Sexismus und Krieg im US-Wahlkampf

Hillary Clinton wird von geleakten Mails kalt erwischt, die nahelegen, dass sie an der Aufrüstung des Islamischen Staates mitwirkte. Donald Trump bringt ein Video in Bedrängnis, das seinen Sexismus zeigt, wie er etwa von „pussys“ spricht. Beim zweiten TV-Duell im Wahlkampf trafen beide unter dem Eindruck dieser Enthüllungen aufeinander.

Wie immer, wenn es um Trump geht (oder um Putin, oder um Orban) ist Medienberichterstattung im „Westen“ austauschbar. So prangt auf der Titelseite der „Kronen Zeitung“ am 10. Oktober die Schlagzeile „Auch Arnold Schwarzenegger wird ihn nicht wählen: Die Partei kehrt Trump den Rücken“. In der Fernsehdebatte meint Trump bei Minute 14, dass er Worte vor 11 Jahren bedauere, dass aber kein Politiker in der Geschichte der USA „so abusive“ gegenüber Frauen war wie Bill Clinton, der im Publikum sitzt. Er hat wegen seiner Übergriffe die Anwaltslizenz verloren, darf nicht mehr praktizieren und musste einer der Frauen Schmerzensgeld bezahlen.

Hillary Clinton geht an dieser Stelle und an anderen nicht auf Trumps Behauptungen ein, sondern versucht abzulenken. Man kann Videos von Bill Clintons Auftritten im Wahlkampf sehen, die mit „you’re a rapist“-Rufen gestört werden. Dabei wirkt Hillary nicht mehr so routiniert, wenn Trump mit Hinweisen auf ihren Ehemann kontert (und auch Hillarys Vorgehen gegen diese Frauen erwähnt), sondern scheint auf beide wütend zu sein, auf Trump und auf Bill, der sie ja überhaupt erst in diese Lage brachte.

Sie wirft Trump vor, Frauen nicht zu respektieren, während ihre Beziehung zu Bill nach wie vor gerade auch von Feministinnen als „auf Augenhöhe“ gefeiert wird (kann frau in „Ms.“ oder in der „Emma“ nachlesen). Auf Global Research ist in einem Artikel von den „two Hillarys“ die Rede nach einem Zitat des ehemaligen New Yorker Bürgermeisters Rudy Giuliani (So we have two Hillary Clintons, which says we have a person who is a liar.”). Es geht um neueste Enthüllungen von Wikileaks, der Plattform, die zur Enttäuschung vieler bei der Feier ihres zehnjährigen Bestehens vor ein paar Tagen nichts veröffentlicht hat. Global Research stellt die Hillary dar, die sich an ihre Mittelklasse-Jugend erinnert und suggeriert, nach wie vor dort hin zugehören, und jene, die bei Goldman Sachs auftritt.

billcTwitter-Kommentar: Wahlkampfhelfer tröstet aufgewühlte Feministin

Wie in Europa werden in den USA weiße Männer aus der Arbeiterschicht als rassistisch und fremdenfeindlich dargestellt, was sie manchmal sicher sind, hier jedoch der Stigmatisierung dient. Einer der Moderatoren der oben in voller Länge verlinkten TV-Debatte ist Anderson Cooper von CNN, der  bekanntermaßen für die CIA gearbeitet hat. CNN soll so sehr von „Clintonisten“ dominiert sein, dass man inzwischen auch Clinton News Network sagt. Martha Raddatz von ABC wiederum war Korrespondentin im Weißen Haus, als George W. Bush Präsident war, sodass auch die andere Seite gut vertreten ist.

Michel Chossudovsky fragt: „What motivated this carefully timed release, prior to the second presidential candidates’ debate? Donald Trump’s lewd and sexist behavior or his foreign policy stance regarding US-Russia relations? Or both?“ Der kanadische Ökonom wundert sich auch nicht, dass das alte Trump-Video von der „Washington Post“ veröffentlicht wurde, die sich ja als Speerspitze im medialen Kampf gegen Trump erweist. Und er schreibt: „It is worth noting that the release of the video was followed by statements by a number of Republican personalities including former Utah Governor  Jon Huntsman Jr., who happens to be chairman of the Washington-based foreign policy think-tank The Atlantic Council.

The Atlantic Council chaired by Jon Huntsman – integrated by a stable of key Neocon advisers including Lt. Gen. Brent Scowcroft, (Chairman Emeritus),  Madeleine Albright, Zbigniew Brzezinski, Larry Summers, Marillyn A. Hewson (Chairman, President and CEO, Lockheed Martin), et al –  plays a key role in the formulation of both US foreign policy and the Pentagon’s military agenda.“ Mit anderen Worten versammeln sich hier jene Personen und Kräfte, die den Kriegskurs gegenüber Russland fortsetzen wollen, den Trump wohl beenden würde.

Clinton zitierte Michelle Obama, die aber auf Wahlkampfvideos 2008 über Hillary hergezogen hat, wie Trump erinnert. Außerdem kann man nachvollziehen, wie die Clinton-Kampagne gegen Bernie Sanders vorging, der nie eine reale Chance hatte. Daher sollte sie sich schämen, doch Clinton lacht, während er spricht und behauptet, dass alles Lüge sei. Sie empfiehlt, das Fact-Checking zu Trump auf ihrer Webseite durchzulesen. Hatte man aber bei der ersten TV-Konfrontation noch den klaren Eindruck, dass sich Clinton weit besser geschlagen hat, war es diesmal anders. Erstaunlich mag sein, dass die Skandalisierung nichts an Trumps Auftreten geändert hat, er besser vorbereitet war als in der ersten TV-Runde.

occuepydemocratslogics

Posting von „Occupy Democrats‘ Logics“ auf Facebook

Man beachte, dass Trump sagte „Russia is killing ISIS“, während für Clinton klar ist, dass „ambitions and aggressiveness of Russia“ die Situation in Syrien verschlimmern. Höchst kritisch sieht Jeremy Scahill  das Kandidatenangebot und den Verlauf des Wahlkampfes: „The cartoonish villainy of Donald Trump is a major factor in distracting attention from the hawkish, neoliberal policies of Hillary Clinton. Hillary’s best selling point for a lot of people — Democrats and, increasingly Republicans—is: I’m not batshit crazy like Trump. There is rarely a focus on Clinton’s embrace of regime change, her role in creating the conditions, as Secretary of State, for the horror show currently unfolding in Yemen, or her paramilitarization of the State Department.

Clinton has never been asked about her role in the secret drone ‚kill chain‘ the Obama administration has now codified as a parallel justice system where there are no trials, indictments or convictions, but a whole lot of death sentences. Just as Clinton avoided real questions about Libya thanks to the clownfuck Republicans’ carnival over Benghazi, she emerges as the only choice for many sane people. That she is buddy-buddy with Wall Street, speaks one way to them and another in public, becomes a footnote. She is the empire candidate and that is why the John Negropontes and Max Boots and George H.W. Bushes of the world have embraced her.“ Und leider bedeutet die Trump-Kampagne eben auch „empowerment“ für „racists and fascists“, meint Scahill, der sich u.a. mit dem Drohnenkrieg befasst hat.

Bei „Telepolis“ gilt Clinton wieder als Siegerin der Debatte, wenngleich sie an Richard Nixon erinnert: „Clinton wirkte trotz ihres erneut sehr gesichtszugbetonierenden Augen-Make-Ups über weite Strecken der Debatte eher wie eine Gewinnerin, erinnerte in ihrem sichtbar eingeübten Image aber auch an Richard Nixon in Emile de Antonios Dokumentarfilmklassiker Millhouse. Nachdem der 1971 erschien, gewann Nixon zwar die Präsidentschaftswahl, hinterließ darin aber einen so schlechten Eindruck, dass er den Posten an seinen Vize Gerald Ford abgeben musste und den Weg für den Wahlgewinn Jimmy Carters ebnete.“ Dass beinahe jedes zweite Wort Russland ist (puncto Syrien und puncto gehackte Mails), fällt manchen gar nicht auf.

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Cartoon auf Facebook zur Rolle der „Waśhington Post“

Bei Minute 46 in der TV-Aufzeichnung beschwert sich Clinton darüber, dass noch nie eine fremde Macht versucht hat, wie Russland ein Wahlergebnis zu beeinflussen, „und das nicht, damit ich gewählt werde“. Offenbar weiss sie nicht, wie ihr Sponsor Ǵeorge Soros z.B. bei der EU-Wahl 2014 mitmischte und sich an Regime Changes beteiligte oder wie nicht nur er und seine Stiftungen, sondern auch andere Organisationen und die CIA in Wahlen eingreifen und bestimmen, wer politische Spitzenpostionen einnimmt („Systemfehler“, die integer sind, müssen mit Druck und Drohungen rechnen). Der Blog „Tichys Einblick“ ist von der Ausrichtung her konservativ, sodass man Trump mit Wohlwollen begegnet; allerdings ist diese Darstellung  nicht von der Hand zu weisen:

„Das, was Trump qualifiziert, ist die enorme Kraft und Ruhe, mit der er allein dem wütenden Hass der etablierten Medienfuzzies und dem Geschrei des Establishments widersteht. So einen Präsidenten, der nach einem ganzen Wochenende hochgradig verlogener Sexentrüstung über ein 11 Jahre altes peinlichen Video, normal (und nicht angeschlagen) auftaucht, wollen viele Wähler im Weißen Haus sehen.“ Hingegen folgt „Cicero“ dem Mainstream der Trump_Dämonisierung und findet diesen Schachzug empörend: „Im Publikum saßen auf Einladung von Trump vier Frauen, die mit den Clintons über Kreuz liegen. Eine von ihnen, Kathy Shelton, war als Zwölfjährige vergewaltigt worden; Clinton war dem Täter als Pflichtverteidigerin zur Seite gestanden. Die anderen drei Frauen, Kathleen Willey, Paula Jones und Juanita Broaddrick, hatten Bill Clinton beschuldigt, sie sexuell belästigt zu haben. Sie verklagten Clinton, verloren die Prozesse aber.“

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„Meltdown“: „Time“-Cover zu Trump

 Bei Minute 49 und 55 erwähnt Trump übrigens Clinton-Financiers wie George Soros und Warren Buffet, was den linken Gestus der Demokraten entlarvt, die unter dem Einfluss der Superreichen stehen. Doch in Wahrheit geht es um Kriegsrhetorik: „Sie wollen ungestört Kriege beginnen? Kein Problem: Wählen Sie einfach eine freundliche, linksliberale Begleitrhetorik dazu. Die ist – wie der US-Wahlkampf zeigt – stets wichtiger als das tatsächliche Handeln.“ Und abseits des transatlantischen Mainstream kann man den Bewerber auch so sehen:

„Mit Donald Trump hat – auch wenn viele ihm dies nicht zutrauten – ein Kandidat die Bühne betreten, der das Freihandelsabkommen ablehnt, der den Irakkrieg ablehnt (während seine Gegenkandidatin diesem als Senatorin noch zugestimmt hatte), der sich gegen das Wiederaufleben eines Kalten Krieges mit Russland wendet, der der NATO kritisch gegenüber steht, der sich gegen die bisherige US-Rolle einer ‚Weltpolizei‘ wendet, der sich im Nahost-Konflikt zwischen Israel und Palästina ’neutral‘ verhalten will (und das als GOP-Kandidat!), der dem Credo ‚America First‘ folgt und gerade dadurch und durch seinen Slogan ‚Make America Great Again‘ diesen zentralen außenpolitischen Wandel, der alte politische Fronten auf den Kopf stellt und den Bush-Clan wie auch viele führende NeoCons von einer Unterstützung Trumps abhält, zu einem patriotischen Akt definiert.

emmaclinton„Emma“ mit Sonderthema Hillary Clinton

Es ist nun nicht mehr unpatriotisch und antiamerikanisch, gegen US-geführte Kriege einzutreten – heute ist es unpatriotisch und antiamerikanisch, das Leben amerikanischer Soldaten im Ausland verheizen zu wollen.“ Clinton wird hingegen dank Bias in der Berichterstattung ganz anders wahrgenommen:  „Dass es Clinton ist, die als Senatorin einem Krieg mit tausenden von Todesopfern und Verletzten zustimmte, dass es Clinton ist, die für eine aggressive Politik gegen Russland eintritt, dass es Clinton ist, die sich klar für eine stärkere militärische Rolle der USA auf der Welt (auch stärker als unter Obama) positioniert, dass es Clinton ist, die die NATO stärken will, dass es Clinton ist, die von der Wall Street deutlich stärker abhängig ist als Trump, dass es Clinton ist, die den Freihandel befürwortet – all dies wird so gut wie nicht thematisiert, und wenn, dann in dem reingewaschenen Duktus ihrer eigenen Partei, der diese Positionen in einen liberal-idealistischen Mantel kleidet und dadurch harmlos und progressiv erscheinen lässt.“

Damit ist auch gut erklärt, wie sich „Linke“ und „Feministinnen“ mit politisch korrekter Sprache zufrieden geben können, aber nicht erkennen (wollen?), dass „Toleranz“ gegenüber Übergriffen auf Frauen und Vollverschleierung alles preisgibt, wozu sie sich verbal bekennen. Donald Trump ist nicht der einzige Politiker auf weiter Flur, der Frauen nicht auf Augenhöhe begegnet; als Erstes sollte uns ja wohl Bill Clinton einfallen. Wenn wir diese Debatte führen wollen, muss es darum gehen, wer sich „abusive“ verhält, wer also seine Machtposition ausnützt. Wenn Männer aber meinen, Frauen seien dann ohnehin an ihnen interessiert, funktioniert dies nur, wenn Frauen selbst aus Kalkül handeln, dann aber eben nicht ausgebeutet werden.

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