selbst und war akkordiert, bis Bißmann dann doch ein Detail nicht mehr paßte und sie absprang. Auf Twitter sehen wir immer noch, wie ihr Unverfrorenheit vorgeworfen und sie zur großen Zerstörerin gestempelt wird. Pilz‘ jahrzehntelanger Umgang mit anderen inklusive interner wie öffentlicher Drohungen und Verleumdungen spielt hingegen keine Rolle, sondern scheint irgendwie zu einem Mann zu gehören.

Thomas Mayer vom „Standard“

Auch das geschilderte übergriffige Verhalten ist etwas, das man (d.h. frau)  eben in Kauf nehmen muss, wenn man es mit einem Aufdeckergenie zu tun hat – worin aber ganz konkret die Leistung des Aufdeckens besteht oder wo er auf dem falschen Dampfer ist, einen irreführenden Narrativ kreiert, darf nicht diskutiert werden. Als Frau, ehemalige Grüne und Journalistin, die sich mit Eurofightern und Co. befasst, habe ich das Gefühl, gestandenen Journalisten schonend beibringen zu müssen, dass nicht nur der Kaiser nackt ist. Der Sumpf, durch den er sich mit der Sänfte hat tragen lassen, ist auch keiner, sondern dieser befindet sich ganz woanders. Ich weiß nicht mehr, wie sich Willi Stelzhammer aus Wien-Simmering verhalten hat, wenn es bei Sitzungen der Wiener Grünen Pilzgerichte über mich oder andere gab. Vielleicht gab er manchmal Kontra wie im Sommer 1992, als Pilz plötzlich per „profil“ eine US-Militärintervention in Bosnien forderte und wir das gefälligst akzeptieren sollten?  Ihm kam nie jene spezielle Rolle zu, in der ich war, weil ich verstand, dass 1989 auf den damaligen formalen Parteichef (auch ohne Mandat wie heute Pilz) bei den Grünen Johannes Voggenhuber eine Frau angesetzt wurde. Und Pilz zum ersten Mal zu einer Landesvorstandssitzung kam, um auf mich loszugehen.

Willi Stelzhammer

Ich traf voll ins Schwarze, ahnte aber damals noch nicht wie sehr, denn an Geheimdienste dachte ich erst nach jenem Sommer 1992, als wir verdeckt aus dem Hinterhalt attackiert wurden, wenn wir nicht auf US-Linie sein wollten als Mitglieder einer pazifistischen Partei. Dies steht für den Urverrat, jenen an den echten Grünen, die eine wirkliche Oppositionspartei hatten erschaffen können. An uns gab es laufend Verrat, weil wir sukzessive entfernt wurden, doch jene, die uns ersetzten, waren nur ein untaugliches Surrogat, wie sich spätestens 2017 nach der Pilz-Spaltung zeigte. Denn da wollten einige die Grünen warnen vor dem, was auf sie zukommt; ich analysierte bisherige Pilz-Strategien, sodass sie das Drehbuch erkennen konnten, nach dem immer wieder vorgegangen wurde. Doch Spitzenkandidatin Ulrike Lunacek und Co. wollten nicht wahrhaben, dass es keine Kandidatur wie jede andere ist. Eine Quereinsteigerliste ohne Programm und Basis war bereits in den 1990er Jahren das Ziel, als es darum ging, die lästige Basis an den Rand zu drängen und von der Ebene der Kandidatenwahl fernzuhalten bzw. ihr nur Außenseiterchancen zu geben. Es ist paradox, aber Karma, dass Pilz nun genau dieses Modell auf den Kopf fällt, weil seine Mitstreiter die Mühen der Ebene, des Idealismus, des Engagements nicht kennen.

Herby gegen Anna Thalhammer („Presse“)

Vom Herrenprogramm sind manche weniger angetan, darunter auch Anna Thalhammer von der „Presse“, die auch nichts davon hält, anlassiges Verhalten zu beschönigen. Sobald eine Frau vielleicht Sympathie für eine Seite der Berichterstattung zeigt, wird ihr sofort unterstellt, mit unsauberen Methoden zu arbeiten. Dabei „wagte“ es Thalhammer ganz einfach, Bißmann zu fragen, wie sie die Situation erlebt. Wenn Männer ganz unverhohlen mit Pilz fiebern, ist das hingegen unverdächtig, sondern normal – er ist ja, in einem von Männern geschaffenen Narrativ, der tolle Aufdecker. Dabei ist aber gerade Kolba kaum zu toppen, der Pilz vor einem halben Jahr ja auch als Opfer einer Verschwörung sah.  Nun mag es Gründe geben, von Bißmann auch nicht begeistert zu sein, aber es kann nicht angehen, dass ihr ein Vorgehen unterstellt wird, das nicht einmal auf ihrem Mist gewachsen ist. Wer allerdings so siegessicher ist, eh alle in der Tasche zu haben, dass er entblößend und ggf. strafrechtsrelevant formuliert, sagt damit aus, dass er sich in einer Allmachtsposition erlebt.

Bernhard Heinzlmaier auf Twitter

Es scheint keine Rolle zu spielen, ob sich bereits herumgesprochen haben müsste, dass der Bißmann zugeschriebene Forderungskatalog nicht von ihr stammt. Denn sie passt damit wunderbar in Klischeevorstellungen von der berechnenden und „persönlich“ ehrgeizigen Frau. Bei einer Frau ist immer alles „persönlich“, egal wie sehr der Kontext eindeutig beruflich oder wie hochpolitisch die Materie ist. Im Umkehrschluss schreibt die Herrenrunde dann sich selbst und anderen reinsten Altruismus zu, denn sie müssen ja so idealistisch sein, sich z.B. als toller Aufdecker aufzuopfern (ist ja sonst keiner da!). Wenn Bißmann siehe auch unten nun sehr kritisch beäugt wird, sollten wir ihr zugestehen, dass sie nur sehr wenig Praxis hat im Vergleich zu anderen und es einen Unterschied macht, über ein Thema zu referieren oder sich selbst zu positionieren. Diesem Drama erste Reihe fußpilzfrei österreichweit folgen zu können hat den Vorteil, dass sich Ex-Grüne soweit sie wollen darauf einlassen und berühren lassen können, da es immer noch den Ausschaltknopf gibt.

Martha Bißmann bei oe24

Lebhaft kann man sich dann vorstellen, wie Männer für die Pilz-Agenda mit der Abgeordneten stritten, die auf den Geschmack gekommen ist und so gerne bleiben will. Na sicher mag sie sich da und dort überschätzen, aber haben wir das nicht auch schon bei Männern gesehen? Was wird denn nun aus all den gegen Pilz angestrengten Verfahren, die sogar mit den Eurofightern zu tun haben, wo er sich als vermeintlicher Robin Hood der Steuerzahler aufführte und eifrig zudeckte? Wie sollen U-Ausschüsse mit oder ohne Pilz ablaufen, wenn viele genug davon haben, sich via Pilz alles vorgeben zu lassen? Immerhin ist inzwischen auch davon die Rede, dass man ihn selbst vorladen kann, um seine Rolle zu klären – auch das kratzt gewaltig am Image des vermeintlich unfehlbaren Aufdeckers. Zwar tut Pilz so, als seien die Ausschüsse wichtiger als die unbedingte Rückkehr als Mandatar, doch wie sollte er dann nebulose Verdächtigungen am laufenden Band aussprechen, für die ihn Gegner klagen, was die Abgeordneten nicht nur seiner Liste lähmt? Schließlich hat sich Christian Kern samt SPÖ-Parlamentsklub dem Aufdecker und seinen Künsten ja auf Gedeih und Verderb ausgeliefert.

PS: Es sind wohl deshalb einige Journalistinnen empört über Pilz, weil es hier um Fragen der Augenhöhe, der Unter- und der Überlegenheit geht. Als ich den Text nochmal durchcheckte, fragte ich mich, ob Pilz wohl mal ein Bier mit Willi Stelzhammer getrunken hat und kam zum Schluß, dass es zumindest möglich war. Aber mit mir? Never ever! Eine Erklärung lag für mich wie für manch eine andere in jenen Enthüllungen, die sein komplett anderes Frauenbild zeigten, das mit uns nichts zu tun hat. Doch ich war ihm auch bereits in dem Moment in Wahrheit überlegen, als ich 1988 in einen grünen Bundesvorstand gelangte und jener steinige Weg begann, auf dem ich seine Rolle bald durchschaute. Wir reden da nicht von einem damals auch noch jüngeren Mann, der eine jüngere Frau mit „Macht“ beeindrucken kann, sondern sofortigem vollständigem Unvermögen seinerseits, mit mir normal umzugehen.

Ich erwies mich dann trotz aller Widrigkeiten, finanzieller Durststrecken, weil ich mich nicht beugen ließ, als ihm auf seinem Gebiet überlegen, wo er in einem für ihn gesponnenen Netz operierte. Dies beeindruckte einen Politiker, der selbst Situationen exakt und blitzschnell erfasst und daher mit Augenhöhe keine Probleme hat. Heute kann jede/r, die oder den Aufdecker-Narrativ kritisch untersuchen will, mit meinen Analysen Hinweise erhalten, wo man ansetzen kann und ein ganz anderes Bild erhält. Überlegenheit noch in den Grünen bedeutete, dass ich mich mit Außen- und Sicherheitspolitik und militärischen Kapazitäten befasste, während Pilz die Zeit bis zur EU-Volksabstimmung so passiv wie möglich verstreichen ließ. Andere Frauen werden Überlegenheitsmomente haben, wenn sie merken, dass sie Pilz weder ernsthaft befragen noch mit ihm normal reden können: sie fühlen sich nicht gemeint, weil sie ja nicht ins Beuteschema passen.

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5 Gedanken zu “Herrenprogramm bei der Liste Pilz

  1. In seinem neuen Buch, das nicht uninteressant ist, deutet Josef Cap an, dass der Ausschluss von Pilz und Mattl aus dem VSStÖ nicht nur inhaltliche Gründe hatte, sondern auch damals ein persönlicher Machtkampf dahinterstand.

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  2. Also,die PK war ja erhellend…
    Das Betragen der Bißmann mißfällt ihnen – daher gehört die geschasst,aber wie wissen’s jetzt nicht so gach..
    Beschlüsse wurden einstimmig gefasst (obwohl eine gar nicht anwesend war)
    Sie sind eine Frauenpartei – die beiden werden ordentlich gebieft zu den Untersuchungsausschüssen geschickt und sind daher für die anderen wichtigen Dinge zu überfordert,die armen Hascherln…
    Und die alten Herren machen das wesentliche und halten sich gegenseitig die Stange.
    Und für den Furz halten sie die Presse in Schnappatmung.
    Selten sowas letzklassiges gesehen.

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