Die ganz gewöhnlichen Hofers

Vor der Bundespräsidenten-Stichwahl am 4. Dezember hat „Österreich“ Familie Hofer für ein TV-Interview besucht, das wie zu erwarten von manchen sofort verrissen wird. Doch die mäßig interessante Homestory zeigt ein Ehepaar wie viele andere auch inmitten eines normal eingerichteten Hauses. Und die Häme einiger sagt mehr aus über sie selbst als über Verena und Norbert Hofer, die mit relativ traditioneller Rollenaufteilung nicht von zahlreichen anderen Paaren abweichen.

Blättert man die Tageszeitung „Österreich“ durch, könnte man ganze Romane schreiben, um darin enthaltene Desinformationen z.B. über Russland, Syrien oder die USA richtig zu stellen. Das macht aber deutlich, dass Fairness und Objektivität auch dann nicht gegeben sind, wenn österreichische Politik im Mittelpunkt steht. Man kann die Hofers daher als naiv einschätzen, wenn sie ausgerechnet „Österreich“, das in Kooperation mit CNN jetzt auch Fernsehen macht, als erstes Medium in ihr Wohnzimmer lassen.

Andererseits befindet man sich im Wahlkampf, und da erreichen gerade Botschaften per Video jene Menschen, die weniger zum Lesen kommen bzw. keine Veranstaltungen besuchen. Eingangs wird Norbert Hofer auf „Österreich“-typische Weise beschrieben als Politiker, der „nicht ganz freiwillig“ mit seiner Kandidatur „mitten ins Rampenlicht der Gesellschaft gestellt“ wurde, ergo auch als Privatperson interessant wurde. Er habe sich „charmant und vielleicht ein bißchen provokant“ und „mit einem eisernen Lächeln durch den Wahlkampf manövriert“, ist aber vielleicht doch „ein gefährlicher Wolf im Schafspelz“.

oeundhofer

„Österreich TV“ auf Facebook

„Vice Alps“ ist Mainstream für Jüngere und beteiligt sich auch an Aktionen gegen „Hass im Netz“; man kommentierte den Start von „Österreich TV“ kritisch und hat sich „Norbert Hofer ganz privat“ angesehen. Zu Recht wird die Hofer-Homestory als wenig aufregend beschrieben, wobei Enttäuschung darüber durchklingt, dass man beim 3. Nationalratspräsidenten keine Bauernecke mit Herrgottswinkel oder was auch immer gefunden hat: „Norbert Hofer hat ein Wohnzimmer, das aussieht, als hätte er es vor geschätzt 15 Jahren bei einem Billigmöbelhaus gekauft—mit der Intention, damit total fetzig und modern zu sein. Was er damit eigentlich geschafft hat, ist, die mittelmäßigste Couch der Welt zu besitzen und einen Wohnbereich sein Eigen zu nennen, der ziemlich sicher nicht weniger wohnlich sein könnte.“

Tatsächlich führt Verena Hofer Moderatorin Kathrin Lampe durch ein penibel aufgeräumtes Haus, dessen Einrichtung von Ikea stammen könnte (und dies zumindest zum Teil auch tun wird). Aber was erwartet man sich, wenn man eine „Home-Story“ geboten bekommt – herumliegende Bücher und Zeitschriften, Reste vom Frühstück und Möbel von jenen DesignerInnen, die gerade Thema in „Schöner Wohnen“ waren? In diesem Punkt hat „VIce“ jedoch Recht:“ Das Interview strotzt nicht nur so vor angeregten Gesprächen (‚Haben Sie Ihren Mann gut erzogen?‘ – ‚Ja … Zahnpasta zurückstellen‘) und intimen Einblicken in Norbert Hofers Leben, die uns mit unverzichtbaren Fakten zurücklassen. Wie dem Wissen, dass sich Norbert Hofer erst kürzlich eine Puch Maxi gegönnt hat oder die gemeinsame Tochter Anni in den Flitterwochen gezeugt wurde. Und dass Norbert Hofer lieber badet als duscht. Und dass er zur großen Freude seiner Frau den Schaum aus der Badewanne spült. Und dass er manchmal unordentlich ist und schon mal ein Ladegerät irgendwo liegen lässt.“

Jetzt wissen wir auch, dass der „Herr des Hauses“ Klopapierrollen nachlegt – aber ob wir das wirklich wissen wollten? Er trägt den Müll nicht hinaus, sondern trägt zum Haushalt das bei, was (traditionelle) Männer tun – Gartenarbeiten, Autowaschen, Basteln und dergleichen. Dass für die 13jährige Tochter „alles schlecht ist, was die Mutter sagt“ und der Vater „super“ ist, werden sicher einige Mütter von Teenagern nachvollziehen können. Verena Hofer ist „Gelegenheitshausfrau“ und keine leidenschaftliche Köchin, sondern bereitet nach den Wünschen von Mann und Tochter meist Spaghetti zu. Sie spricht davon, dass ihr Mann oft „Mithilfe“ anbietet, sie aber lieber alles selbst erledigt. Wenn sie 25 Stunden als Altenpflegerin arbeitet und sich um den Haushalt kümmert, scheint die Aufteilung auch nicht besonders unfair, da Norbert Hofer ja mehr als Vollzeit beschäftigt und meistens unterwegs ist.

oehofer„Vice Alps“ zur Hofer-Homestory auf Facebook

Verena Hofer mischt sich nicht politisch ein, hat aber ihren Mann in den letzten Monaten auch zu Wahlkampf-Auftritten begleitet. Sie hat klarerweise keine Interview-Routine und wirkt daher wie von „Vice“ beschrieben sehr zurückhaltend: „Egal, worüber sie spricht, sie zeigt keinerlei Emotionen und auch als es um eigentlich emotionale Themen wie den Unfall von Norbert Hofer geht, verzieht sie keine Miene. Dafür gibt es bestimmt viele gute Gründe. Der Besuch von oe24 TV wäre ein solcher. Auf jeden Fall gibt sie sich keine besondere Mühe, überbordend freundlich und ausführlich auf Fragen von Katrin Lampe zu antworten und speist die moderat-bemühte Moderatorin permanent mit einsilbigen Antworten ab. Verena Hofer ist zwar nicht die Anarchistin, die oe24 TV braucht, aber die, die es verdient.“ Die Botschaft für junge LeserInnen, die „Vice“ konsequent durchhält, ist die Story von den Hofers samt Hund Jessy als „Roboter“, weil sich echte Menschen nie so verhalten würden.

Tatsächlich? Wie wäre es, wenn „Vice“-RedakteurInnen und deren Umfeld so behandelt werden wie Verena und Norbert Hofer und dann Medien selbst ins eigene Wohnzimmer einladen sollen? Denn während die beiden Anpöbelungen und Drohungen nur puncto Social Media ansprechen, weiss man im Burgenland, dass manche ZeitgenossInnen Verena Hofer und Tochter Anni auch persönlich zusetzen – schlecht deshalb, weil sie zu Norbert Hofer gehören. Wir dürfen aber gespannt sei auf „Alexander Van der Bellen privat wie nie“ (samt Ehefrau Doris Schmidauer) und darauf, wie „Vice“ dies kommentieren wird. Nicht der Rede wert scheint übrigens das protzige Schild neben der Haustür, das verkündet, dass hier „Ing. Norbert Hofer – Abgeordneter zum Nationalrat“ wohnt samt Frau und Tochter.

Außerdem hat man den Eindruck, dass die Hofers nicht allzu gerne schon wieder danach gefragt werden, wie es ihnen ging, als  Norbert Hofer 2003 nach einem Unfall beim Paragleiten befürchten musste, für immer querschnittgelähmt zu sein. Anni war damals noch ein Baby, sodass Frau Hofer jeden zweiten Tag zu ihrem Mann in die Klinik fuhr und zuerst Angst hatte, er werde nicht überleben. Es scheint, dass Verena Hofer mehr mit dem Schicksal haderte als ihr Mann, der in der Reha mit Menschen zusammenkam, die mit dem Motorrad stürzten oder schlicht beim Blumengießen umfielen. Aber muss man darüber urteilen, wie andere mit dem umgehen, was ihnen auferlegt wird? Als Norbert Hofer bei einer Pressekonferenz bekanntgab, dass er zur Wahl antritt, hätte man eine Stecknadel fallen hören können, als er über seinen Unfall und die Zeit danach sprach. Wenn es darum geht, was er heute alles tun kann (weit mit dem Mountainbike fahren z.B.), wirkt Norbert Hofer fast ein wenig ungläubig und erstaunt, wie auch, wenn er reflektiert, was aus zu Beginn 8 % in den Umfragen wurde.

„Wenn man in der politischen Tätigkeit so angefeindet wird, ist es wichtig, dass man zuhause jemanden hat, der einen auffängt“, sagt Hofer bezogen auf sich selbst, aber auch auf seinen Parteichef Heinz Christian Strache, der eben wieder geheiratet hat („das sind zwei Menschen, die sich unglaublich lieben“). Übrigens hat Philippa Strache zuvor auch für „Österreich“ Clips moderiert und wurde von Kathrin Lampe nach ihrer Hochzeit interviewt. Daheim will Hofer nicht auch noch über Politik reden und ist mit dieser Aufteilung auch glücklich; seine zweite Ehefrau lernte er kennen, als er FPÖ-Gemeinderat in Eisenstadt und bereits geschieden war. Es hätte ihn nicht gestört, wenn sie bei der ÖVP gewesen wäre, aber Kommunistin hätte er keine geheiratet.

Zuhause ist Verena Hofer ihrem Mann argumentativ durchaus gewachsen, der meint, er sei „bei Ehekonflikten rhetorisch unterlegen“. Sie selbst betont, dass jedwede Aufteilung in ihrer Beziehung auch das ist, was sie will, denn „sonst hätte ich es geändert“. Wird Norbert Hofer am 4. Dezember tatsächlich Bundespräsident, bedeutet dies Umzug nach Wien, was der Tochter nicht so gefallen wird, doch sie findet ohnehin immer leicht Freunde. Beide Hofers stellen sich Termine der anderen Art für Präsident und „First Lady“ vor zum Beispiel eben in Altenheimen, was nicht so ganz ins Raster „rechtes Paar mit Frau daheim am Herd“ passt, in das manche sie einordnen. Denn Interesse an Politik ist in den sogenannten politiknahen Berufen Voraussetzung, was für Frau Hofer etwa bedeuten würde, Journalistin oder wissenschaftliche Mitarbeiterin, nicht aber Altenpflegerin zu sein.

Ihr daraus einen Strick zu drehen grenzt an Arroganz, denn was wäre unsere Gesellschaft ohne jene Bereiche, die aus Dienst am Menschen bestehen? So besonders „politisch“ sind oft gerade diejenigen nicht, die sich allem überlegen fühlen, aber in Wahrheit schon lange nicht mehr eigenständig dachten. Was dabei herauskommen kann, sieht man anhand einer Störaktion linker SchülerInnen bei einer AfD-Veranstaltung mit der promovierten Chemikerin Frauke Petry. Außerdem unterwerfen sich scheinbar kritische Frauen (und Männer), die nicht nur die Hofers anfeinden, blindlings dem Islam und hier jedem noch so „intolerablen“ Männerverhalten, das man sich nur vorstellen kann. Das „traditionelle“ Arrangement der Hofers mag nicht mein, nicht dein Fall sein, entspricht aber ganz offensichtlich den Bedürfnissen vieler und wird auch immer wieder „wissenschaftlich“ bestätigt. Schliéßlich war ja auch nie die Rede davon, dass Verena Hofer selbst in die Politik geht, etwa Pionierin für Frauenquoten in der FPÖ werden könnte.

Ein Gedanke zu “Die ganz gewöhnlichen Hofers

  1. Was dabei herauskommen kann, sieht man anhand einer Störaktion linker SchülerInnen bei einer AfD-Veranstaltung mit der promovierten Chemikerin Frauke Petry.

    Tolles Video. Toll deshalb, weil man quasi live miterleben kann, wie die Volksverhetzungen von Seiten der GEZ-gesicherten öffentlich-rechtlichen Medien allmählich beginnen, sich in den Köpfen der Kinder / Jugendlichen zu manifestieren / offenbaren. Derartige Gehirn gewaschene Ansichten [ab min 27:00], wären noch vor, sagen wir, 20 oder 25 Jahren bei Jugendlichen / Heranwachsenden undenkbar gewesen. Eigentlich verdienen derart Entgleiste, wie man sie im Video erleben kann, in Wahrheit, unser aller Mitleid; denn Schuld an deren Fehlentwicklungen / verdrehtem Weltbild sind eindeutig Jene, welche sich selbst zu gerne als sogenannte „Qualitätsmedien“ feiern lassen.

    mfg, Otto Just

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