Wenn Politikerinnen streiten

Es hat Seltenheitswert in der Politik, dass Konflikte unter Frauen in einer Partei offen ausgetragen werden. Dies ist in den Grünen der Fall, wobei Medien diese Debatte einzufangen versuchen, indem sie den Frauen Männer als „Experten“ vorsetzen, die wie eh und je die „großen Linien“ vorgeben sollen. Man sieht aber auch, dass Frauen und Männer mit Regeln unterschiedlich umgehen, weil Frauen immer noch kaum bereit sind, sich mehr Spielraum zu verschaffen.

Flora Petrik wurde im Jänner dieses Jahres Sprecherin der Jungen Grünen und attackierte Parteichefin Eva Glawischnig zu sehr, sodass letztlich sie und sechs weitere Vorstände der Jungen Grünen sich zurückziehen. Zugleich achtet Ihre Mutter Regina Petrik, Landtagsabgeordnete im Burgenland, sehr darauf, Privates und Politisches zu trennen, während ihre Parteikollegen beide Bereiche unbekümmert vermischen. Weit über Parteien hinaus sehen sich viele Frauen als Teil einer neuen Frauenbewegung, die gegen den „Backlash“ auf die Straße geht. In der nüchternen Realität sind Frauen im Parlament und in der Regierung nach wie vor unterrepräsentiert und meist für „klassische“ Bereiche zuständig.

Bŕigitte Woman 5/2017

Der ORF ließ am 9. April bei „Im Zentrum“ Glawischnig, Petrik und zwei als „Experten“ eingeladene Männer diskutieren, was Reaktionen zwischen „Mansplaining“ und „Hinrichtung“ (von Flora Petrik) auslöste. Tags darauf warf Flora Petrik das Handtuch, jedenfalls was die Jungen Grünen innerhalb der Grünen betrifft, da Glawischnig und ihre beiden Sekundanten klarmachten, dass es die Jugendorganisation nur ohne den bisherigen Vorstand geben kann. Es sollte aber nicht nur den Grünen zu denken geben, wenn Floar Petrik ihr letztes ausführliches Facebook-Posting mit diesen Worten beginnt: „Gestern Früh bin ich zum ersten Mal seit drei Wochen ohne Herzrasen aufgewacht. Die letzten Wochen waren intensiv für mich, wahrscheinlich die intensivste Zeit meines Lebens. Und sie haben mich einiges über Politik lernen lassen.“

Zwar hat sie viel Zuspruch, der ihr auch sicher den Rücken stärkt, doch die Frage ist, was es bedeutet, wenn eine gerade mal 22jährige sich so sehr unter Druck setzt, dass sie mit Herzrasen aufwacht. Zudem ist die Rolle ihrer Mutter nicht klar, die am Rande einer Pressekonferenz meinte, sie habe in den letzten Wochen bewusst keinen „face to face-Kontakt“ zu ihrer Tochter gehabt. Nicht von ungefähr weisen nicht nur burgenländische Medien auf die „tragende Rolle“ von Burgenländern beim grünen Konflikt hin. Am 11. April widmete sich ein Beitrag im ORF-Report der Situation, der wiederum traditionelle Geschlechterrollen als Maßstab heranzog, denn Männer erklärten, was Sache ist und in welche Richtung die Reise gehen soll (Andreas Wabl, Volker Plass, Harald Walser und Michel Reimon). Flora Petrik kam kurz zu Wort und wiederholte ihr Credo von der notwendigen Einbindung der Basis, während Glawischnig bedauerte, dass es keine andere Lösung gab, aber auch beteuerte, dass sie für die Einbeziehung der Leute und für Wahlkampf „mit Augenzwinkern“ sei.

Man stellte nicht nur einen Gegensatz Frauen – Männer her, sondern auch zwischen Glawischnig und Reimon, der gegen einen „Wohlfühlwahlkampf“ ist und die Grünen als „Lehrerpartei“ bezeichnet, die die Menschen zu informieren hat. Während Reimon keine Scheu vor stark persönlichen Motiven in der Auseinandersetzung mit den Jungen Grünen hat und ganz offensichtlich Glawischnig die Rute ins Fenster stellt, schreckt Regina Petrik offenbar davor zurück, ihre Tochter wenigstens nach der „Hinrichtung“ in Schutz zu nehmen. Frauen halten sich also brav an unausgesprochene Regeln (selbst angesichts mehrfacher „Regelverletzung“ im ORF), während Männer diese nach Belieben auslegen. Dies ist mit ein Grund dafür, warum Frauen unterrepräsentiert sind, und zwar noch weit mehr als bloß zahlenmäßig, wenn es darum geht, wer Debatten wie beeinflusst und führt. Es entsteht fast der Eindruck, Flora Petrik habe unbeabsichtigt die Kastanien für Reimon aus dem Feuer geholt, indem sie Glawischnig beschädigt, die er ersetzen will.

GRAS gegen Junge Grüne und Grüne Studierende

Sowohl Reimon als auch Glawischnigs Helfer Anton Pelinka und Rudolf Fußi stellten die Möglichkeit der Unterwanderung einer (allzu eigenständigen?) Jugendorganisation in den Raum. Dies paßt zum Statement der Grün-Alternativen Student_innen, das an eine Kampagne „Kein Hufbreit dem Faschismus“ angelehnt ist. Man beachte, dass das Einhorn mit dem Symbol der Antifaschistischen Aktion versehen ist, die in Deutschland, bei uns, in Kanada, in den USA bei Demos auftaucht und gegen den Nationalstaat ist, also in fremdem Interesse eine no border-Agenda vertritt. Den Jungen Grünen ist die GRAS zu sektiererisch, sodass sie Kandidaturen der neuen Grünen Studierenden bei den ÖH-Wahlen in Graz und Linz unterstützt, was für die Bundesgrünen ein No-Go ist.

Manche Beobachterinnen und Beobachter meinen, Flora Petrik habe sich für etwas instrumentalisieren lassen, dass sie selbst nicht durchblickt. So oder so ist vor allem Eva Glawischnig beschädigt und die Grünen sind in Umfragen erstmals seit Langem unter 10 %. Getragen durch eifrige Medienberichterstattung und wohlwollende Kommentare mag Flora Petrik routiniert und professionell gewirkt haben, doch von Machtspielen verstehen Männer meist mehr als Frauen. Die Grünen gelten als „feministische Partei“, wie auch Anton Pelinka (by the way von der umstrittenen Soros-Universität in Budapest) im ORF betonte. Da mag es paradox erscheinen, Frauen auch hier weniger Erfahrung im Machtkampf zuzubilligen, doch selbst bei den Grünen sind z.B. die Themen nach Rollenklischees aufgeteilt. Das heißt nicht, dass Frauen etwa zu Syrien schweigen, doch dass ihre Aussagen selten fundiert sind und eher die kritiklose Übernahme von Propaganda bestätigen.

Wie die amerikanische Feministin Camille Paglia im Vortrag unten ca. bei Minute 15 sagt, sind nicht so sehr wegen US-Präsident Donald Trump Massen von Frauen zum Women’s March am 21. Jänner in vielen Städten geströmt, sondern weil sie weiblichen Zusammenhalt früherer Generationen fühlen wollten. Als Kind italienischer Einwanderer kennt sie diese Solidarität noch, die darauf beruhte, dass mehrere Generationen Frauen die private Sphäre beherrschten. In bäuerlichen Kulturen bedeutete dies, dass Frauen und Männer unterschiedliche Aufgaben übernahmen, aber gleichberechtigt und körperlich stark waren. Freilich gibt diese Art Zusammengehörigkeit zwar Sicherheit, ist jedoch zugleich geistig einengend. So ist auch neue Frauensolidarität beschaffen, da jede sofort ausgeschlossen wird, die nur ein bißchen dissident ist. Wenn es aber darum geht, Veränderungen zu bewirken, muss es Frauen geben, die von bisher Gewohntem abweichen und denen dann andere zu folgen bereit sind.

Die „Brigitte“ feiert mit der Aktion #pinkfirst nicht die Pionierin, sondern die Frau in der Masse derjenigen, die gegen „Trump und andere Populisten“ auf die Straße gehen. Frauen wie Paglia, die Hillary Clinton nicht als unbeschriebenes Blatt und Kämpferin gegen die gläserne Decke betrachten, sondern ihre Bilanz als Außenministerin beurteilen, sind damit nicht gemeint. Es sind diese Frauen, die wie viele Männer Trump daran messen, ob er wirklich auf eine false flag in Syrien hereinfällt und wie seine Vorgänger überall interventiert. Bezeichnender Weise befasste sich ein weiterer Beitrag im Report mit 20 Jahren Frauenvolksbegehren, das zwar von rund 10 % der Bevölkerung unterstützt wurde, doch bis heute kaum umgesetzt ist. Inzwischen ist davon die Rede, dass junge Frauen eine Neuauflage starten, was auch die neue Frauenministerin Pamela Rendi-Wagner gut findet, die im Studio zu Gast ist und dauernd von „modernen jungen Frauen“ bzw. „hochmotivierten modernen jungen Frauen“ schwärmt.

Gerne wird auf junge Frauen verwiesen, als ob Ältere keine nennenswerten politischen Erfahrungen gemacht haben. Allerdings werden nur wenige der Älteren Bilder von Amazonen und Waffen vor sich haben, die Camille Paglia so sehr mag, weil sie für „street smart feminism“ oder „Amazonism“ stehen. Schließlich geht es darum, wie Männer Risiken einzugehen, wenngleich Sexismus natürlich zurückgewiesen werden muss. Ungefähr bei Minute 41 erklärt Paglia, dass Sexismus Ausdruck von Schwäche ist, sich Männer damit also selbst outen, denn sie haben Angst vor der ungeheuren Stärke nicht eingeschränkter Frauen. Jeder echte Mann respektiert Frauen und behandelt sie dementsprechend, während Schwächlinge Frauen diffamieren und damit ihre Schwäche zeigen. Bis zu dieser Ebene kommen aber viele Frauen gar nicht, die sich für besonders engagiert halten, aber bei einem bösen Tweet schon Riechsalz brauchen. Wenn Sexismus zu Recht angeprangert wird, kann man anhand von Reaktionen, die „Humorlosigkeit“ und „Zimperlich Sein“ unterstellen erkennen, wie viele sich dadurch angegriffen fühlen.

Gelebte Gleichberechtigung ist zudem nicht, dass nach hunderten Männern in bestimmten Positionen endlich auch ein paar Frauen kommen, die dann in jeder Hinsicht an Männern gemessen werden. Sie bedeutet, dass es nicht zählt, welches Geschlecht die Person hat, die eine Aufgabe übernimmt oder die etwas vollkommen neu betrachtet und Handlungen setzt. Davor scheuen auch viele Frauen zurück, die sich lieber einreden lassen, dass eine Abschaffung der beiden Geschlechter der Ausweg ist. Mit Gerede über Genderfluidität und Bildern seltsam gekleideter Männermodels oder „transgender bathrooms“ ändert sich nichts an Mühen, Härten, Rückschlägen und Hindernissen für Frauen, die ihren eigenen Weg gehen wollen. Es ist sicher kein Zufall, dass die GRAS u.a. mit dem Slogan „Mehr als (m)ein Geschlecht“ wirbt.

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2 Gedanken zu “Wenn Politikerinnen streiten

  1. ich habe wien heute geschaut. auch da war die wiener grünwählerschaft thema.

    nämlich bei der unter 1000 befragten wienern, wie ihnen die geplanten schuhschachteln am heumarkt zusagen…

    die meisten befürworter sind unter der grünen wählerschaft zu finden.

    mehrheitlich für weltoffen zubetonieren quasi.

    ob da jetzt eine frau oder ein mann die hauptmarionette gibt, ist das überhaupt der rede wert?

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