Journalistinnen, Old Boys und sexuelle Belästigung

Wie Old Boys Networks funktionieren, sieht man an den Reaktionen auf die sofortige Entlassung von Reinhard Göweil, bisher Chefredakteur der im Staatsbesitz befindlichen „Wiener Zeitung“. Die Zeitung schickte am Freitagabend eine kurze Presseaussendung aus, die mehr Fragen aufwirft als beantwortet: „Die Wiener Zeitung GmbH sah sich am Freitag gezwungen, Reinhard Göweil wegen eines anlassbedingten Vertrauensverlustes mit sofortiger Wirkung von der Funktion als Chefredakteur der ‚Wiener Zeitung‘ abzuberufen und das Dienstverhältnis mit ihm zu beenden.“ Die Wortwahl weist aber darauf hin, dass etwas passiert sein muss und der „Vertrauensverlust“ nicht durch mehrere Vorfälle allmählich entstanden ist. Sofort wurde spekuliert, dies könne eine Vorleistung für die wohl kommende Koalition aus ÖVP und FPÖ sein und man(n) stilisierte Göweil voreilig zum Helden. Hanna Herbst von „Vice“ schrieb auf Facebook, dass sich ihr eine Journalistin anvertraute, die mit Mails belegen kann, dass Göweil sie belästigte; auch die Gleichbehandlungsanwaltschaft steht auf ihrer Seite. Sie wandte sich an den Eigentümer der Zeitung (den Bundeskanzler Christian Kern und Kanzleramtsminister Thomas Drozda vertreten) und dieser handelte.

Ohne Kenntnis der Mails blieb dann immer noch Raum für Spekulationen, bis Göweil doch auch medial Stellung nahm: „Eine Journalistin behauptet, er habe ihr in einer schriftlichen Nachricht sexuelle Avancen gemacht und das damit verbunden, dass er möglicherweise einen Job zu vergeben habe. Der ‚Presse‘ liegt diese Nachricht vor. Die Kollegin wies sein Angebot sofort schriftlich zurück und wandte sich an die Gleichbehandlungsanwaltschaft, die in dieser Nachricht den Tatbestand der sexuellen Belästigung erfüllt sah…Göweil wehrte sich noch Freitagabend via Twitter und Facebook gegen die Darstellung. ‚Die Presse‘ erreichte ihn am Samstag persönlich. In seiner Stellungnahme erklärte er, dass es den vorgebrachten Schriftverkehr auf Facebook tatsächlich gegeben hat: ‚Dass das ein schwerer privater Fehler von mir war, ist mir klar. Ich will da auch nichts beschönigen. Aber was da jetzt daraus gemacht wird, ist für mich schwer zu verstehen‘. Dieser ‚kurze, blöde Chat ist im Jänner passiert, warum das jetzt aufpoppt, ist mir ein Rätsel.‘ Ihm sei wichtig zu betonen, dass er sich bei der Kollegin sofort und noch in diesem Chat für seine verbale Entgleisung entschuldigt und seither nichts mehr von ihr gehört habe. Und: Die Kollegin sei zu diesem Zeitpunkt nicht seine Mitarbeiterin gewesen. Seine Verfehlung sei eine private. ‚Ich habe eine Trottel-Facebook-Nachricht geschickt und mich danach entschuldigt.'“

 

Tweets von Christian Neuhold und Claus Pandi

 Sicher kann man fragen, warum die Journalistin nicht sofort etwas unternahm, doch übergriffiges Verhalten jeder Art ist zunächst einmal für Betroffene schockierend und sie müssen sich selbst versichern, dass der andere kein Recht dazu hat und nicht damit durchkommen darf. Die hier abgebildeten Old Boys Network-Reaktionen lassen vermuten, dass der Journalistin durch den Kopf ging, wie „einflussreich“ Chefredakteur Göweil in der Medienszene wohl sein mag. Er ist kein Harvey Weinstein, und doch passt sein Verhalten zu diesem Skandal, denn auch da schwiegen Frau zuerst, oft jahrelang, hatten Angst vor dem Einfluss des Produzenten und waren über dessen unangemessenes Agieren erschüttert. Ein „normaler Mensch“ kommt nicht auf die Idee, Jobangebote oder Rollen damit zu verbinden, sexuelle Gefügigkeit zu erwarten. Bevor es keine Debatte über die Zustände im Journalismus gab, wird man schwer beurteilen können, ob Göweils „Trottel-Facebook-Nachricht“ wirklich die Ausnahme ist. Womöglich wird jetzt eine Diskussion losgetreten, die Abgründe offenbart.

 Solidarität von Peter Rabl und Christoph Kotanko

Bezeichnend ist auch, dass Old Boys sofort Göweil loben und in der Debatte über Belästigung dieses Verhalten von seinen journalistischen Verdiensten trennen wollen. Aber wie verdienstvoll kann jemand sein, der Frauen nicht als Kolleginnen wahrnimmt, sonder zu Objekten degradiert? Für Frauen bleibt die Erkenntnis, dass sie sich noch so sehr anstrengen können, ihre Arbeit aber nie so bewertet wird wie die eines Mannes. Dabei geht es nicht nur um Übergriffe, sondern auch darum, dass dass ignoriert oder nicht wertgeschätzt wird, was die Old Boys loben würden, käme es von einem der Ihren. Wenn man sich in der Twitterblase der heimischen Medienwelt bewegt, fällt auf, dass meist Männer auf Männer reagieren, sie Reaktionen von Frauen gar nicht beachten. Daher posten auch nur wenige Frauen hartnäckig kontinuierlich, und mit ihnen treten nur wenige Männer in Dialog. Dies spiegelt wohl Machtverhältnisse wider, zu denen auch unangemessenes Verhalten a la Göweil gehört.

PS: Wie hier beschrieben werde ich seit Jahren wegen kritischer Berichte attackiert; nun suchen die Kater Baghira und Gandalf und ich ein neues Quartier, bevorzugt in Wien oder Wien-Umgbung. Wer etwas für mich hat oder weiss hilft mir damit sehr. Auf den Wunsch vieler treuer Leserinnen und Leser hin ist finanzielle Unterstützung jederzeit willkommen: Alexandra Bader, Erste Bank BLZ 20111, BIC GIBAATWWXXX, IBAN AT592011100032875894. Ihr erreicht mich unter 06508623555, alexandra(at)ceiberweiber.at und ich bin auf Facebook und Twitter (cw_alexandra)

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26 Gedanken zu “Journalistinnen, Old Boys und sexuelle Belästigung

  1. Es hat sich nicht viel verändert seit der Zeit, als Schriftstellerinnen so gut wie immer unter männlichem Pseudonym veröffentlicht haben bzw. mußten.
    Und österr. Männer, die „was zu sagen haben“, sind hinsichtlich neutraler Beurteilung weiblicher Arbeit in der Regel leider besonders altbacken. Old boys…

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      1. äh, sorry aber ich muss da eine korrektur anbringen: ich bin ein mit-glied weswegen/obwohl ich mich mit edwige offenbar sehr gut verstehe…

        auch weil wir uns gar nicht wirklich kennen und nur per internet funken…

        tatsache ist aber, dass die ganze evolution den menschlichen trieben, dem spiel mit reizen und letztlich dem erliegen solcher reize zu verdanken ist…

        es ist also vollkommen logisch und auch absolut erforderlich, dass er-folg-reiche männchen und weibchen mehr poppen und vielleicht auch mit mehreren poppen als die schwachmaten und die mauerblümchen…

        ausnahmen bestätigen natürlich die regel…

        das problem dürfte so alt sein wie die menschheit selbst:

        ein leben ohne/mit wenig arbeit erfordert die anbiederung an mächtige und/oder reiche…

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      2. @ hlg

        – „ich bin ein mit-glied weswegen/obwohl ich mich mit edwige offenbar sehr gut verstehe…“
        mein Sprachspielbereich bereichert. Das Mit-glied habe ich ergänzt durch Ohne-glied. Andererseits ist das wieder böse sexistisch , denn das macht alle Ohneglieder zu Mängelwesen, eine Position nach der sich Ohneglieder allerdings unbewusst zu sehnen scheinen. Wie sonst wäre ihre Sehnsucht nach unbegrenzter Zuwanderung von südländisch aussehenden Mit-gliedern zu erklären.

        Meine Position ist die des Binde-glieds zwischen vernünftigen Realisten, die die Macht des Irrationalen nicht unterschätzen.

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      3. Weils grad dazupaßt, eine Fettnäpfchen-Geschichte aus meiner Jugend: Ich hatte Sandalen an, die mit „goldenen“ Ketten versehen waren; eine davon war kaputtgegangen und ich fischte unterm Tisch, um sie notdürftig zu fixieren. Am Tisch saßen auch mehrere Jungs u. einer fragte mich, was ich denn suchen würde. Und ich in meiner Tolpatschigkeit sagte zum Gaudium der Anwesenden: „Ein Glied“.

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  2. Jössas, das sind Probleme, wenn ohnehin privilegierte Frauen von „Old Boys“ die die Zeichen der Zeit nicht erkannt haben, angemacht werden. Auch so kommt man als nicht ganz so erfolreiche Journalistin ins Gespräch und ausgelegte Venusfallen sind ohnehin seit jeher ungemein zuverlässig, um Unliebsame los zu werden.
    Gleichzeitig kann man tagtäglich lesen, dass überall „da draußen“ im Land Mädchen, Frauen, ja sogar Seniorinnen an die Wäsche gegangen, sie bedroht, begrapscht, einzeln und in Gruppen zwangsvernascht, verprügelt und bisweilen sogar in enthemmter Geilheit richtig totgemacht werden,
    Luxusprobleme einer in Filterblasen und Echokammern beheimateten Kaste. Interessiert niemand „da draußen“!

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      1. Das sehe ich auch so. Nicht Antwort-würdig.

        Es wird nicht nur nicht Bezug genommen, wie du schreibst, Alexandra. Wenn eine Pech hat, wird auch noch die eigene Idee von den Herren abgegriffen und als eigene verkauft. Ich habe es mehrfach erlebt daß ein (verbaler) Diskussionsbeitrag einer Kollegin (bin Wissenschaftlerin) nicht nur ohne Echo blieb, sondern daß später einer „Boys“ diese Idee als eigene ausgab und sich mit fremden Federn schmückte.

        Eine andere Sache ist noch, daß sich in diesen islam- und EU-kritischen Blogs fast nur Männer tummeln. Aktuell bist du die einzige Frau, die mir hier über den Weg gelaufen ist. Oder gibt es noch mehr?

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      2. liebe maru, wer hier postet, gibt nicht immer das geschlecht an; frauen sind aber hlg, edwige, imela und ibolya (hat länger nix gepostet) – du hast aber mit männerüberhang recht.

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      3. Dazu fällt mir gleich noch die unerfreuliche Geschichte vom ‚Genius‘ Albert Einstein ein:

        Zu schlau für Albert? Das Leben von Mileva Einstein

        https://www.heise.de/tp/features/Die-unsichtbare-Frau-hinter-Einstein-3436103.html
        Es gibt auch Leute, die unverhohlen behaupten, daß Einstein seinen Nobelpreis einzig seiner Frau Mileva verdanken würde und ihr davon Schweigegeld ausbezahlt und bereits in der Grundschule Probleme im Rechnen gehabt hätte. 🙂

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      4. @edwige: Danke für den Link. Bei Einstein sind ja die Bedingungen für eine Fortsetzung der Ehe heftig, die er ihr stellt:

        A. Du sorgst dafür
        1. dass meine Kleider und Wäsche ordentlich imstand gehalten werden.
        2. dass ich die drei Mahlzeiten im Zimmer ordnungsgemäß vorgesetzt bekomme.
        3. dass mein Schlaf- und Arbeitszimmer stets in guter Ordnung gehalten sind, insbesondere dass der Schreibtisch mir allein zur Verfügung steht.

        B. Du verzichtest auf alle persönlichen Beziehungen zu mir, so weit deren Aufrechterhaltung aus gesellschaftlichen Gründen nicht unbedingt geboten ist.
        Insbesondere verzichtest Du darauf
        1. dass ich zu Hause bei Dir sitze.
        2. dass ich zusammen mit Dir ausgehe oder verreise.

        C. Du verpflichtest Dich ausdrücklich, im Verkehr mit mir folgende Punkte zu beachten:
        1. Du hast weder Zärtlichkeiten von mir zu erwarten noch mir irgendwelche Vorwürfe zu machen.
        2. Du hast eine an mich gerichtete Rede sofort zu sistieren, wenn ich darum ersuche.
        3. Du hast mein Schlaf- bzw. Arbeitszimmer sofort ohne Widerrede zu verlassen, wenn ich darum ersuche.

        D. Du verpflichtest Dich, weder durch Worte noch durch Handlungen mich in den Augen meiner Kinder herabzusetzen.

        Aus Heureka: Herz und Hirn, Himmel und Hölle
        ____________________________________________

        Was die Entdeckung anbetrifft: So ähnlich erging´s auch Caroline Herschel, der Entdeckerin des Uranus, wo der Bruder Wilhelm die Lorbeeren einstrich und dafür sogar in den Adelsstand erhoben wurde.

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  3. Bevor wir vor Mitleid zu weinen anfangen, möchte ich etwas die Perspektive ändern.

    Wir sollten feststellen: Göweil hat mit den Mails eindeutig auf seine Machtposition verzichtet. Also ich bekäme ab dem Zeitpunkt gute und interessante Jobs von ihm, jeden für den ich mich für kompetent erachtete. Dazu müsste ich diese Mails gar nicht groß erwähnen. Ich würde ihm fest in die Augen schauen, lächeln und erklären, dass ich froh bin, dass er mich wegen meiner journalistischen Qualitäten auswählt und mir seine Besetzungscouch deshalb erspart.

    Frauen sind keinen Deut besser, wenn sie Macht missbrauchen können.

    Hier noch was zum weiblichen Machtmissbrauch.

    http://www.danisch.de/blog/2017/10/22/neues-von-der-eth-zuerich/

    Hier im Blog bin ich durch Alexandra auf Christine Bauer-Jelinek gestoßen,.eine prima Coachin besonders für Frauen. Diese Frau bringt die Dinge für Frau auf den Punkt. Wer durch ihre Schule geht, wird mit Sicherheit kaum noch in Verlegenheit kommen.

    Sonst sehe nur eine Lösung: Totale Geschlechtertrennung in jeder Hinsicht! Oder endlich Ernst machen mit Gender, da kann sich jeder für alles entscheiden. In dem Falle könnte Frau zu Göweil sagen: Jessas, bist’d schwul? Jo, wos sogd denn dei Frau dazua?

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    1. @Imela: Ja, ich kenne auch solche Fälle. Erstens ist es ungerecht, wenn bei den wenigen Professuren ein Ehepaar gleich 2 Stellen okkupiert. Ein solches Ehepaar beherrscht dann bei nur 6 Professuren das ganze Institut.

      Zweitens habe ich die Erfahrung gemacht, daß Frauen mit Macht schlichtweg nicht umgehen können. Männer zwar auch nicht, die werden dann sexuell übergriffig. Frauen aber sind häufig wie Neureiche, die zu Geld gekommen sind und versuchen oft, einen komplett zu vereinnahmen; es ist schwer sich dann abzugrenzen, weil sie genau das nicht zulassen.

      Außerdem sind sie oft Perfektionistinnen und hängen die Meßatte viel zu hoch. Da sind Männer wesentlich pragmatischer. Ich hatte zweimal Chefs/Professoren, die mir noch beibrachten wie man sich mit möglichst wenig Aufwand aus der Affäre zieht.

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  4. Die gewissen OLDboys kenne ich aus Erfahrung, ein solcher „Vorgesetzter“ hat mir auch mal zwischen die Rippen gegriffen. Als einfache Frau steht man danach aber viel blöder da als die berühmte Schauspielerin XY.
    Aber: Die Frau (Kollegin, Sozialdemokratin, Gewerkschafterin), der ich das geklagt habe, die hat nur gesagt: Stell dich nicht so an, das hat dir bestimmt gefallen. Sie hat nicht mich geschützt sondern den Mann, ihren Parteigenossen.

    Ein anderer Mann in der Firma hat dann die Situation für mich entschärft, er hat sich eingesetzt. Ich denke, man muss Männer, die Frauen achten und beschützen wollen, auch stärken, bitte nicht alle pauschal herabmachen.

    Denn wer schützt mich denn vor drohenden Angriffen von kulturell noch weiter hintan stehenden männlichen Ankömmlingen aus allen Soroswelten. Frauen? Ultralinke Frauen, die nix im Sinn haben als wortreiches Gendern, nix übrig haben für reale Situationen realer Frauen? Ich schäme mich, dass ich diesen dummen Weibern einstmal in Verblendung blind getraut habe.
    Auch meinetwegen haben die Grüninnen im Land verloren!

    Neue Männer braucht das Land!

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