Frauenverachtung im Wahlkampf

Unbeholfene Aussagen von SPÖ-Bundesgeschäftsführer Georg Niedermühlbichler, die ÖVP-Kandidatinnen aufs Optische reduzieren und ihnen die Eignung absprechen, haben Empörung ausgelöst. Zwar hat die Psychoanalytikerin Rotraud Perner immer wieder die ÖVP und Ex-Landeshauptmann Erwin Pröll in Niederösterreich unterstützt, doch sie war bis vor kurzem noch SPÖ-Mitglied. Nun aber tritt sie mit einem vielbeachteten offenen Brief aus der Partei aus: „Mir reichts auch. Ich will mich nicht mehr fremdschämen. Für wie dumm hält mich meine Partei SPÖ – der ich am 1. September 1967 (da habe ich meine erste Anstellung angetreten d. h. eigenes Geld verdient) beigetreten bin (vorher 1955 VSM, 1962 VSStÖ) – dass ich nicht merke, wie die Führungsriege versucht, Menschen – insbesondere Frauen – abzuwerten? Genau 50 Jahre habe ich der alten Dame in Liebe die kritische Treue gehalten, auch wenn sie mir oft recht senil vorgekommen ist … aber diese andauernden Tatsachenverdrehungen sind unerträglich geworden:

Ja glauben Herr Kern und sein ‚Mann fürs Grobe‘ Niedermühlbichler, wir merken nicht, dass sie es selbst sind, die ‚dirty campaigning‘ betreiben, nur weil sie es immer wieder und wieder ihrem ernsthaftesten politischen Mitbewerber vorwerfen? Obwohl doch jeder Zeitung lesenden Person auffallen muss, dass sich die ’neuen Schwarzen‘ nicht und nicht provozieren lassen? Und sich nicht in einen Langzeitwahlkampf hinein hetzen lassen wollen? Wer politisch interessiert ist, weiß ohnedies seit langem, wer wofür steht – oder hin und her wackelt! Und wer erst im Wahlkampf mit permanenter Ankündigungspolitik punkten will. Was soll es, neue bzw. junge Nationalratskandidatinnen auf irgendein politisch völlig irrelevantes Detail ihrer Biographie zu fixieren – etwa dass die 42jährige Wirtschaftspädagogin Mag.a Sabine Lindorfer einst – 1998 – Miss Austria war? Oder dass die 22jährige Landwirtin Margot Pölz zur Miss Burgenland gewählt wurde? Oder die 21jährige staatlich geprüfte Weinmanagerin Anna Reichardt burgenländische Weinkönigin wird?“

Rotraud Perner

Gerade deshalb sah sich nicht nur Perner die Kandidatinnen näher an: „Diese frauenverachtenden Abwertungsversuche haben bei mir nur dazu geführt, dass ich mich über die Frauen genau informiert habe und mich mit ihnen solidarisch erklären will. Offensichtlich sollen da Frauen, die aus welchen Gründen und von wem auch immer dazu angeregt, sich für eine Miss- oder Königinnenwahl bereit erklärt haben, statt Dankbarkeit dafür, dass sie für eine Branche, Region oder unser Österreich werben, einen anrüchigen Ruf verpasst bekommen!“ Abwertung erfahren auch andere Frauen, wenn ihre Leistungen und Fähigkeiten ausgeblendet werden: „So wie ich – promovierte  Juristin, zertifizierte Erwachsenenpädagogin und Psychoanalytikerin mit 5 weiteren Psychotherapieausbildungen – jahrelang zur ‚Sexualtherapeutin‘ herabgemindert wurde – einer Bezeichnung, die nur medial existiert, in Deutschland aber oft von Sexarbeiterinnen geführt wird (und tatsächlich sind diese das oft auch, ich habe selbst einige in Österreich als Lebens- und Sozialberaterinnen ausgebildet und kenne deren dramatische Biographien und auch ihren Ehrgeiz sich weiter zu entwickeln). Aber genau das macht ja vielen weniger leistungs- als verbrüderungsorientierten Männern Angst – dass viele Frauen extrem lernbereit sind und sehr oft schicksalsbedingt sein müssen.“

Auch Perners Großmutter mütterlicherseits war einmal Schönheitskönigin „und dann wurde sie Zitherlehrerin, damals eine Sensation, und hat einen Volksschullehrer geheiratet und wurde am ersten Tag des I. Weltkriegs (!) Witwe und hat ihre beiden Töchter, damals 6 und 2 Jahre alt, als Haushälterin bei Baron Ziffer-Teschenbruck allein durchgebracht: Sie hatte mit ihrer Mini-Kriegerwitwen-Rente hohe soziale Kompetenz – Betroffenenkompetenz nämlich.“ Was diese Art Kompetenz betrifft, gehört dazu „auch die Erfahrung, von ignoranten Männern diskriminiert zu werden – Männern, die keine Ahnung haben, was frau konkret arbeitet, leistet, aus welchen Familien sie kommen, welche Benachteiligungen sie bereits erlebt haben … die sich aber in Gegensatz zu genau diesen Männern nicht in Parteijobs hinaufgedient haben (oder solche in ‚Nebenorganisationen‘ zusätzlich zu ihren Mandaten organisieren) und sich ohne tatsächliche Wirtschaftskompetenz (sehr wohl aber ‚hard-selling‘-Verkäuferkompetenz) als ‚Manager‘ feiern lassen.“

Männersolidarität mit Götz Schrage

Perner ergänzt ihr Lieblingssprichwort „Ein Dieb sieht auch bei einem Heiligen nur die Taschen“ um „und bei einer Frau nur deren ‚Sex Appeal'“. Damit sind wir auch beim oben erwähnten Fall Schrage, als ein SPÖ-Bezirksrat auf Elisabeth Köstinger als neue ÖVP-Generalsekretärin mit feuchten Erinnerungen an seine junge wilde Zeit reagierte. Natürlich gibt es Sexismus auch in anderen Parteien, doch die SPÖ hat eine Bundesfrauenorganisation, die sich selbst als stark betrachtet (zum Verhalten der Genossen aber nichts sagt). Anspruch und Wirklichkeit gehen sehr weit auseinander,  wenn Frauen nicht eigenständig auftreten (dürfen?), Chancen auf Listenplätze immer noch ungleich verteilt sind und gegen die eigene Quotenregelung folgenlos verstoßen werden kann. Die Kernfrage ist aber,  wie Frauen dazu kommen, sich von Männern in einer Weise abschätzig beurteilen zu lassen, mit der diese Ihresgleichen nicht bewerten. Wenn Machos bei Frauen nach dem Äußeren gehen, weisen sie diese weg aus dem Feld der politischen und beruflichen Leistung und suggerieren, dass die entscheidende Frage ist, ob sie mit „der“ etwas anfangen könnten.

Dem besonders in der SPÖ Wien ausgeprägten Nepotismus (Frauen werden etwas als Frau von, Freundin von, Tochter von, Schwester von…) kann man Qualifikation entgegenhalten, die bei Perner etwa dazu führte, dass sie zeitweise an der Militärakademie in Wiener Neustadt unterrichtete und einiges zu Soldaten- und Männerbildern zu sagen hat. Es hat mich nicht überrascht, dass sie 2012/2013 anders als die SPÖ-Frauen das gepushte „Profiheer“ ablehnte und es mit NATO-Wünschen in Verbindung brachte. Genau genommen ist sie die einzige SPÖlerin gewesen, die sich kritisch äußerte, während andere nicht mal wussten, dass mit der Wehrpflicht auch die Miliz abgeschafft würde, sodass nur mehr ein Rumpfheer bliebe. Mit einem Interesse für Sicherheit und Verteidigung (und generell eigenständigen politischen Vorstellungen) bin ich sicher für die Paschas unter den Genossen schwer einzuordnen. Im Zweifelsfall lässt es sich aber immer noch mit manchen SPÖ-Männern besser reden als mit den meisten roten Frauen, die irgendwie im männlichen Blick auf sie gefangen scheinen. Übrigens haben einige Offiziere bisweilen nicht glauben wollen, dass meine Analysen wirklich auf meinem Mist wachsen…

PS: Bei Götz Schrage muss Rotraud Perner an seinen verstorbenem Vater Dieter denke (mit dem ich bei den Wiener Grünen war) und sie versteht nicht, warum er sein Mandat behalten durfte.

PPS:  Wie hier beschrieben werde ich von der SPÖ seit Jahren wegen kritischer Berichte fertiggemacht; nun suchen die Kater Baghira und Gandalf und ich (und hoffentlich auch Athos, der seit einigen Tagen verschwunden ist) ein neues Quartier, wo wir uns von alldem erholen können und wo ich dann wieder neue Kräfte schöpfe und aus den bisherigen Erfahrungen etwas Neues entsteht. Vor allem möchte ich die Ruhe haben, einmal um Verlorenes und Vergangenes trauern zu können, denn das war bisher nicht möglich.  Auf den Wunsch vieler treuer Leserinnen und Leser hin ist finanzielle Unterstützung  jederzeit willkommen: Alexandra Bader, Erste Bank BLZ 20111, BIC GIBAATWWXXX, IBAN AT592011100032875894. Ihr erreicht mich unter 06508623555, alexandra(at)ceiberweiber.at und ich bin auf Facebook und Twitter (cw_alexandra)

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2 Gedanken zu “Frauenverachtung im Wahlkampf

  1. Sehr guter Artikel . Alexandra. Ja für die SPÖ scheint es ungemütlich zu werden. Aber das ist gut so, denn deren Verstrickungen gehören endlich an das Tageslicht gebracht.

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