Deborah Tannen zu Medien und Gender

Frauen in Machtpositionen werden immer nach ihrem Äußeren beurteilt und darauf reduziert, sagte die bekannte Linguistin Deborah Tannen bei einer Tagung  an der Universität Wien. Männern bleibt dies meistens erspart, fügte sie hinzu – und aus aktuellem Anlass könnte man meinen, die neue frauenlose Landesregierung in Oberösterreich verzichtet ebenfalls auf derlei Bewertungen.

Tannen illustrierte ihren Vortrag im Rahmen des Symposiums „Gender_Language_Politics“ (1) mit Aufnahmen der PräsidentschaftskandidatInnen Donald Trump und Hillary Clinton, analysierte aber auch Fotos von Bill Clinton, Alexis Tsipras und Yannis Varoufakis. Deutlich wurde, dass Hillary Clinton ihren Haarschnitt und damit auch ihren Stil sehr oft gewechselt hat, während sich ihr Ehemann über die Jahre nur moderat verändert hat.

Allerdings geht es bei Trump inzwischen auch um seine Frisur, die zu Postings im Web mit Tierfotos im Trump-Stil geführt hat. Außerdem gibt es eine Menge an Fotomontagen unter dem Motto „We shall overcomb“. (2) Es mag (noch) ungewöhnlich sein, dass ein Mann wegen seiner Haare attackiert wird; für Frauen ist dies aber eine alltägliche Erfahrung, betont Tannen. Allerdings wirken Trumps Haare „weird“, und das wird von vielen auf seine Ansichten übertragen, meint Tannen zum beginnenden Wahlkampf.

„Ich habe selbst immer wieder erlebt, dass meine äußere Erscheinung in Medien thematisiert wurde, was ich oft richtig ärgerlich fand“, sagt sie. Auch in der akademischen Community tragen Männer im Grunde alle das Gleiche, mit nur geringen Abweichungen, was von ihren Anzügen bis zu ungestylten Haarschnitten reicht. Hingegen findet man bei Frauen eine grosse Bandbreite an Kleidung. Haartracht und auch Schuhen – mit dem Effekt, dass Tannen einmal mit anderen Frauen zu einer Konferenz eilte und die Langsamste schliesslich ihre High Heels in der Hand trug.

Viele Frauen beschäftigen sich ständig mit ihren Haaren, erklärt die Linguistin; sie haben manchmal Frisuren, bei denen Strähnen vor ein Auge fallen oder werfen die Haare immer wieder zurück. Männer wählen hingegen bei Frisur und Kleidung „geringfügige Variationen ihrer selbst“, was dazu führt, dass sie „unmarked“ durchs Leben gehen. Man kann diesen Begriff wohl am besten mit „nicht gekennzeichnet“ übersetzen, da Frauen stets „marked“ sind, d.h. in der Wahrnehmung ihrer Person Äußerlichkeiten kennzeichnend sind.

Als Tannen eine Sammlung von Aufnahmen Hillary Clintons zeigt, wird deutlich, wie sehr sie immer wieder ihre Erscheinung geändert und daher auch in neue Rollen geschlüpft ist. Wohl kein Zufall ist dabei, dass sie als zu emanzipierte Präsidentengattin zeitweise zu Haarbändern griff, die sie braver erscheinen ließen.

Bekannte Beispiele von Männern, die nicht mittels Anzug-Einheitstracht politische Spitzenpositionen einnehmen wollten, sind Alexis Tsipras und Yannis Varoufakis von Syriza, die Tannen in ihren Vortrag einbezieht. Man sah sie niemals mit Krawatte, und Varoufakis trug oft Shirt und Lederjacke, was sie von allen anderen Männern unterschieden hat, mit denen sie auf gleicher Ebene Gespräche führten.

Ihnen war bewusst, dass sie damit ein Statement abgeben, das in der Öffentlichkeit auch richtig verstanden wurde; sie vermittelten so symbolisch, dass ihre „linkspopulistische“ Partei anders ist als die anderen. Freilich sieht man zwar nicht unbedingt im EU-Rat, aber in unserer Innenpolitik Minister immer wieder auch ohne Krawatte, beispielsweise Außenminister Sebastian Kurz. Uns ist außerdem geläufig, dass man(n) sich bei Katastrophen (Hochwasser zum Beispiel) angemessen gekleidet vor Ort begibt, also etwa mit Gummistiefeln.

Tannen betont, dass Männer die Wahl haben, „marked“ oder „unmarked“ politische Ämter zu bekleiden, was Ablenkung durch Äußerlichkeiten betrifft, die stets auch trivialisiert. Frauen werden, ob sie wollen oder nicht, immer auch dadurch charakterisiert, wie sie sich kleiden und frisieren und müssen zudem die Balance zwischen „sexy“ und „zu sexy“ finden. Wie die double bind-Situation wirkt, in der sich Frauen befinden, zeigt Tannen am Beispiel von US-Stadträtinnen, von denen eine in den Medien als „mädchenhaft“ beschrieben wurde, während bei der anderen bemerkenswert war, dass sie kein Make-up getragen hat. „Haben Sie jemals gelesen, dass bei einem Mann erwähnenswert ist, dass er auf Make-up verzichtet?“, fragte Tannen das amüsierte Auditorium. Die bisher einzige Vizekanzlerin Österreichs, Susanne Riess-Passer, erzählte in einer Diskussion einmal, dass nach Fernsehauftritten rund 90% der Anrufe im Kanzleramt ihr Halstuch oder ihre Frisur kommentierten.

Sobald es um das Äußere geht, wird die Autorität einer Person unterminiert, wird von ihrem oder seinem Tun abgelenkt. Vor wenigen Wochen wurde berichtet, dass Bundeskanzler Werner Faymann seine Make-up-Kosten offenlegte; dabei geht es natürlich um Interviews, aber dennoch sind sie beachtlich, sodass sich viele Frauen um dieses Geld ihr Leben lang schminken könnten. (3) 2013 reihte ihn „Vanity Fair“ übrigens seiner Haare wegen unter die Top 10 der „Best Dressed World Leader“, was wie zur Bestätigung von Tannens Vortrag von vielen spöttisch aufgenommen wurde, die mit seiner Politik unzufrieden sind. (4)

Als im März 2013 Verteidigungsminister Norbert Darabos von Gerald Klug abgelöst wurde, bastelten die Medien holzschnittartige Bilder von beiden: Darabos war der „noch jugendlich aussehende“ Ex-Zivi mit schwarzen Haaren, den man damit erneut als heeresfern zeichnete; die Glatze des jüngeren Klug diente hingegen dazu, diesen zum militäraffinen Ex-Grundwehrdiener zu stylen, der sogar militärisch aussieht. Bei Klug wurde später, bei einsetzender Ernüchterung über seine Performance, dessen Hang zu akkurater Kleidung mit negativem Unterton dargestellt, weil es ihm eben doch an sicherheitspolitischer Kompetenz mangelt. (5)

Frauen, die im Fernsehen zu sehen sind bei offiziellen Anlässen haben Tannen erzählt, welches Feedback sie von ihren Müttern bekommen. Da heisst es etwa, „du hast offensichtlich keine Zeit gehabt, dir die Haare zu machen“ oder „in diesem schwarzen Kleid siehst du großartig aus“. Die Frauen verstehen dies oft als Ignoranz gegenüber ihrer Leistung und beklagen auch, dass ihre Mütter an ihrem Äußeren herumkritisieren. „Dabei meinen Mütter es nicht negativ, sie wollen ihren Töchtern ja nur helfen“, erklärt Tannen. Wenn solche Mißverständnisse aber ausgeräumt werden, können die Töchter mütterliche Ratschläge als hilfreich begreifen und nicht als Abwertung ihrer Person. (6)

Zugleich verbindet aber Shopping nicht nur Mütter und Töchter, sondern auch Freundinnen, sagt Tannen. Sie bringt das Beispiel von zwei Frauen, die einander via Social Media Bilder von Kleidung schicken, gar nicht so sehr, um diese online zu bestellen, sondern um zu beratschlagen: „Meinst du, das würde mir stehen?“ Was die beim Symposium auch erörterte Kopftuchdebatte betrifft, ist diese nur die andere Seite der Medaille unseres Zugangs zum weiblichen Haar. Denn die Haare einer Frau gelten – umso mehr, je länger sie sind – ebenso wie Brüste als sekundäre Geschlechtsmerkmale. Frauen sollen sexy sein, damit sie als „gute“ Frauen gelten; aber nur ja nicht zu sehr, denn dann sind sie keine guten Frauen mehr.

Hillary Clinton ist eine jener Frauen, die nach einer Art geschlechtsneutraler Business-Kleidung suchen, sagt Tannen. Sie erinnert an Jeanne d’Arc, der unter anderem vorgeworfen wurde, dass sie sich wie ein Mann kleidete. Jeanne erwiderte, dass sie sich wie ein Soldat anziehe, wenn sie unter Soldaten ist, damit sie in ihrer Gesellschaft sein – und nachts im Heerlager schlafen – kann wie wenn sie mit ihren Brüdern zusammen ist. „Das bedeutet, ‚denk nicht an mich als sexuelles Objekt'“, interpretiert Tannen das Verhalten eines mutigen Mädchens im 14. Jahrhundert. Jede Referenz auf die Sexualität einer Frau unterstreicht nämlich ihre Verletzbarkeit, und deshalb kann ein untergebener Mann sehr wohl die Autorität einer Vorgesetzten untergraben, wenn er sie auf der sexuellen Ebene attackiert.

Es versteht sich übrigens von selbst, dass niemand auf die Idee kommt, schwarze Anzüge als „desexualisierend“ zu bezeichnen. Tannen appelliert an die Verantwortung von JournalistInnen, weil sie die Position aller Frauen schwächen, wenn sie sich auf ihr Äußeres konzentrieren. Es wirkt fast unfreiwillig ironisch, wenn am Tag von Tannens spannendem Vortrag das Frauennetzwerk Medien bekanntgibt, eine Journalistin für genau diese Art Berichterstattung mit seinem Medienpreis auszuzeichnen. Christa Zöchling vom „profil“ hat nämlich das Publikum beim FPÖ-Wahlkampfauftakt beschrieben in einer Aneinanderreihung negativer und herabwürdigender Bezeichnungen für die äußere Erscheinung dieser Leute.

Da ich die Kundgebung auch verfolgte, um darüber zu berichten und zeitweise auf gleicher Höhe wie Zöchling stand, also die gleichen BesucherInnen im Focus hatte, verwundert mich ihre Darstellung zudem, denn mir erschien das Publikum recht heterogen; viele waren durchaus gut gekleidet und von passablem Äußeren. Was andere betrifft, sollte man sich fragen, ob sie arm sind, was ja leider für viele Menschen in Wien gilt, gerade auch im Bezirk Favoriten, wo die FPÖ in den Wahlkampf startete – und wo ähnliches Publikum bei Kundgebungen der SPÖ zuhört, nur nebenbei bemerkt. Aber wie Tannen richtig sagt, dient das Konzentrieren auf Äußerlichkeiten dazu, von Inhalten und Themen abzulenken; hier um den Preis, dass Menschen stigmatisiert werden, weil sie bei einer Wahlveranstaltung stehen geblieben oder zu dieser gekommen sind. (6)

Zwar ist Tannen dafür, dass Frauen sprachlich sichtbar werden, sie versteht aber auch, wenn Betroffene weibliche Bezeichnungen als „trivialisierend“ empfinden. „Eine Schauspielerin sagte mir, dass sie sich als ‚female actor‘ sieht, da sie sich damit befasst, Charaktere zu verkörpern; eine ‚actress‘ ist für sie jemand, die sich mit der Länge ihrer Wimpern beschäftigt.“ Da gerade ein „Gender-Leitfaden“ beim Bundesheer für Kritik sorgt (8), frage ich sie nach Erfahrungen mit Soldatinnen.

Sie bestätigt, was ich aus Österreich kenne, nämlich dass Frauen militärische Dienstgrade in der gegebenen Form als geschlechtsneutral und als Anerkennung ihrer Leistungen betrachten. Auch für Soldatinnen hier bei uns wäre es Trivialisierung, krampfhaft alles zu gendern – statt etwa dafür zu sorgen, dass es nicht bei einer einzigen Frau im (untersten) Generalsrang bleibt. Über diese, Brigadier Andrea Leitgeb als Kommandant der Sanitätsschule, wurde übrigens in einer Weise berichtet, die bei einem Offizier undenkbar wäre: Ob sie auch mal Angst hat, ob sie manchmal weint, ob sie sich schminkt, ob sie gerne kocht etc. wurde die Militärärztin gefragt, die Auslandseinsätze hinter sich hat.

(1) https://glp2015.univie.ac.at/de/home/ – Tannens Vortrag trug den Titel „Beyond Sexism: Why Journalists always Write about Women’s Hair and Clothes – and probably always will“
(2) http://www.google.at Bildersuche „we shall overcomb“
(3) http://kurier.at/politik/faymann-legt-seine-make-up-kosten-offen/152.118.657
(4) http://kurier.at/lebensart/style/wahlerfolg-fuer-faymann-in-den-top-10-der-best-dressed-world-leader/7.040.676/slideshow
(5) dazu gab es einige Analysen auf der Ceiberweiber-Seite, ebenso zur Situation beim Heer; wenn man die Namen „Norbert Darabos“ bzw. „Gerald Klug“ bei der Google-Bildersuche eingibt, sieht man, dass mehr Darabos-Meuchelfotos publiziert werden als entsprechende von Klug. Weitere Aufnahmen findet man bei http://www.bmlv.gv.at im Meldungsarchiv, d.h. dort kann man sich ein relativ objektives Bild von beiden machen, siehe z.B. „Darabos besucht Soldaten am Golan“ (2011) http://www.bundesheer.at/cms/artikel.php?ID=5577 und „Klug verabschiedet Soldaten in den Auslandseinsatz“ (2013) http://www.bundesheer.at/cms/artikel.php?ID=6578
(6) Buch „You are wearing that?“ siehe http://faculty.georgetown.edu/tannend/book_youre_wearing.html
(7) http://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20151019_OTS0134/5-wiener-journalistinnenpreis-fuer-profil-redakteurin-christa-zoechling und http://www.fpoe.at/artikel/fpoe-kickl-anzeige-gegen-profilredakteurin-zoechling-beim-presserat/
(8) http://kurier.at/politik/inland/gender-sprachleitfaden-beim-heer-sorgt-fuer-kopfschuetteln/159.551.388 – auf der originalen Ceiberweiber-Seite gab es auch einiges zum Thema Frauen und Heer; letztlich habe ich nur Begriffe wie Soldat und Agent gegendert, da es bei allem anderen absurd wirkt, etwa bei „Mann“ als Synoym für Truppenstärken…

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