Frauen und Leadership

Einmal im Jahr wird im Novomatic Forum in Wien zum „Women Leadership Forum“ geladen. Eröffnet wird tradtionell von US-Botschafterin Alexa Wesner, die Keynote kam diesmal von Jasmin Taylor, die ein Reiseunternehmen führt und als 17jährige aus dem Iran nach Deutschland geflohen ist. Es war viel die Rede von Mut, Durchhaltevermögen, eigenen Entscheidungen und von Start-Ups und dies in der Regel aus eigener Erfahrung.

Freilich kamen vor allem die MitarbeiterInnen der VeranstalterInnen, und als“Unternehmerin“ gilt auch jede Spitzenmanagerin oder jede Frau, die sich z.B. mit Coaching selbständig machen will. Parallel zum Forum wurde die Zeitung „Heute“ mal ausschliesslich von Frauen gemacht, und zwar von Journalistinnen, die Herausgeberin Eva Dichand dazu eingeladen hat. Die BesucherInnen des Forums (und wer auch immer in Wien und Niederösterreich auf Öffis wartet oder in eine Bäckerei geht) erfuhren in „die Heute“ auch, welche Frauenregierung die Redakteurinnen Barbara Toth („Falter“) und Iris Bonavida („Die Presse“) sich vorstellen.

Als Kanzlerin anstelle von Christian Kern sehen sie ÖBB-Aufsichtsratsvorsitzende Brigitte Ederer und als Infrastrukturministerin Toths Freundin Eveline Steinberger-Kern; auch Julia Herr, die Vorsitzende der Sozialistischen Jugend ist vorgesehen, und zwar als Gleichstellungsministerin. Und in der Ankündigung des Leadership Forums ist die Rede von „Entscheidungsträgerinnen und Trendsetterinnen“, die sich zum Thema „Digital Power Women“ treffen. „News“ ist auch mit von der Partie und bringt Eva Dichand auf dem Cover („Die Stadt gehört wieder ihr“), die in einem Interview über ihr Jahr in New York spricht, was an den US-Aufenthalt von Kai Diekmann („Bild“) plus Ehefrau erinnert. Im „News“-Interview spricht die Ehefrau des „Kronen Zeitungs“-Herausgebers Christoph Dichand über den Rechtsruck, die Flüchtlinge und warum sie gegen ein Burkaverbot ist.

leadership

Women Leadership Forum

Natürlich weist auch „News“, dessen Chefredakteurin Eva Weissenberger ein Panel moderiert, auf das Forum hin. Im Artikel wird erwähnt, dass es zwar immer mehr Gründerinnen gibt, diese aber häufig in „traditionell weiblichen Berufen im Dienstleistungssektor“ zu finden sind. Oft wirkt die Umgebung bremsend auf die Unternehmerin ein,  indem sie auf das Risiko hinweist. Es ist auch notwendig, Mädchen stärker zu motivieren, technische Fähigkeiten zu entdecken. Die Gesamtmoderation übernahm Sonja Kato, die als Coach selbständig und mit Stadtrat Andreas Mailath-Pokorny verheiratet ist. Nicht nur Kato plus Ehemann gelten übrigens als Beispiel für Verbindungen in der Wiener SPÖ, die etwa die „Presse“ kritisch thematisiert hat („Statt Ehekrach: Politik am Frühstückstisch„): „Das ist auch ein Grund für den Niedergang der Wiener SPÖ. In der Monarchie heiratete man auch nur untereinander. Dann kam’s zur Inzucht“, wird der verstorbene „Parteiphilosoph“ Norbert Leser zitiert.

Es ist nicht überraschend, dass Sonja Kato auch SPÖ-Veranstaltungen moderiert und eine der BeraterInnen der ÖBB ist, die auch am „Leadership Forum“ teilnehmen. Am 14. September 2016 im Novomatic-Forum freute sich Kato über mehr als 200 Anmeldungen und „so viele heimische Entscheidungsträgerinnen“, die gekommen waren. Und ganz besonders begrüßte sie US-Botschafterin Alexa Wesner, deren Auftritt beim Forum zur „schönen Tradition“ geworden ist, die jedoch später als geplant eintraf, weil sie vorher im Parlament war. Als „Mastermind hinter dem Forum“ wurde Renate Altenhofer vorgestellt, auf deren Initiative die Veranstaltung zurückgeht. Sie verwies darauf, dass Österreich in einem Ranking zu „Female Entrepreneurship“ nur an 23. Stelle von 77 untersuchten Ländern liegt (an der Spitze sind die USA, Australien, Großbritannien und die skandinavischen Staaten). Sie ist beruflich mit derartigen Untersuchungen beschäftigt, da sie bei Mitveranstalter Eurobrand arbeitet.

Anett Hanck von „Heute“ meinte, das Forum sei ihr eine „Herzensangelegenheit“, auch weil dazu eine Ausgabe der Zeitung nur von Frauen gestaltet wurde: „Wir hatten dabei so viel Spaß in der Redaktion“, am liebsten hätten alle weitergemacht. Dabei ging es nicht darum, ob Frauen besser oder schlechter als Männer sind, sondern um „unterschiedliche Blickwinkel“. Diese Zusammenarbeit soll Frauen dazu ermutigen, Dinge einfach zu tun: „Trauen Sie sich, machen Sie es, tun Sie’s!“ Sonja Kato fand die Frauen-„Heute“ schlicht „fantastisch“ und sprach davon, dass Frauen sich gegenseitig unterstützen und einander Mut machen sollen. Wolfgang Ebner vom Gastgeber Novomatic berichtete stolz, dass drei von vier Aufsichtsratsmitgliedern Frauen sind; freilich ist ein Mann Aufsichtsratsvorsitzender und in der Geschäftsführung sind sechs von sechs Mitgliedern Männer. Dass Novomatic-Berater Ex-Bundeskanzler Alfred Gusenbauer Aufsichtsratsvorsitzender werden soll, wie Medien meldeten, wurde inzwischen dementiert. Ebner meinte selbstkritisch, dass es bei Novomatic noch „Luft nach oben“ gibt puncto Frauenförderung und bedauerte, dass Foren zu female Leadership überhaupt notwendig sind.

newsdichand

Eva Weissenberger auf Twitter

Kristin Hanusch-Linser ist bei den ÖBB für Innovation zuständig und wird in der Einladung zum Forum kürzer als alle anderen beschrieben, mit diesem Satz: „Diversität, Kollaboration und Vernetzung sind die wichtigsten Rohstoffe der Zukunft. Ein Heimspiel für innovative Frauen.“ Hanusch-Linser war lange Konzernsprecherin und leitet seit März dieses Jahres das „Setvice-Design-Center“ der Bundesbahnen. Natürlich gehört sie zum Netzwerk von Bundeskanzler Christian Kern, der bis Mai noch ÖBB:Chef war, ehe er Werner Faymann ablöste. „News“ gehörte zu jenen Medien, die Kerns Wechsel ins Bundeskanzleramt vorbereiteten, wobei seine einstige Sprecherin auch immer wieder erwähnt wird: „Die Grenzen sind offen; die ‚Trains of Hope‘ rollen durch Österreich; auf den Bahnhöfen weinen hilfsbereite Wiener vor lauter Rührung über die Flüchtlinge. Vergangenen September ist der damalige Kanzler Werner Faymann nach langer Zeit endlich wieder einmal in das ‚ZiB 2‘-Studio gekommen. Vorher schaltet der ORF aber noch live zum Westbahnhof.

Am Bahnsteig steht ÖBB-Boss Christian Kern und sagt: ‚Es sind Bilder, die hier von unserem Land in die Welt gesendet werden -von Menschlichkeit, Mitgefühl und Hilfsbereitschaft.‘ Ein Betrunkener torkelt durchs Bild. Kern lächelt, spricht ohne Pause druckreif weiter. Der Moderator Armin Wolf lässt sich zu einem seltenen Lob für einen Interviewpartner hinreißen: ‚Ich bewundere Ihre Nerven.'“ Hanusch-Linser wird so zitiert:  „Er redet nicht über ungelegte Eier und steht zu dem, was er gesagt hat.“ Freilich werfen Kritiker Kern schon lange vor, in erster Linie Eigen-PR zu machen, zu der Hanusch-Linser sicher nicht unwesentlich beigetragen hat. So besonders sozialromantisch ist Kerns Engagement für „Flüchtlinge“ auch wieder nicht, das „News“, ORF und Co. gerne loben, denn er unterstützte damit illegale Masseneinwanderung nach Österreich und Deutschland. Dies wird deutlich, wenn sich die einleitenden Worte der Diversity-Beauftragten der ÖBB Traude Kogoj als Gastgeberin der Enquete Frauen.Flucht.Migration anhört.

Übrigens ist Hanusch -Linsers Ehemann Generalbevollmächtigter der Verlagsgruppe News, während Christine Stockhammer, die Lebensgefährtin von Peter Kostelka (Präsident des Friedensforschungsinstituts Schlaining), bei dem Kern einst im SPÖ-Parlamentsklub arbeitete, jetzt wie einst Hanusch-Linser die „externe Kommunikation“ der ÖBB leitet. Sie war zuvor in der Volksanwaltschaft tätig, als Peter Kostelka dort arbeitete, ferner im Justizministerium und zuletzt bei der Wiener Stadträtin Sonja Wehsely (Partnerin von Klubobmann Andreas Schieder). Man bzw. frau sieht bereits an den bisher eingeflochtenen Querverbindungen, dass gewisse Frauen bestens vernetzt sind, auch wenn es sich bei näherer Betrachtung von den Netzwerken der Ehemänner und deren Netzwerkpartnern ableitet und damit stark transatlantisch geprägt ist. Hanusch-Linser war dennoch oder deswegen geradezu enthusiastisch, als sie über ihren Aufgabenbereich sprach. Es sei „fast wie ein Start Up“, denn mit dem „Innovation Lab“ werden „neue Ideen im Haus“, also bei den ÖBB entwickelt.

leaderrsip2

Moderatorin Sonja Kato

„Innovation liegt Frauen sehr, sie haben dafür eher Talent als Männer“, meinte sie. Allerdings haben „große Strukturen“ (wie bei den ÖBB) die Tendenz, sich nicht zu verändern, da es immer darum geht, Stabilität herzustellen. „Es braucht aber Veränderung, und das ist ein sehr spannender, nicht entspannter Transformationsprozess“, was sich auch auf die allgemeine Lage bezieht, die Hanusch-Linser an den Begriffen Finanzkrise, Flüchtlingskrise und Digitalisierung festmacht. „Das Unternehmen muss bereit sein zu sagen, ja wir wollen“, und dies haben die ÖBB anscheinend getan. Um ihren eigenen Weg zu gehen, kehrte die aus dem iran stammende Unternehmerin Jasmin Taylor nach dem Studium aus den USA nach Deutschland zurück. Weil ihr Nachname immer buchstabiert werden musste, blieb sie beim Namen ihres Ex-Ehemanns, den sie in Amerika geheiratet hat, und startete mit JT Touristik voll durch.

Taylor profitierte davon, dass während des Iran-Irak-Krieges eine Möglichkeit für Kinder geschaffen wurde, nach Deutschland einzureisen. Sie erinnert sich an ein Flugzeug voller Kinder, in dem sie mit 17 die Älteste war, und daran, dass all diese Kinder so vor dem „Märtyrertod“ durch Minen in Sicherheit gebracht wurden. Wikipedia schreibt unter anderem: „Die Freiwilligenmiliz Basidsch-e Mostaz’afin rekrutierte im Ersten Golfkrieg auch Kinder und Jugendliche, die teilweise als menschliche ‚Minenräumer‘ eingesetzt wurden. Den Eltern der Kinder wurden Prämien versprochen, falls diese als ‚Märtyrer‘ starben. Den Kindern hatte man dabei Plastikschlüssel um den Hals gehängt, die die Pforte zum Paradies aufschließen sollten. Eine halbe Million Plastikschlüssel habe man aus Taiwan importiert.“ Als sie in Deutschland ankam, war sie auf sich gestellt, sich aber dessen bewusst, dass es auf sie selbst ankam. „Man kann sich Mut auch antrainieren, ich musste oft über meinen Schatten springen“, daher kann sie viel aus persönlicher Erfahrung sagen.

Ihr war klar, dass es ein besseres Leben gibt als das Leben im Krieg, auch wenn es bedeutete, von ihrer Familie getrennt zu sein, nachdem sie bislang jede Nacht bei ihren Eltern geschlafen hatte. Wie die BesucherInnen auch anhand von alten Fotos sehen können, musste Taylor als Heranwachsende den Hijab tragen, von dem sie sich durch die Flucht nach Deutschland ebenfalls befreit hat. „Das Leben geht weiter, ob wir Mut zeigen oder nicht“, hat sie damals gelernt und auch, dass es viel an Durchhaltevermögen braucht, denn sie musste die Sprache beherrschen, um Abitur machen und studieren zu können. „Ich schüttle den Kopf darüber, wie der Diskurs über Flüchtlinge heute geführt wird, denn natürlich wollte ich auch ein besseres Leben“, sagte sie. Ihre Reise damals war nicht so gefährlich, da sie zu jenen Jugendlichen unter 18 gehörte, die ohne Visum dem möglichen Einsatz im Krieg entkamen. Freilich hoffte sie, ihre Familie bald wiederzusehen, doch diese blieb im Iran, da ihr Vater erkrankte, und sie selbst gewöhnte sich an Deutschland.

leadership3

Jasmin Taylor

Ihr Heimweh musste sie wegstecken, sie hatte dafür auch keine Zeit, denn sie konnte zwar recht gut Englisch, da sie vor der iranischen Revolution einen amerikanischen Kindergarten besucht hat, jedoch haperte es klarerweise mit Deutsch. In Bonn sprachen viele Menschen Englisch, doch weiter zur Schule zu gehen, musste sie ausreichend Deutsch beherrschen. Mit Hartnäckigkeit schaffte sie es, als Gastschülerin an einem Gymnasium zugelassen zu werden, und bestand schliesslich alle Prüfungen, sodass sie mit 21 Abitur machte. Da ihre Eltern ihr nur unregelmäßig Geld schicken konnten, beschloss sie, für sich selbst aufzukommen, und arbeitete in einem Hotel. „Was man halt so macht, wenn man die Sprache kaum kann“, also Putzen, Zimmermädchen usw., und dabei stellte sie sich immer vor, selbst Gast zu sein, das Haus selbst zu besitzen. Schliesslich wurde sie Nachtportierin, was recht angenehm war, weil sie nebenbei ihre hausaufgaben erledigen konnte. Und beim Weg in die Arbeit der Straßenbahn sah sie immer ihr zukünftiges Leben vor sich, wenn sie aus dem Fenster schaute.

„Meine Gedanken waren stets woanders“, und sie verstand, dass sie nicht nur mutig sein, sondern auch „hartnäckig an ihren Zielen festhalten und an sie glauben“ muss. Sie studierte dann in den USA, „da kam eine große Love-Story hinzu“, sodass sie seither Taylor heisst und ihren Namen nicht mehr buchstabieren muss. „Jch habe eine ganz tolle Ehe geführt, aber ich wollte zurück nach Europa; außerdem ist der Iran von hier aus näher“, erinnerte sie sich. „Ich glaube, ich habe mich selbst immer einen Tick mehr geliebt“, aber „das soll jetzt kein Ratschlag an euch sein“, was das Publikum mit Gelächter quittierte. In Bayern wollte sie Sozialpsychologie studieren, doch dann kam ihr dazwischen, dass sie keineswegs nur nebenbei Unternehmerin wurde. Während des Studiums in den USA lernte sie das Internet schätzen, da sie durch Google-Suche zahlreiche Quellen auftrieb, die ihr sonst wohl nicht bekannt gewesen wären. Man konnte in jener Zeit nicht viel übers Netz verkaufen, unter anderem aber Reisen, sodass sie 2002 ein kleines Ein-Frau-Unternehmen startete.

Sie hatte einen Laptop, kaum Geld aber viele Ideen und reiste sehr gerne; sie dachte, dass sie als Reiseveranstalterin dieser Leidenschaft dann selbst verstärkt frönen könnte, doch das ist nicht der Fall, wie sie ironisch feststellte. 2002 legte sie los, und da im Fernsehen berichtet wurde, konnte sie sich vor Buchungen nicht retten, sodass ihr Unternehmen bis heute stetig expandiert, sie jetzt 65 MitarbeiterInnen, 350.000 KundInnen und 180 Millionen Euro Umsatz hat. Auch wenn Taylor ihren Weg konsequent gegangen ist, weiss sie um die Bedeutung der Rahmenbedingungen, die in puncto Online-Business „fast perfekt“ waren. Sie hat Chancen genutzt, die es gab, und wollte auch nicht vor 100 Jahren als Frau leben, sondern meinte, dass es „noch nie so viele Vorteile für Frauen gab“. Dass Frauen einander Erfolg neiden, ist aus ihrer Sicht ein Ammenmärchen, denn bislang haben sich andere Frauen stets mitgefreut, wenn sie einen Award gewonnen hat. Taylor lebt gerne in Deutschland (und schätzt auch Österreich), doch die Welt in der Bundesrepublik hat sich im letzten Jahr sehr verändert, was ihr Sorge bereitet.

leadership4

Jasmin Taylor

Sieht man sich an, wie unterwürfig der Mainstream mit der US-Botschafterin umgeht, wundert es nicht, dass auch Sonja Kato extrem ehrerbietig wirkt. Es scheint außerdem selbstverständlich, dass Alexa Wesner nicht deutsch, sondern englisch spricht, obwohl sie Tochter von Einwanderern ist(Vater Lette, Mutter Deutsche). Auch in ihrer Tätigkeit als Botschafterin geht es manchmal um Women and Entrepreneurship, was ihr „ein Herzensanliegen“ ist, wenn es um die Herausforderungen des digitalen Zeitalters geht. Wie Ex-SPÖ-Bundesgeschäftsführerin Laura Rudas, deren Lebensgefährte ein Geschäftspartner von Eveline Steinberger-Kern ist, studierte Wesner an der Stanford University. Danach arbeitete sie bei einem Start Up-Unternehmen in Texas und gründete dann mehrere Firmen für Consulting und Personalbeschaffung. Als Unterstützerin Barack Obamas wurde sie ohne diplomatische Erfahrung mit einem Botschafterposten belohnt und gelange so 2013 nach Wien.

Als Selbständige erlebte sie großartige Höhenflüge ebenso wie schmerzhafte Tiefschläge und weiss, dass zwar viele Frauen (und Männer) Unternehmen gründen, aber nur wenige davon dauerhaft Erfolg haben. „Es geht aber um mehr als um Erfolg oder Scheitern“, denn es geht auch um Resilienz, um Hunger, um Energie, um Instinkte, um Vertrauen und vieles mehr. Präsident Obama lud vor einem Monat zur Konferenz „United State of Women“ ins Weiße Haus, einem gut besuchten Gipfel zu Fragen der Gleichstellung. Es ist aber mehr als eine Tagung, da von einer „Bewegung“ die Rede ist, die man natürlich auch in den sozialen Medien findet. Botschafterin Wesner weist darauf hin, dass es immer noch deutliche ökonomische Unterschiede zwischen Frauen und Männern gibt, etwa wenn Gründerinnen nur die Hälfte des Startkapitals aufbringen können, mit dem Männer selbständig werden.

Außerdem wollen Frauen immer noch perfekt sein bzw. nehmen an, ihr Umfeld erwarte das von ihnen. So kochen sie, kümmern sich um die Kinder und arbeiten spät in der Nacht, um die Zeit aufzuholen, die ihnen tagsüber wegen ihrer anderen Verpflichtungen im Job fehlte. Wesner erzählte von ihrer Freundin Jessica, die in Stanford ihre Zimmergenossin war und die früh unternehmerisch tätig wurde, etwa indem sie die größte US-Webseite zum Thema Hochzeiten schuf. Ihr Aha-Erlebnis hatte sie, als sie ein Wochenende mit ihrem Mann verbrachte, aber am letzten Abend noch ein Meeting hatte, sodass er mit den beiden kleinen Kindern allein zurückfliegen sollte. Als er ihr vorschlug, dass sie die Kids doch zu ihrem Termin mitnimmt und er ohne sie heimfliegt, wurde ihr bewusst, dass sie ein großes Problem hat.

United States of Women

Dieses bestand darin, den „nicest man in the world“ in ein „Monster“ verwandelt zu haben, weil Jessica sich nicht gestattete, ihn um Hilfe zu bitten.Sie zog Konsequnzen, hörte auf, von sich Perfektion zu verlangen und teilte die Betreuung der Kinder neu auf, sodass ihr Mann weit mehr übernimmt als vorher. Nun ist vor allem er dafür zuständig, den Alltag mit den Kindern zu organisieren, und Jessica rät Frauen, den Wunsch nach Perfektion aufzugeben, aber nie aufzuhören, außergewöhnlich zu sein. Es geht dabei darum, nicht alles selbst zu übernehmen, sondern das zu tun, was wirklich zählt, erklärte Wesner. Dazu gehört auch politisches Engagement, denn die Welt braucht das Empowerment von Frauen, weil man weiss, dass Staaten stabiler und friedlicher sind, in denen Frauen politisch partizipieren. „Eine wunderbare Frau“ meinte die Moderatorin nach Wesners Statement, wohlweislich ausblendend, dass US-Außenpolitik (auch die verdeckte) mit Empowerment wenig anfangen kann, wenn Frauen (und Männer) die Interessen der eigenen Bevölkerung vertreten.

Fraglos steht Wesner aber für die erfolgreiche Unternehmerin, deren virtuelle Spuren offenbar sorgsam selektiert sind wie die ihres Mannes, der ebenfalls aus der Wirtschaft stammt. Da in der weiteren Diskussion beim Leadership Forum immer wieder angesprochen wurde, wie Frauen entmutigt werden („das geht eh nicht“ oder „du schaffst das nicht“), macht es Sinn, sich das Credo von #StateofWomen zu  vergegenwärtigen: „Be in charge of my own body. Every powerful part. Learn whatever I want like it’s nobody’s business. Stand by my game-changing ideas. Use my voice to stand up for my community. Get paid the same as everyone else doing the same job. Call out sexism when I see it. Not be a silent bystander.“ Es geht auch ins Detail, etwa zum Punkt „Entrepreneurship & Innovation„, illustriert mit Obama und Jungunternehmerin, wo besserer Zugang für Frauen zu Krediten gefordert oder auf den Small Business Jobs Act verwiesen wird, also dass Gründungen erleichtert werden, und natürlich sollen Selbständige auch auf globaler Ebene tätig sein.

Leadership“ wird hier übrigens auch mit Zivilgesellschaft in Verbindung gebracht, und man spricht von Frieden und Sicherheit: „The Obama Administration has a goal to empower half the world’s population as equal partners in preventing conflict and building peace in countries threatened and affected by war, violence, and insecurity. This is critical to our national and global security. Deadly conflicts can be more effectively avoided, and peace can be best forged and sustained, when women become equal partners in all aspects of peace-building and conflict prevention, when their lives are protected, their experiences considered, and their voices heard. In 2011, a National Action Plan on Women, Peace, and Security was launched to ensure women are equal partners in peace-building and conflict prevention under the notion that achieving this goal will be crucial to global security.“ Freilich hat US-Politik etwa in Libyen oder in Syrien (und Druck auf die Politik und die Medien in Europa) wenig mit Frieden und Sicherheit zu tun – aber vielleicht ist das ja doch ein Männerproblem trotz Hillary Clintons Bilanz?

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s