Mut zum Widerstand

Edward Snowden arbeitete zehn Jahre als „government agent“ und erkannte, dass er die amerikanische Bevölkerung nicht schützte, sondern ihre Rechte unterminiert. Dann zog er Konsequenzen, der Rest ist bekannt, er ist nach wie vor ein Idol für viele Menschen. Paradoxer Weise wird er auch von Leuten bewundert, die selbst lieber auf dem falschen Dampfer bleiben, statt sich einmal in Ruhe zu fragen, was sie mit ihren Aktionen tatsächlich bewirken.

Gegen den Strom zu schwimmen erfordert nicht nur deshalb Mut, weil es so wenige tun, es geht auch darum, sich selbst dabei zu begegnen und sich dem zu stellen, was man bisher dachte und getan hat. Sicher fällt es leichter, wenn man wie Jean-Michel Jarre, der „Exit“ mit Snowden produziert hat, das Kind einer Mutter ist, die der Resistance angehörte. Snowden kam von selbst zum Schluss, dass er nicht mehr so weitermachen kann und Medien Informationen über das in der Öffentlichkeit nicht bekannte Ausmaß an Überwachung zuspielen muß.

Wenn man sein Leben für die Wahrheit aufs Spiel setzt (wie er es getan hat), weiss man nicht, ob es sich „lohnt“ in dem Sinn, dass Veränderungen bewirkt werden. Es kommt auf die eigene Haltung an, die Jarre von seiner Mutter einst so erklärt bekam, dass man nicht schweigen kann. Viele Menschen haben den Eindruck, sich weit aus dem Fenster zu lehnen, weil sie gegen andere auftreten, etwa gerade im verlängerten österreichischen Bundespräsidentenwahlkampf, wo ein Kandidat der Grünen und einer der Blauen einander als Extreme gegenüber stehen. Dabei ist das nur das Party A vs. Party B und dann umgekehrt-Prinzip, das hier von David Icke erklärt wird.

Musikclip „Exit“

Icke bezieht sich auf den US-Wahlkampf und kritisiert Alternativmedien, die sich im Grunde wie der Mainstream verhalten, indem sie auf einen Kandidaten (Donald Trump) setzen. Damit aber machen sie das Spiel mit, in dem zwei Möglichkeiten angeboten werden, damit sich die Bevölkerung mal für die eine, mal für die andere entscheidet und stets unzufrieden ist. Einigen Alternativmedien kommt es vor allem auf viele Klicks an, sodass sie und ihre GestalterInnen zu ihren UserInnen werden, statt für diese zu berichten und dabei sie selbst zu bleiben. Icke meint, es fehle an Visionen, an der Vorstellung vom Erreichen eigener Ziel, die sich abseits der Varianten A oder B befinden.

Auf diese Weise werden auch bei uns Menschen gegeneinander ausgespielt, die sich in jene spalten, die sich selbst über andere (sog. Flüchtlinge) definieren und in die Bevölkerungsgruppe, diese Form der Zuwanderung ablehnt und ihr „Heimat“ entgegensetzt. Außerdem bezieht man Befriedigung daraus, nicht wie die anderen zu sein, was gerade die AnhängerInnen von Alexander Van der Bellen und Norbert Hofer bis zum Exzess in den sozialen Medien zelebrieren. Da ich links bin, fehlen mir Erfahrungen in rechten Kreisen, die ich natürlich auch durch Recherche etc. kenne,  in denen ich mich aber alles in allem viel seltener bewegt habe. Doch bezogen auf die Szene, die sich als links versteht und die zumeist vollkommen abgedriftet ist, kann ich aufzeigen, wo man aus Snowdens Verhalten lernen sollre.

Links ist kaum mehr vorhanden als mobilisierende Kraft – früher war es möglich, größere Demos, Kundgebungen, Aktionen, Petitionen, Symposien, Konzerte etc. auf die Beine zu stellen. Heute ist all dies umgelenkt auf „refugees welcome“, was natürlich über Linke hinausgeht und damit verbunden wird, auch „gegen Rechts“ zu sein. Links war einmal internationalistisch, antiimperialistisch, pazifistisch und auf der Seite der arbeitenden Menschen, der Schwachen in der Gesellschaft. Links hatte auch den Anspruch, emanzipatorisch zu sein, selbst wenn es in der Praxis zahlreiche Machos unter linken Männern gab. Und was ist heute geblieben? Wo sind Demos gegen Kriege, Interventionen, Regime Changes? Wo werden die Rechte der Arbeitenden, der Schwachen gestärkt, wo geht es noch um Emanzipation statt um gendergerechte Sprache und genderfluide Identitäten?

Jean-Michel Jarre und Edward Snowden zu „Exit“

Sieht man sich die Entwicklung seit dem Fall der Berliner Mauer an, begannen USA und NATO ab diesem Moment, ihren Einfluss immer stärker auszudehnen. Zugleich entstand anstelle der starken Friedensbewegung (die sich in den 1980er Jahren gegen die sogenannte „Nachrüstung“ der NATO wandte) eine ziemlich selbstgerechte „Zivilgesellschaft“, die US-Strategie begleitete, indem sie Migration und die Integration von Flüchtlingen forderte, förderte und forcierte. Man erkennt diese Prozesse, wenn man militärische Aspekte mit zivilgesellschaftlichen kombiniert und analysiert. Gab es im Jahr 2003 noch Demos gegen den Irakkrieg auch in Österreich, lockten Libyen, die Ostukraine oder Syrien niemanden mehr hinter dem Ofen hervor, der heute verlangt, „Fluchtursachen“ zu bekämpfen.

Wer Kriege ausblendet, wird verdeckte Kriegsführung erst recht nicht wahrnehmen wollen. Gegen diese könnte man auch nicht protestieren, indem man sich zu einer Kundgebung begibt, ein Transparent trägt, Reden lauscht (oder selbst spricht) und dann wieder heimgeht, sondern sie ist Teil von allem. Sie begegnet uns in Medienberichterstattung, die „refugees“ über alles stellt und die PolitikerInnen pusht oder basht, je nachdem, wie sie sich zur forcierten Agenda verhalten. Wir werden zu Bauern und Bäuerinnen auf fremdem Schachbrett, wenn wir uns bei unseren Emotionen packen und für oder gegen etwas instrumentalisieren lassen. Aber auch wenn wir dies durchschauen, müssen wir auf Situationen und Personen reagieren, die unter Einfluss stehen, sodass unbefangene Kommunikation ohne Desinformation und Manipulation nicht möglich ist.

Heute posten Pseudo-Linke auf Facebook andächtig Bilder vom diesjährigen Hiroshima-Gedenken, ohne sich auf Diskussionen über Atomwaffenpotenziale, nukleare Teilhabe in Europa und Spannungen zwischen USA und Russland einzulassen. Und sie erinnern an den CIA-Putsch in Chile 1973,  betrachten dieses Ereignis aber ebenso isoliert wie die Atombombenabwürfe 1945 nichts mit den 2016 vorhandenen Arsensalen zu tun haben. Konsequent verweigern sie jede Auseinandersetzung mit Masseneinwanderung, Destabilisierung, US-Think Tanks und -Stiftungen, transatlantischen Seilschaften und Globalisten, obwohl man sehr viel durch Veröffentlichtes gut nachvollziehen kann. Es ist bezeichnend, mit welcher Befriedigung Leute, die sich als kritisch verstehen, zu Kommentaren zu Pannen bei der Bundespräsidentenwahl verlinken, in denen der Begriff „Bananenrepublik“ verwendet wird.

Asma Al Assad zum kulturellen Erbe Syriens (2010)

Es wird nicht darüber nachgedacht, ob diese Bezeichnung vielleicht passend ist, leitet sie sich doch von der Rolle von United Fruit (deren PR-Berater Edward Bernays war, der Neffe von Sigmund Freud) beim CIA-Putsch in Guatemala 1954 ab. Wer wird wohl Alexander Van der Bellen als Präsidenten wollen, der für einen Staat Europa statt Österreich ist und in dessen Personenkomitees sich viele TransatlantikerInnen befinden? Bernays sagte übrigens unter anderem: „Wenn wir den Mechanismus und die Motive des Gruppendenkens verstehen, wird es möglich sein, die Massen, ohne deren Wissen, nach unserem Willen zu kontrollieren und zu steuern.“  In seinem Buch „Propaganda“ schrieb er: „Die bewusste und intelligente Manipulation der organisierten Gewohnheiten und Meinungen der Massen ist ein wichtiges Element in der demokratischen Gesellschaft. Wer die ungesehenen Gesellschaftsmechanismen manipuliert, bildet eine unsichtbare Regierung, welche die wahre Herrschermacht unseres Landes ist.

Wir werden regiert, unser Verstand geformt, unsere Geschmäcker gebildet, unsere Ideen größtenteils von Männern suggeriert, von denen wir nie gehört haben. Dies ist ein logisches Ergebnis der Art wie unsere demokratische Gesellschaft organisiert ist. Große Menschenzahlen müssen auf diese Weise kooperieren, wenn sie in einer ausgeglichen funktionierenden Gesellschaft zusammenleben sollen. In beinahe jeder Handlung unseres Lebens, ob in der Sphäre der Politik oder bei Geschäften, in unserem sozialen Verhalten und unserem ethischen Denken werden wir durch eine relativ geringe Zahl an Personen dominiert, welche die mentalen Prozesse und Verhaltensmuster der Massen verstehen. Sie sind es, die die Fäden ziehen, welche das öffentliche Denken kontrollieren.“ Dass dies zu Krieg und Bürgerkrieg führt, wenn man „Massen“ entsprechend mobilisiert und steuert, ist die leidvolle Erfahrung der Menschen im ehemaligen Jugoslawien oder in Syrien.

Noch 2010 sprach Asma Al-Assad, die Ehefrau von Bashar Al-Assad, in Paris über das kulturelle Erbe ihres Landes, das Zusammenleben der Religionen und dass mit einer neuen Form der Bürgerschaft besonders die Jungen eingebunden werden sollen. Jene historischen Stätten, die für die Menschen ein Teil ihrer selbst waren, gibt es vielfach nicht mehr. Man brachte mit verdeckter Kriegsführung und via scheinbar gemäßigte „Rebellen“ und IS Menschen des Nahen Ostens dazu, ihre eigene Kultur, ihr eigenes Erbe zu zerstören, einander zu bekämpfen und zu töten. Handlanger saßén stets auch hier in Europa, in Form transatlantischer Medien und von PolitikerInnen, die entweder Kriegshetzer sind oder sich nicht trauten, gegen den Strom zu schwimmen. Und wer meint, bei uns oder anderswo könne das nicht passieren, sei auf „Warum bricht ein Krieg aus, den niemand will?“ verwiesen.

Friedenskonzert in Sarajewo 1991

1991 gab es eine Friedensbewegung in Jugoslawien samt Konzert in Sarajewo, mit dem „naive“ MusikerInnen den drohenden Krieg verhindern wollten. Davor Ebner erinnert sich mit diesen Worten: „Die Energie war abnormal. Ich will keine abgedroschenen Worte wie Brüderlichkeit und Einheit in den Mund nehmen, aber dieses zwischenmenschliche Verständnis, das war einfach da. Es war etwas ganz Besonderes. Und dann, nur kurz danach, war es weg. Da war auf einmal diese riesige Distanz zwischen den Völkern, zwischen den Menschen. Inzwischen wächst das Verständnis füreinander wieder, ganz langsam; vielleicht kommen wir am Ende wieder dahin, dass wir uns verstehen.“ Es ist kein Zufall, dass zu den KriegstreiberInnen auch PolitikerInnen der Grünen  im restlichen Europa gehörten,  u.a. der Abgeordnete Peter Pilz, über den Van der Bellen zu den Grünen kam. Was bleibt, ist die Erinnerung daran, dass Menschen eine Entwicklung verhindern wollten, die andere forcierten, und für die es notwendig war, die Bevölkerung mit Haß zu spalten.

Links Sein soll nicht Analyse und Engagement sein, sondern ferngelenkter Einsatz ohne jede  Reflexion. Deshalb ist man auch nicht mehr kritisch und auf der Straße gegen Kriege, sondern ganz allgemein, mehr aus dem Bauch heraus, weil es nur mehr darum geht, „Menschlichkeit“ gegenüber Personen unter Beweis zu stellen, die meist recht wenig mit bisherigen Flüchtlingen gemeinsam haben. Man ist noch ein bisschen antikapitalistisch, indem man wie die Sozialistische Jugend eine Aktion gegen Steuerflucht vor einer McDonalds-Filiale macht, ohne zu bedenken, dass die meisten Läden von FranchisenehmerInnen betrieben werden, die Steuern bezahlen. Die Panama Papers dienten dazu, nur im Konjunktiv vorhandene Steuerleistungen realen Staatsbudgets hinzuzufantasieren, um so zu behaupten, dass eh genug für alle da sei – für unsere Bevölkerung und für „Schutzsuchende“.

Linke Frauen und Männer sollen nicht mehr für Emanzipation sein, sondern sich dem Islam unterwerfen – da wird dann schon mal die Burka als Einschränkung der Freiheit zur Maßnahme gegen die Einschränkung von Freiheit, weil die Betroffenen sonst ja überhaupt nicht mehr ins Freie kämen.  Bezeichnender Weise ignorieren Instrumentalisierte gerne linke Stimmen gegen Unterdrückung und empören sich darüber, was Rechten eigentlich einfällt, gegen die Ablehnung von Frauenrechten aufzutreten. Und besonders gerne machen sie bei allem mit,  das sich als Beziehungszerstörungsprojekt äußert, weil ja die Bindung Einheimischer aneinander ebenso hinderlich ist wie das Bekenntnis zum eigenen Land. Wer noch nicht aufgewacht ist und erkannt hat, dass gerade die Menschen leichte Beute sind, die sich ihr Leben lang engagiert haben, könnte zu spät begreifen. Denn wie Edward Snowden gesagt hat, muss man erkennen, wann man nicht den Zielen dient, die man selbst auf Fahnen heften ließ, sondern all dem schadet, woran man geglaubt hat.

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